Besonderes Phänomen Massenandrang der Störche

Diese Störche und noch mehr hat Thomas Hermann auf einer Wiese am Rande Vaihingens fotografiert.
Diese Störche und noch mehr hat Thomas Hermann auf einer Wiese am Rande Vaihingens fotografiert. © Foto: Thomas Hermann
Vaihingen / bz 15.08.2018

Es ist ein besonderes Jahr für den Weißstorch. Das meldet Thomas Hermann aus Vaihingen, in seiner Freizeit leidenschaftlicher Vogelkundler: „Am Sonntag konnte ein einzigartiges Naturschauspiel beobachtet werden: 61 Weißstörche rasteten auf einer Wiese am Rande von Vaihingen. Später flogen über 30 Störche auf und kreisten über der Stadt“, beschreibt Hermann seine Beobachtung.

Seit drei Wochen, schätzt er, könne allabendlich beobachtet werden, wie Störche nach Vaihingen und Roßwag reinfliegen und sich auf Hausdächer größerer Gebäude, wie der Stadtkirche, auf Baukranen oder hohen Straßenlaternen niederlassen. „Sie pflegen noch ausgiebig ihr Gefieder, um dann die Nacht in geschützter Höhe zu schlafen“, berichtet der Vogelkundler weiter. Auch Bernd Essig vom Heimatverein Roßwag hat übernachtende Störche in der Vaihinger Altstadt entdeckt und Fotos auf die Vereinswebseite gestellt, wo noch mehr über die Störche zu erfahren ist. Zum Beispiel, dass Anfang Juli die Wiesen der Enzaue in Roßwag gewässert wurden und sich danach bis zu 30 Störche dort eingefunden hatten, sogar von zwei seltenen Schwarzstörchen wird berichtet. Wie aber kommt der irritierende Massenandrang in diesem Jahr zustande?

Möglicherweise sei die große Anzahl von Störchen bei uns ein Ergebnis der verheerenden Trockenheit in Mittel- und Norddeutschland ist, vermutet Hermann: „Sehr wahrscheinlich haben sich die Störche bei uns gesammelt, da hier noch mehr Nahrung zur Verfügung steht.“

Ute Reinhard, Storchenbeauftragte und Biologin, sieht das etwas anders. Sie erkennt in den Sichtungen Zeichen des ganz normalen Durchzugs in einem Jahr mit sehr viel Storchennachwuchs. Sobald Jungstörche flügge sind, bleiben sie noch eine Weile bei den Elterntieren auf der Wiese. Bei Erkundungsflügen im Umkreis von rund 50 Kilometern treffen sie schließlich auf weitere Jungtiere. Ab Mitte Juli könnten solche Trupps, die zusammen auf Nahrungssuche gehen, entdeckt werden. Inzwischen sei es wahrscheinlich, dass auch Altvögel sich den Trupps angeschlossen hätten, da zur Zugzeit das Sammeln beginnt. „Es ist normal, dass die jetzt nach Süden ziehen“, meint die Storchenbeauftragte, die auch die Horrheimer Jungstörche beringt. Der Aufenthaltsort der Gruppen variiere dabei. Und wenn sich durch die Wässerung der Wiesen beispielsweise in Roßwag die ersten Störche niedergelassen haben, könnte folgender Effekt einsetzen: Die darüber hinwegfliegenden Störche sehen ihre Artgenossen und denken: „Da gibt’s Freibier“ und lassen sich ebenfalls nieder.

Auch Hermann vermutet, dass „die Störche bald weiterziehen in südwestlicher Richtung“. Dann gehe es über Spanien nach Nordafrika und schließlich bis zu den Savannengebieten südlich der Sahara. Möglich sei aber auch, dass die Störche die Ostroute wählen. Sie fliegen dann über den Balkan, die Türkei, Libanon und Israel, um nach Afrika überzuwechseln. Einige könnten sogar den Winter in Südafrika verbringen, mutmaßt Hermann.

Wer mit einem Fernglas die Störche betrachte, werde erkennen, dass mindestens jeder zweite Storch einen Ring an einem Bein trägt. Diese werden den Störchen, solange sie als Junge im Nest sitzen, von Naturschützern oder Wissenschaftlern angebracht. So ist jedes Tier identifizierbar. Dadurch werden Erkenntnisse, zum Beispiel über den Vogelzug, gewonnen, erläutert Hermann. Bei den Vaihinger Störchen könne anhand der Ringe erkannt werden, dass sie in Deutschland beringt wurden. „Jetzt kann den Störchen gewünscht werden, dass sie bei uns noch viel Nahrung finden, um sich für den weiten Zug zu stärken“, sagt er.

www.heimatverein-rosswag.de/blog

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