Im Libanon leben knapp eine Million bei den Vereinten Nationen registrierte geflüchtete Syrer. Dazu kommt eine unbekannte Anzahl, nicht Registrierter. Dr. Chris Lange hat neun Jahre im Libanon gelebt. Die gebürtige Bietigheim-Bissingerin ist an diesem Freitag, 11. Oktober, um 19 Uhr in der evangelischen Friedenskirche in Bietigheim zu Gast und berichtet anhand von Bildern aus ihrem Leben dort und ihrer Arbeit.

Als Chris Lange mit ihrem Ehemann Pfarrer Jonas Weiß-Lange 2009 nach Beirut, die Hauptstadt Libanons, kam, wussten sie, „dass der Libanon immer für eine Überraschung gut ist. Was dann ab 2010 passierte, damit hatte aber niemand gerechnet.“ Wie berichtet, ist das libanesische Nachbarland Syrien seit 2011 im Bürgerkrieg. Laut der UNO-Flüchtlingshilfe sind seitdem insgesamt 6,7 Millionen Syrer aus ihrem Heimatland geflüchtet, eine Million in den Nachbarstaat Libanon. „Libanon ist kein so starker Staat, wie es Deutschland oder Syrien sind.“ Das Einhalten der Gesetze werde nicht kontrolliert, es gibt viel Korruption und die Armen leiden darunter. Ein weiterer großer Unterschied zu Deutschland: „Libanon ist klitzeklein.“ Der Staat ist rund 10 450 Quadratkilometer groß. „Das ist nicht mal ein Drittel von Baden-Württemberg.“ Das Bundesland misst eine Fläche von mehr als 35 750 Quadratkilometern.

Tausende pro Tag

„Ab 2011 kamen tausende Flüchtlinge jeden Tag“, erinnert sich Lange. Erst 2015 hat der libanesische Staat ein Gesetz erlassen, dass der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen keine Flüchtlinge mehr registrieren darf. „Da waren es bereits ungefähr 1,2 Millionen Registrierte und der Libanon selbst hat circa fünf Millionen Einwohner.“ Dazu kommen rund 400 000 palästinensische Flüchtlinge seit 1948, plus Flüchtlinge aus dem Irak „und das in einem der dichtest bevölkerten Länder dieser Welt“, ergänzt Chris Lange. Im ganzen Land leben Flüchtlinge in Zeltlagern, leerstehenden Gebäuden und anderen Behausungen und die Situation wird immer dramatischer, wie die 64-Jährige erzählt. „Es war offensichtlich, dass wir als Gemeinde etwas tun müssen“, sagt Lange, die Soziale Arbeit und Politikwissenschaften studiert hat.

Rund die Hälfte der Flüchtlinge im Libanon sind Kinder im Schulalter, sagt Lange. Doch nicht mal jedes zweite Kind habe die Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Durch einen Weihnachtsmarkt in der Kirchengemeinde entstand der Kontakt zu Nimat Bizri. Bizri hat die syrische Staatsangehörigkeit, lebt allerdings seit vielen Jahren in Libanon. Schon 2011 gründete sie mit Salwa Jabri, die ebenfalls aus Syrien stammt, Nachmittagsschulen für syrische Flüchtlingskinder. Mittlerweile sind es fünf solcher Schulen in der Bekaa-Ebene an der Grenze zu Syrien.

Dort leben die knapp 3000 Schüler in Zeltlagern. Als Räumlichkeiten werden libanesische Schulen einer Wohlfahrtsstiftung genutzt. Deswegen sind es auch Nachmittagsschulen. Tagsüber sind die libanesischen Kinder im Unterricht und danach, von 14.30 bis 19 Uhr, die syrischen. Die meisten Eltern wollen, dass ihre Kinder zur Schule gehen: „Als die letzte Schule eröffnet wurde, waren innerhalb von zwei Tagen die über 300 Plätze weg.“ Die meisten Kinder sind im Grundschulalter. 2016 entstand das sogenannte „Bridging Program“. Für 80 Jugendliche zwischen 11 und 15 Jahren, die noch nie in der Schule waren, ist dies die einzige Chance, ihre Schulbildung nachzuholen.

Unterrichtet werden die Kinder überwiegend von ehrenamtlichen syrischen Lehrerinnen, die selbst Flüchtlinge sind. „Es gibt auch einen Kinderchor, dadurch erhalten die Kinder soziale Kompetenzen und Selbstwertgefühl.“ Angeboten werden auch Fortbildungen für die Lehrer im Umgang mit traumatisierten Kindern, Nahrungsmittelpakete, warme Kleidung sowie ärztliche Untersuchungen der Zähne und Augen. „Ich habe erlebt, dass die Kinder in der Schule aufblühen“, sagt Lange, die seit 1977 in Berlin wohnt. Doch das alles hat seinen Preis: „Es sind jedes Jahr rund eine Million Dollar, die zusammenkommen müssen“, sagt sie und ergänzt, dass die Schulen nur mit Spenden finanziert werden. „Das könnte in Zukunft schwieriger werden, weil die Menschen denken, dass der Krieg vorbei ist.“ Doch gerade die syrischen Flüchtlinge können nicht einfach so zurück, weiß Chris Lange. Denn dafür brauche es Ressourcen, die die meisten nicht haben. Menschen, die sich Assad kritisch geäußert haben, können gar nicht zurückgehen. Deswegen dürfe die Hilfe nicht stoppen. „Es wird uns noch jahrelang begleiten.“

Vortrag in Bietigheim

Auch deswegen hält sie Vorträge über ihre Zeit in Beirut. So auch in Bietigheim-Bissingen an diesem Freitag, 11. Oktober. Um 19 Uhr beginnt die Fotoschau in der evangelischen Friedenskirche, Bolzstraße 14. Darin enthalten, sind auch Landschaftsbilder, denn, so sagt es Lange, Libanon ist ein wunderschönes Land. „Wir haben uns sofort wohlgefühlt und überhaupt nicht gefremdelt. Ich liebe es“, sagt Chris Lange. Weitere Informationen gibt es per E-Mail an chrislange@pm.me.

Der Weg nach Beirut


2008 schrieb die evangelische Kirche eine Pfarrstelle in Beirut bundesweit aus. Chris Langes Mann, Jonas Weiß-Lange, ist Pfarrer und bewarb sich auf die Stelle in der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde zu Beirut. Im Februar 2009 wurde das Ehepaar von der Gemeinde gewählt und zog in den Libanon, wo es bis 2018 lebte. Die Kirchengemeinde in Beirut wurde 1856 von deutschen, französischen und Schweizer Kaufleuten gegründet und zählt knapp 100 Mitglieder. Viele davon sind deutsche Fraune, die bereits seit 30 bis 60 Jahren im Libanon leben. rwe