Wie im Süden Europas - Livemusik auf dem Marktplatz zieht die Leute an, noch dazu, weil der jazzige Daumen von Kontrabassist Julian Hahn seine Impulse so lockend auch in die Seitengassen der Bietigheimer Altstadt sendet. Sein Quintett "Antiquariat" bringt Gipsy-Swing als Auftakt zur Konzertreihe "Marktplatz Rendezvous" am Donnerstagabend nach Bietigheim. Eine Geige, zwei Gitarren und eine französische Sängerin geben alles, um die Grammophonzeit mit Zigeunerjazz und Swing in heutige Bahnen zu bringen - Retro mit Eigendynamik, zeitlos faszinierend.

Zigeunerjazz trifft Swing, französisches Chanson begegnet deutschen zeitkritischen Texten, dazu gesellen sich Geigen-, Gitarren- und Kontrabass-Soli, die die Beine kribbeln lassen. Mit einer Mischung, die in sich stimmig, wohl einzigartig ist, erreicht das Quintett "Antiquariat", sein Publikum. In den Marktplatz-Arkaden haben sich die fünf Profis am Donnerstagabend postiert und zaubern von da aus ein Flair auf den Marktplatz, das wir assoziativ mit einer mediterranen Altstadt verbinden.

Die Altstadt stimmt, doch sie liegt in Baden-Württemberg, nicht etwa in Italien oder Südfrankreich und nichts desto trotz ist die Wirkung ähnlich: Es riecht nach Urlaub, nach Laisser-faire, nach Seele baumeln lassen. Und je mehr diese baumelt, um so deutlicher erhebt sich Melancholie bis zu ihrer Klimax, dem Schmerz. Er gehört zum Gipsy-Swing, dem Swing der Zigeuner. Die französische Sängerin Marion Preus, die sich nicht nur prächtig aufs Chansonieren versteht, verleiht ihm Ausdruck, unterstützt von der Geige, die mit ihr weint und lebendig macht, was sonst verpönt scheint.

Das Quintett hat viele Gesichter, dank vieler Ideen, der Komponisten in den eigenen Reihen. In Anspielung an "Und sie tanzen einen Tango" gibt es bei "Antiquariat" einen Bolero, einen blutroten letzten. Deutsche Titel streifen den Zeitgeist, wie etwa "Viel zu viel". Mit ausuferndem Text wird hier keiner überfrachtet. Dafür haben die fünf viel zu viel Freude am exzessiven Ausleben ihrer musikalischen Seiten. Immer wieder gibt es Gelegenheit, nicht nur Frank Brempel auf die Finger zu sehen, der losfetzen und im nächsten Atemzug seine Violine chromatisch seufzen lassen. Brempel ist in einigen Stilrichtungen zuhause. José Diaz de Léon an der Gitarre und Alexander Sobocinksi liefern ein fetziges Korsett aus Riffs und Solipassagen und spielen sich die Bälle zu - atemraubend, schnell, ansteckend, prickelnd und auf jeden Fall die letzten Schleier der grauen Jahreszeit vertreibend.

Auf den Stufen nicht nur in den Stuhlreihen lauschen die Besucher. Viele bleiben stehen und gesellen sich spontan dazu. Die zierliche Sängerin im pinkfarbenen Cocktailkleid und Turnschuhen verkörpert die explosive Mischung, die Geschichte und Gegenwart miteinander vereint - Vorboten für einen hoffentlich nicht weniger hitzigen Sommer.