Ab in den Bunker“, hieß es für eine Gruppe BZ-Leser am Donnerstagnachmittag. Im Rahmen des Leser-Aktiv-Sommers hatte die BZ eine exklusive Führung durch den Museumsbunker „Ro 1“ in Bissingen organisiert. Vom Treffpunkt an der Bahnhofstraße ging es in einem fünfminütigen Spaziergang zu dem Bunker, der strategisch geschickt am Hang in der Brandhalde liegt.

Till Kiener begrüßte die BZ-Abonnenten vor dem Bunkereingang und gab zunächst eine geschichtliche Einordnung zum Bauwerk. Der heutige Museumsbunker „Ro 1“ in Bissingen war Teil der Neckar-Enz-Stellung, zu der 446 Bunker gehörten. Die Neckar-Enz-Stellung wurde zunächst geplant und gebaut unter Beachtung der im Versailler Vertrag festgelegten militärfreien Zone von 50 Kilometern östlich des Rheins. Sie erstreckte sich zwischen Enzweihingen und Eberbach im Odenwald. An den natürlichen Hindernissen Neckar und Enz sollten – verstärkt durch eine Vielzahl von Bunkern und Hindernissen – Angreifer zumindest für kurze Zeit aufgehalten werden können. Alle Bunker der Stellung wurden in den Jahren 1935 bis 1938 gebaut.

„Aus heutiger Sicht war das eher eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“, erklärt Kiener, denn die Bunker kamen nie wirklich zum Einsatz. Als Verteidigung gegen Angreifer aus dem Westen gedacht, spielten sie beim Angriffskrieg Nazi-Deutschlands zunächst keine Rolle, weil die Front viel weiter im Westen lag. Als die Front dann näherrückte, waren sie nicht nur unnötig, weil kaum noch jemand die Verteidigung in den letzten Kriegsphasen aufrecht erhielt. Sie waren auch praktisch unbrauchbar, so Kiener. Der Bissinger Bunker war als Schutz für eine Maschinengewehrbesatzung angelegt. Aus dem Kampfraum konnte man zu jener Zeit 1,2 Kilometer weit blicken und so theoretisch jeden Feind erspähen. Gegen 1944 waren die Angriffswaffen aber schon so weit entwickelt, dass man die Wände des Bunkers damit hätte durchschlagen können. Zu einem Kampfeinsatz kam es im Bissinger Bunker aber nie.

Nach den einleitenden Worten ging es in zwei Gruppen für die BZ-Abonnenten in die Tiefe. Nach ein paar Stufen musste man sich durch die niedrige Tür drängen und stand schon fast mitten im Bunker. Ein kleiner Vorraum diente seiner Zeit als Gasschleuse. Dem schloss sich der Hauptraum an. Früher waren dort 18 Schlafplätze in drei Etagen. Insgesamt war der Bunker für 21 Mann Besatzung ausgelegt. Nur der Zugführer hatte ein kleine Separee zum Schlafen, alle anderen mussten dicht aneinandergedrängt ihre Zeit verbringen. Neben den 18 Liegeflächen, einem Bunkerklo und einer kleinen manuellen Belüftungsanlage war nicht viel Platz darin. Das wird deutlich, weil der Arbeitskreis Bunkerforschung im Geschichtsverein Bietigheim-Bissingen viel in das Interieur investiert hat und den vorher komplett leeren Bunker mit originalgetreuen Möbeln hergerichtet hat.

„Herzstück war der Kampfraum“, sagte Kiener und führte die Besucher in einen kleinen Raum, der mit einem großen Maschinengewehr ausgestattet war. Fünf Mann waren für den Dienst dort eingeteilt. Zwei Mann, die das Gewehr bedienten, einer der den Schießbefehl gab, einer der die Munition nachlieferte und ein Ersatzmann.

Vor dem Bunker gab Florian Schweizer vom Arbeitskreis Einblicke in die Arbeit der Ehrenamtlichen. Es finde ein reger Austausch statt mit anderen Gruppen, die Bunker betreuen. Hauptsächlich gehe es aber darum, diesen Teil der Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Dabei müssen sich die Ehrenamtlichen laut Schweizer auch immer wieder als Naziverherrlicher beschimpfen lassen. „Wer das hier sieht und immer noch denkt, wir verherrlichen die Zeit, dem ist nicht mehr zu helfen“, erklärte er kopfschüttelnd. Die BZ-Leser dankten den Ehrenamtlichen für ihren Einsatz und gaben für die gelungene Veranstaltung eine Runde Applaus.

Info Wer selbst einmal einen Blick in den Bunker in Bissingen werfen will, hat dazu am Sonntag, 1. September, von 11 bis 17 Uhr Gelegenheit. Das ist einer von nur drei Terminen, an denen der Museumsbunker besichtigt werden kann.

arbeitskreis-bunkerforschung.de

„Es ist wichtig, diesen Irrsinn zu zeigen“


Gustav Weiberle aus Hohenhaslach zeigte sich beeindruckt von der Führung durch den Bissinger Bunker. „Ich habe schon einige Bunker angeschaut, deshalb war für mich jetzt wenig Überraschendes dabei“, sagte er im Anschluss an die Führung. „Ein großes Lob  muss ich an die Ehrenamtlichen hier aussprechen. Der Bunker ist in einem sehr guten Zustand. Da steckt viel Arbeit drin. Ich finde es toll, dass es Leute gibt, die dafür ihre Freizeit opfern“, so Weiberle weiter. Wie alle Teilnehmer nahm er die Gelegenheit wahr, auch selbst Fragen zu stellen und zeigte sich von der Fachkenntnis des Arbeitskreises Bunkerforschung beeindruckt.

„Es ist sehr wichtig, dass es ein solches Angebot gibt. Gerade den jüngeren Generationen kann man so den ganzen Irrsinn des Krieges verdeutlichen. Es ist heute, nach so vielen Jahrzehnten ohne Krieg, umso wichtiger der Jugend zu zeigen, wohin uns Kriege führen können und was sie anrichten“, ergänzte Weiberle.

Angesichts der spärlichen Ausstattung und kargen Lebensverhältnisse im Bunker kam Weiberle nicht umhin jene zu bedauern, die dort oder in einem ähnlichen Bunker Dienst verrichten mussten. fr