Insolvenz Massive Kritik an DLW-Management

Betriebsratsvorsitzender Frank Jungermann (links) und IGBCE-Bezirksleiter Andreas Klose.
Betriebsratsvorsitzender Frank Jungermann (links) und IGBCE-Bezirksleiter Andreas Klose. © Foto: Martin Kalb
Bietigheim-Bissingen. / Andreas Lukesch 13.02.2018

Peter Scholz kennt die Bietigheimer DLW – oder das, was davon bisher noch übrig ist – besser als viele andere. Der 60-Jährige ist – noch – als Facility-Officer, als Mädchen für alles, wie er sagt, an der Stuttgarter Straße beschäftigt und hat mit angesehen, wie der Maschinenpark in die Jahre gekommen ist, wie die Investitionen ausgeblieben sind, wie die DLW „runtergewirtschaftet“ wurde, mit System, wie Betriebsrat und die Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) am Montag bei einer Pressekonferenz den früheren Inhabern und Geschäftsführern unterstellten.

Zum Schluss konnte es nur noch darum gehen, „ein Minimum an sozialer Absicherung für die Mitarbeiter zu erreichen“, so Andreas Klose, Bezirksleiter der IGBCE. Dieses Minimum ist eine Beschäftigungs- und Qualifizierungs- oder Transfergesellschaft, in die ab März zunächst 190 Mitarbeiter übernommen werden, die ihre Kündigung Mitte Januar erhielten (die BZ berichtete mehrfach). 42 Beschäftigte im administrativen Bereich werden nach dem Verkauf von DLW Flooring an die französische Gerfloor-Gruppe und dem damit verbundenen endgültigen Aus für den Produktionsstandort Bietigheim vom neuen Inhaber für das Linoleum-Werk in Delmenhorst weiter beschäftigt, die übrigen der zuletzt rund 350 Mitarbeiter sind noch so lange dabei, bis die DLW im Bietigheimer Bahnbogen restlos abgewickelt ist.

Auch Peter Scholz wird irgendwann in die Transfergesellschaft wechseln, was bleibt ihm übrig. „Mit meinen 60 Jahren sind die Chancen ziemlich gering“, weiß er. Für Mitarbeiter wie ihn ist das Konstrukt gemacht, das zumindest den Bezug von Arbeitslosengels I hinauszögert und im besten Fall durch eine Qualifizierung doch noch die Möglichkeit schafft, in einem anderen Unternehmen unterzukommen. Für sechs Monate können die von Kündigung Betroffenen in die Gesellschaft wechseln – für 80 Prozent ihrer Bezüge. Getragen wird sie von der Arbeitsagentur und der Kreissparkasse. Vor allem die Hausbank Kreissparkasse habe es durch ihren Überbrückungskredit erst möglich gemacht, dass die Transfergesellschaft überhaupt zustande kommen konnte. „Das ist keineswegs selbstverständlich für eine Bank“, lobte Klose.

Um so empörter reagierte der Gewerkschafter darauf, dass sich die Geschäftsführung die Beschäftigungsgesellschaft auf ihre Fahnen geschrieben habe. „Die hatten das zu keinem Zeitpunkt auf dem Schirm und hätten die Mitarbeiter ohne soziale Abfederung in die Arbeitslosigkeit entlassen“, sagte Klose. „Die Betroffenen hat die Kündigung kalt erwischt, mit einer Wucht, wie sie sonst nicht üblich ist.“

Überhaupt erhoben Gewerkschaft und Betriebsrat heftigste Vorwürfe nicht nur gegen die letzte Betriebsführung, sondern auch gegen die Vorgänger. „Die zweifache Insolvenz war nicht absehbar“, sagte Betriebsratsvorsitzender Frank Jungermann am Montag – wobei die Entwicklung trotz aller Beteuerungen, es gehe weiter, für die DLW schon lange absehbar war. Das Unheil kündigte sich bereits mit dem Vorbesitzer, der amerikanischen Gruppe Armstrong, an. „Die Amerikaner haben über Nacht das Kapital abgezogen, zu einem Zeitpunkt, als 28 Prozent unseres Produktionsvolumens in die USA gingen. Das war mit einem Schlag weg“, erinnert sich Jungermann.

Unterbliebene Investitionen

Mit dem neuen Investor Fields, der die insolvente DLW nach 2014 unter DLW Flooring weiterführte, sei ebenfalls nichts geschehen. „Auch die Niederländer haben den Geldfluss von einem auf den anderen Tag gekappt“, so der Betriebsratschef. „Dabei hatten wir gehofft, dass Fields endlich Geld in die Hand nehme, um längst überfällige Investitionen zu tätigen. Ihnen ging es aber auch immer nur ums Sparen.“ Klose zählte eine Liste von Fehl- oder nicht getroffenen Entscheidungen auf, die den Niedergang der DLW vorgezeichnet hätten, vor allem unterbliebene Investitionen in Maschinen und Anlagen, die Aufgabe der Textilsparte (Teppichboden-Herstellung) und ein verheerendes Personalmanagement. „Und auf die Warnungen der Belegschaft hat nie jemand gehört“, kritisierte Klose.

Für die Gewerkschaft ist den Mitarbeitern besonders übel mitgespielt worden. „Hier wurden Menschen einfach auf die Straße gesetzt, die jahrelang Opfer für die DLW erbracht haben“, empörte sich Klose. Seit der Insolvenz 2014 hätten die Mitarbeiter freiwillig auf Tariferhöhungen und Weihnachtsgeld verzichtet, um den Traditionsbetrieb am Leben zu erhalten. So seien mehr als drei Millionen Euro zusammengekommen, rechnete Betriebsratsvorsitzender Jungermann vor.

Genützt hat den DLWlern die damit erkaufte Beschäftigungsgarantie letztlich nichts – und auch die 270 Mitarbeiter im geretteten Werk Delmenhorst haben zunächst einen auf fünf Jahre garantierten Arbeitsplatz unter dem neuen Eigner Gerflor aus Frankreich.

Info Die ausführliche Berichterstattung der BZ zum DLW-Aus gibt’s online.

www.bietigheimerzeitung.de

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