Medizin Männer sind Vorsorgemuffel

Ein Patient bei der Darmspiegelung. Durch die Vorsorgedarmspiegelung kann ein Großteil aller Darmkrebserkrankungen vermieden werden.
Ein Patient bei der Darmspiegelung. Durch die Vorsorgedarmspiegelung kann ein Großteil aller Darmkrebserkrankungen vermieden werden. © Foto: PR/Berufsverband Niedergelassene
Bietigheim-Bissingen / Von Bettina Nowakowski 10.07.2018

Laut dem Robert Koch-Institut nehmen die Krebsfälle in Deutschland insgesamt zu. Hauptgrund hierfür sind das steigende Lebensalter und die „Baby-Boomer“ der 1950er- bis 1960er-Jahre. Rechtzeitig entdeckt ist Krebs aber heute in vielen Fällen heilbar. Eine wichtige Voraussetzung dafür sind die Krebsfrüherkennung und die Vorsorgeuntersuchungen, die von den Krankenkassen angeboten werden. Doch daran hapert es, wie auch Ärzte aus Bietigheim-Bissingen bestätigen.

Laut einer Auswertung der KKH Kaufmännische Krankenkasse von Daten Versicherter ab 20 Jahren nahm die Zahl der Frauen in Baden-Württemberg, die einmal jährlich zur gynäkologischen Krebsvorsorge gehen, zwischen 2009 und 2016 um 9,4 Prozent ab. Im Jahr 2016 gingen deutschlandweit 8,9 Prozent weniger Frauen zur Untersuchung zum Gynäkologen als sieben Jahre zuvor. Damit liegt der Rückgang in Baden-Württemberg leicht über dem bundesweiten Minus. Männer allerdings gehen noch seltener zur Früherkennung als Frauen. Sie sind wahre „Vorsorgemuffel“. Während in Baden-Württemberg 2016 fast jede zweite Frau (42,4 Prozent) zur Vorsorge zum Gynäkologen ging, war es bei den Männern ab 45 Jahre nur knapp jeder Vierte (24 Prozent), der zur Früherkennungsuntersuchung von Prostatakrebs den Arzt aufsuchte.

Dr. Arno Steilner bestätigt die Entwicklung aus der Erfahrung in seiner Praxis. „Die Teilnahme geht zurück, vor allem bei der Mammografie“, erklärt der Frauenarzt aus Bietigheim-Bissingen. Das habe auch oft mit den „Fehlalarmen“ zu tun, die viele Frauen abschrecke. Ein anderer Grund sei, dass vor allem viele ältere Frauen nicht mehr zu den gynäkologischen Untersuchungen kämen. „Die Frequenz lässt ab Ende 60, Anfang 70 nach“, stellt Dr. Steilner fest.

Bessere Heilungschancen

Gerade bei Frauen ab 60 Jahren nehmen gynäkologische Krebserkrankungen aber zu, zum Beispiel Brustkrebs. Dabei hätten sie viel bessere Heilungschancen, da Tumore bei älteren Menschen langsamer wachsen. Während jüngere Frauen regelmäßig in die Praxis kommen und die Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen, sind ältere Frauen oft der Meinung, das „bräuchten sie nicht mehr“. Die Altershäufigkeit von Gebärmutterhalskrebs liegt bei 40 bis 59 Jahren. Dank der Früherkennung, die es bereits seit 1971 gibt, konnten von damals bis heute die Krebserkrankungen um 70 Prozent gesenkt werden. Für Dr. Steilner sind die Angebote der Ärzte und Krankenkassen „auf jeden Fall notwendig, denn der Nutzen ist immer noch wesentlich größer als der Schaden.“

Auch bei der Darmkrebsvorsorge sind die Frauen gesundheitsbewusster als die Männer. Dr. Edgar Kraft vom Enddarmzentrum in Bietigheim stellt fest, dass zirka 55 Prozent der Patienten zur Darmkrebsvorsorge kommen, davon 60 Prozent Frauen. „Die verstärkten Kampagnen und der Darmkrebsmonat März, in denen Prominente für die Darmkrebsvorsorge werben, hat da eine klare Verbesserung gebracht.“ Durch die Vorsorge sei Darmkrebs deutlich rückläufig geworden. „Eine Darmspiegelung ist Diagnostik und Therapie in einem, das ist natürlich Goldstandard“, meint Dr. Kraft. Außerdem habe durch die konsequente Aufklärung die Darmspiegelung viel von ihrem Schrecken aus früheren Zeiten verloren. „Die Vorbereitung und die Untersuchung sind heute erheblich einfacher geworden.“

Krebsvorsorge: Daten und Fakten

Krebsvorsorge für Frauen: Ab 20 Jahren jährliche Tast- sowie Abstrichuntersuchung (Pap-Test) vom Gebärmuttermund und -hals beim Gynäkologen. Ab 30 Jahren jährliche Tastuntersuchung der Brust. Ab 50 bis 69 Jahren alle zwei Jahre Einladung zum Mammografie-Screening.

Vorsorgeuntersuchungen für Männer: Ab 45 Jahren Inspektion und Tastuntersuchung der äußeren Geschlechtsorgane, Abtasten der Prostata sowie der dazugehörigen Lymphknoten beim Urologen.

Untersuchungen Frauen und Männer: Ab 35 Jahren alle zwei Jahre Untersuchung der Haut am ganzen Körper beim Dermatologen oder beim speziell fortgebildeten Hausarzt. Von 50 bis 54 Jahren jährliche Tastuntersuchung sowie Test auf Blut im Stuhl beim Hausarzt bzw. Gastroenterologen. Ab 55 Jahren alle zwei Jahre Test auf Blut im Stuhl oder alle zehn Jahre Darmspiegelung beim Gastroenterologen. nowa

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