Bietgheim-Bissingen / Heike Rommel

Unter der Leitung der Stadtverwaltung, Vertretern des Planungsbüros BS-Ingenieure und des Moderatorenteams Sinnwerkstadt haben am Samstag rund 30 Bürger an einem Ideenworkshop für den Verkehrsentwicklungsplan teilgenommen. Die Veranstaltung im Enzpavillon brachte allerhand Ideen zu Tage von der Trennung von Rad- und Fußwegen bis zu Urlaubstagen für Radpendler. Bereits am Freitag hatten sich Teilnehmer – teilweise die selben – mit dem Individualverkehr befasst (Ergebnisse im Infokasten).

Hauptziel der Veranstaltung am Samstag war die Steigerung der Attraktivität des Fuß- und Radverkehrs und des Mobilitätsmanagements in Bietigheim-Bissingen. Ausgangspunkt war das hohe Verkehrsaufkommen und dessen Auswirkungen, dass sich bis zum Jahr 2030 gravierend verändern soll: Die Zielgrößen: 20 anstatt momantan 17 Prozent Radfahrer, 30 anstatt 15 Prozent Fußgänger und so viel wie möglich anstatt nur zwölf Prozent öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV). Der Status quo nach Oberbürgermeister Jürgen Kessing: „Unsere Leute fahren lieber mit dem Auto auf jede Entfernung, die länger ist als das Auto.“ Oder wie die Moderatorin Stephanie Utz auch meinte, als Elterntaxi am liebsten in den Kindergarten oder in die Schule hinein.

Verkehrssicherheit, mehr Fahrradabstellplätze, bessere Beleuchtung, mehr Winterdienst, Barrierefreiheit, Radladestationen und E-Ladesäulen: Bislang fehlt es da auch in Bietigheim, wo der Bus aus Bissingen immer noch mit der Kirche ums Dorf fährt, an allen Ecken und Enden. Wünsche gibt es viele bis zur Anstellung eines Fahrradbeauftragten durch die Stadt und die Auflösung der Zwei-Richtungsradwege beispielweise im Poststräßle beim Möbelhaus Hofmeister, in der Gustav-Rau-Straße oder in der Großingersheimer Straße.

Die Workshop-Teilnehmer im Enzpavillon bündelten als Grundlage für die Planer, was ihnen am wichtigsten wäre, und das war sehr viel. Urlaubstage für Radpendler, weil die ja nicht so oft krank sind wie Kollege Autofahrer, war der originellste Vorschlag. In den Gemeinderat hinein tragen soll Bürgermeister Joachim Kölz außerdem: Eine bessere Taktung und mehr Anzeigetafeln im Busverkehr, zum Zwecke des barrierefreien ZOBs den Bogenviertelplan ändern und ein Zuarbeiten der Stadt auf die landesweit geplanten Schnellradwege.

Zu den weiteren Wünschen der Bürger gehören auch die Verkürzung der Ampelphasen, wenn nicht gar eine grüne Welle für die Radler, ein Vorgehen der Stadt gegen Gehwegparker und Kampag­nen zum Thema „Lust auf Radfahren“. Dazu, so kam es aus den Arbeitsgruppen, könnten autofreie Sonntage veranstaltet werden, an denen die B 27 gesperrt wird, und ständige Arbeitsgruppen eingerichtet werden. Fahrradpiloten für Schüler stehen genauso auf dem Wunschzettel wie eine Innenstadt-Analyse zur Ergründung, wo die Pendler hinfahren.

Wunsch: Bahntrasse nutzen

Um die Aufenthaltsqualität Bietigheim-Bissingens zu verbessern, sollte die Mitnahme von Fahrrädern in öffentlichen Verkehrsmitteln kostenlos sein und Schließfächer an Radstationen geschaffen werden. Der radelnde Arbeitnehmer wäre nicht nur froh, wenn er seinen Helm und sonstiges Zubehör unterbringen könnte, sondern wenn er vor Arbeitsbeginn auch noch irgendwo duschen könnte. Als Radweg genutzt gehört dem Wokshop zufolge auch die ehemalige Bahntrasse Bietigheim-Freiberg und eine bessere Anbindung des Hit-Marktes. Pakete, so wünschen sich die Teilnehmer, sollten innerhalb des Stadtgebietes in Zukunft mit Lastenfahrrädern zugestellt werden.

Negativ wurde im Workshop beim anschließenden Voting durch Punktevergabe Folgendes bewertet: Ein Mini-Führerschein für E-Bikes wäre „nicht gerade der Hit“. Ein Autoverbot für Eltern am Kindergarten auch nicht.

Die Ergebnisse des Workshops werden jetzt dokumentiert. Die Abschlussveranstaltung zur Präsentation der Planung für die Bürger findet aber nicht mehr vor der Sommerpause statt. Denn die Bietigheimer waren „extrem fleißig“, wie Bürgermeister Kölz feststellte. Dank ihnen sei die Verkehrsentwicklungsplanung „ein gutes Stück weiter gekommen“.

Schutz der Natur steht im Vordergrund

Im Workshop für den Individualverkehr, der am Freitagabend stattfand, konnte sich nach Auskunft von Pressesprecherin Anette Hochmuth nur eine Minderheit für eine Umfahrungslösung erwärmen. Bei der Bewertung der in drei Arbeitsgruppen erarbeiteten Vorschläge zur Verkehrsentlastung in der Stadt votierten demnach zwei Drittel der Teilnehmer für eine Stärkung des Umweltverbunds. Darunter versteht man Maßnahmen zur Stärkung des öffentlichen Personennahverkehrs, des Rad- und Fußverkehrs, um die Bürger dazu zu animieren, das Auto stehen zu lassen. Auf neue Straßen solle zum Schutz von Natur und Grünflächen verzichtet werden, so Hochmuth zum Workshop-Ergebnis. Letztere waren ohnehin als sehr kostspielig beschrieben worden (die BZ berichtete). Als sinnvoll wurde von der Mehrheit aber eine Ertüchtigung der Südumgehung erachtet, ferner eine intelligente Ampelschaltung.

Ein Drittel der Teilnehmer fand laut Hochmuth die von der FDP vorgeschlagene große Nord-West-Umfahrung gut. Diese ist allerdings auch die teuerste der diskutierten Umfahrungsvarianten. Weniger Anklang fanden die übrigen Westumfahrungen, die im Rennen sind. um