Bietigheim-Bissingen Martin Zingsheim tritt im ausverkauften Kleinkunstkeller auf

Die Gesellschaft satirisch treffsicher entlarvt: Martin Zingsheim im Kleinkunstkeller.
Die Gesellschaft satirisch treffsicher entlarvt: Martin Zingsheim im Kleinkunstkeller. © Foto: Helmut Pangerl
Bietigheim-Bissingen / BETTINA NOWAKOWSKI 22.12.2014
Einen weihnachtlichen Rückblick versprach Kabarettist und Musiker Martin Zingsheim mit seinem Programm "Gottes Werk und Martins Beitrag". Es war weit mehr: eine Sternstunde des Kabaretts.

Er gilt als kabarettistisches Ausnahmetalent, erhielt schon diverse Kabarettpreise und bekommt ganz aktuell den Deutschen Kleinkunstpreis 2015 verliehen. Wer am Freitagabend im ausverkauften Kleinkunstkeller Martin Zingsheim mit seinem aktuellen Programm "Gottes Werk und Martins Beitrag" live erleben durfte, kann nur bestätigen, dass er diese Auszeichnungen mehr als verdient hat. Der 30-jährige Kabarettist und Musiker beherrscht eine Kunst, von der man meinen könnte, es gebe sie so nicht mehr: Sprachakrobatik vom Feinsten, hintergründigen Wortwitz, der vermeintlich harmlos daher kommt, um dann in überraschenden Pointen voller Ironie und treffsicherer Boshaftigkeit zu enden. Intelligentes Kabarett, das nicht nur zu Lachsalven animierte, sondern bei dem einem das Lachen auch mal im Halse stecken blieb.

Mit musikalischen Einlagen am Klavier, exzellent gesungen und gespielt, persiflierte er nicht nur Konsum- und Dekowahnsinn zu Weihnachten, sondern auch Politisches und Alltägliches. "Das Katholische liegt mir eigentlich", erklärte der Rheinländer, um gleich darauf die Doppelmoral der Kirche am Beispiel ihres Umgangs mit Schwulen zu entlarven. Die Schlagzeilen des Jahres als Rück- und Ausblick waren ebenso ein kabarettistischer Höhepunkt wie die semantische Analyse von Joseph von Eichendorffs Gedicht "Weihachten" oder die Countertenor-Einlage von Bachs Weihnachtsoratorium "Bereite dich Zion".

Die "sonderbare Sehnsucht" der Deutschen nach klassischer Musik an Weihnachten ("Bis Mitte Oktober höre ich Pur, danach Hochkultur") ist für ihn ein alljährlich wiederkehrendes, unerklärliches Phänomen und "White Christmas" wäre eigentlich ein Song aus Südafrika, anspielend auf das südafrikanische Apartheid-Regime.

Mit sympathischer Bühnenpräsenz gelang es Martin Zingsheim, in scheinbar lockerem Plauderton hintergründig auf gesellschaftliche und politische Missstände hinzuweisen und dabei die heutige Gesellschaft satirisch treffsicher zu entlarven. Jesus wäre der "erste richtig gute Kabarettist" gewesen, der es nur einem "schlechten Marketing" zu verdanken hätte, dass seine inhaltliche Botschaft nicht richtig angekommen wäre. In die Kirche sei Martin Zingsheim aus Gründen der Recherche wieder eingetreten, denn "Zersetzung kommt von innen, denken Sie nur an die FDP", so seine Begründung.

Dem Publikum empfahl er, wieder "innovativer" zu sein ("Sagen Sie einfach mal ja, wenn Sie jemand fragt, ob Sie schwul sind") und wieder mehr gegen den Strom zu schwimmen: "Fahren Sie durch die Tempo-30-Zone tatsächlich mal mit Tempo 30 und erleben Sie, was dann passiert...". Kongenial seine Interpretation der Weihnachtsgeschichte mit einer erstklassigen Parodie von Klaus Kinski, Gerd Rubenbauer, Herbert Grönemeyer, Bushido, Bob Dylan, Hermann van Veen und Marcel Reich-Ranicki.

Mit zwei Zugaben und begeistertem Applaus endete eine Sternstunde des diesjährigen Kulturprogramms im Kleinkunstkeller, zu dessen Höhepunkten eindeutig der Auftritt von Martin Zingsheim gehörte, und den man nicht nur zur Weihnachtszeit gern wiedersehen möchte.

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