An einem sonnigen Tag wie heute konnte ich nicht lange draußen bleiben, ohne Migräne zu kriegen“, erzählt Freddy Cabana, Eishockey-Stürmer der Bietigheim Steelers, von einer schweren Gehirnerschütterung, die ihn lange zum Nichtstun verdammte. „Die Leute denken, man spinnt, weil ich äußerlich ganz fit gewirkt habe“, führt der Deutsch-Kanadier, der seit 2014 für den Zweitligisten auf Torejagd geht, weiter aus.

Anlass für die tiefen Einblicke in die Verletzungsgeschichte des Profisportlers ist ein Pressegespräch zum Start eines in der Region einzigartigen Projekts: Seit Juni gibt es das „Concussion-Center SüdWest“ in Bietigheim-Bissingen und Ludwigsburg. Jetzt haben die Verantwortlichen das Projekt erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Wörtlich übersetzt geht es dabei um ein Gehirnerschütterungs-Zentrum. Dahinter verbirgt sich ein Netzwerk von vier Medizinern, die Experten für verschiedene Aspekte dieses Themas sind und nun im ständigen Austausch stehen zum Wohl der Patienten.

Initiiert wurde das Netzwerk von Dr. Boris Brand, dem Mannschaftsarzt der Steelers, der auch Verbandsarzt beim Deutschen Eishockey-Bund (DEB) ist, und von Wolfgang Kringler, der als Neuropsychologe bei Reha Hess in Bietigheim arbeitet. Außerdem gehören der Neurochirurg Professor Oliver Sakowitz, Ärztlicher Direktor der Klinik für Neurochirurgie des RKH Klinikums Ludwigsburg, und Neurologin Eva Rauscher von Reha Hess dazu. Neben dem neuen Zentrum in Bietigheim und Ludwigsburg gibt es nur in Hamburg, Würzburg und Kiel ähnliche Zentren, die von der Gesellschaft für Sport-Neuropsychologie zertifiziert wurden.

Das Thema „Gehirnerschütterungen im Sport“ rückt immer mehr in den Fokus, zumal seit dieser Saison alle Vereine in der Fußball-Bundesliga ihre Spieler entsprechend testen lassen müssen. Angestoßen wurde die Diskussion um Hirn-Schäden im Sport durch einen amerikanischen Film der die Auswirkungen von American Football auf die Hirnaktivitäten in den Mittelpunkt stellt. „Der erste Teil des Films ist ganz interessant, grundsätzlich ist die Aussage, der Sport führe bei fast jedem zu bleibenden Hirnschäden, nicht richtig“, sagt Kringler. Gehirnerschütterungen hinterließen in der Regel keine bleibenden Schäden, wenn man sie nur richtig auskuriere, meint er.

Da kommt jetzt das neue Netzwerk ins Spiel. Wenn ein Spieler der Steelers, etwa nach einem Check, Anzeichen für eine Gehirnerschütterung zeigt – das können etwa Kopfschmerzen, Verwirrtheit oder verschwommenes Sehen sein – überprüft das der Mannschaftsarzt und verordnet ihm eine Woche Ruhepause. Kommen weitere Symptome wie Doppelbilder, wiederholtes Erbrechen oder Krampfanfälle hinzu, kommt der Spieler sogar ins Krankenhaus.

Dort wird er auf schwerere Verletzungen untersucht, ansonsten bleibt er zu Hause und hat Trainingspause. „Ein Tag ohne Training ist schon schwer, aber zwei Tage gehen gar nicht. Da hat man gleich einen großen Rückstand“, weiß Cabana. Deshalb ist es gerade für Profisportler wichtig, die Rekonvaleszenz so effektiv wie möglich zu gestalten. Dazu gibt es einen sechsstufigen Rehabilitationsplan, der eine tägliche langsame Steigerung der Aktivitäten vorsieht, immer überwacht von medizinischem Fachpersonal. „Wir haben vor der Saison einen Vergleichstest gemacht, um nach einer Verletzung durch mehrere Tests herauszufinden wie weit der Spieler wieder an seiner Normalform dran ist“, sagt Kringler. Erst wenn der Wert wieder erreicht ist, spielt der Spieler auch wieder.

Macht da der Trainer nicht Druck? „Wer bezahlt, bestimmt“, sagt Steelers-Geschäftsführer Volker Schoch. Selbst wenn ein Spieler ungeduldig sei oder ein Trainer Druck mache, gebe die Organisation die Richtung vor, und der sei es wichtig, gesunde Spieler zu haben, weil die mittel- und langfristig mehr bringen. „Aber die Spieler wollen ja alle den Sport noch lange ausüben. Von denen überstürzt das keiner, die sind klug genug“, sagt Schoch, der auch seinen Trainer lobt, mit dem man da auf einer Linie sei. Zudem, fügt Kringler an, spielten die Spieler mit einer Gehirnerschütterung einfach schlechter, weil sie sich schlechter konzentrieren können oder gar schlechter sehen.

Und die Spieler? „Mittlerweile hat sich die Mentalität im Sport geändert“, sagt Cabana, der selbst schon einmal ein Jahr wegen einer schlimmen Gehirnerschütterung aussetzen musste. Früher habe man gesagt, „das Hirn ist weit weg vom Herz, und solange das Herz da ist, kann man spielen“. Heute sei allen Beteiligten bewusst, wie wichtig ein gesunder Kopf ist. Und auch die Spieler untereinander achten auf die Teamkameraden, sagt Cabana. Die Zeiten von Sprüchen wie „das skatet sich weg“ seien längst vorbei, bestätigt Schoch. Die Steelers sind da aber auch vorbildlich und machen den Test vor Saisonbeginn schon im zweiten Jahr, obwohl der für ihre Liga gar nicht vorgeschrieben ist. Wenn es nach Cabana geht, sollen die Tests in jeder Sportart vorgeschrieben werden.

Nicht nur Profisportler sollen von dem neuen Netzwerk profitieren


„50 Prozent der Fälle bei uns in der Neurochirurgie sind Unfälle“, sagt Professor Oliver Sakowitz. Davon natürlich nur ein verschwindend geringer Teil Profisportler. Ältere Rad- und Pedelecfahrer hätten mittlerweile die Motorradfahrer an der Spitze der Fälle abgelöst. Auch wenn das neue Netzwerk unter anderem Handball-, Eishockey- und Fußball-Profis betreut, sollen von ihrer Expertise auch die Breitensportler und grundsätzlich alle, die Gehirnerschütterungen haben, profitieren.  So könnte sich also auch ein Hausarzt an das Netzwerk wenden.

Die Mediziner machen deutlich, dass Helme natürlich in jedem Fall insbesondere beim Radfahren zu tragen sind. Aber auch Helme schützen eben nicht vor einer Gehirnerschütterung. In einem Video machten sie bei dem Pressegespräch deutlich, was mit dem Hirn bei einem Aufprall passiert. Man sieht eine Masse innerhalb des Schädels, die sich ähnlich wie Wackelpudding hin und her bewegt.

Noch sei wissenschaftlich nicht vollkommen geklärt, ob etwa mehrmalige (nicht auskurierte) Gehirnerschütterung (bei denen bestimmte Regionen im Organ besonders beansprucht werden) bleibende Folgen haben können wie etwa Depressionen. fr