Der distinguierte Mann, der in einem 15-minütigen Film aus den 1960er-Jahren im zweiten Stock der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen seine Kunst, seine Runenfugen und seine Dichtung erklärt, sieht mitnichten aus wie ein avantgardistischer oder gar experimenteller Künstler oder aber sogar ein extrovertierter Schauspieler. Otto Nebel wirkt wie ein gelehrter, penibler und akkurater Professor in Anzug und Krawatte, der Konservatismus in Person. Doch der Berliner, der 1933 in die Schweiz emigrierte, war all das: Maler, Grafiker, Dichter und Schauspieler. Er ist einer der großen Künstlerpersönlichkeiten der Klassischen Moderne und befand sich im engen Austausch mit Paul Klee, Wassily Kandinsky, Marianne Werefkin und Johannes Itten sowie dem Bauhaus.

Therese Bhattacharya-Stettler von der Otto-Nebel-Stiftung in Bern ist eigens nach Bietigheim angereist, um sein Werk zu präsentieren, sie ist die Otto-Nebel-Fachfrau. 2012 wurde diese von ihr konzipierte Ausstellung in Bern gezeigt, 2018 ging sie nach Japan, jetzt ist sie in Bietigheim-Bissingen. Die für die Städtische Galerie zusammengestellte Schau wurde auch mit Nebel-Linolschnitten angereichert, 22 an der Zahl, die sich im Besitz der Kunstsammlung der Stadt Bietigheim-Bissingen befinden. Die Ausstellung zeigt auf eindrückliche Weise die vielen Begabungen des Künstlers und ihre Überschneidungen gelernter Maurer und Bauchfacharbeiter, dann schloss er in Berlin eine Schauspielausbildung ab. Ein Engagement am Theater in Hagen konnte er nicht antreten, weil er in den Ersten Weltkrieg ziehen musste. Unter dessen Eindruck entstand 1916 sein erstes künstlerisches Werk, eine Postkarte, die er nach Hause schickte.

Gleich im Foyer der Galerie ist ein Hauptwerk in drei Teilen von Otto Nebel zu sehen: seine Runenfugen. Er hat neun Buchstaben des deutschen Alphabets in Formen und Farben übersetzt. Aus diesen neun Buchstaben schöpfte er ein Gedicht und wandelte es in eine Art Geheimsprache um. In diesem Werk vereinen sich drei Bereiche, die ihm immer wichtig waren: Die Kunst, die Sprache und die Musik.

Nebel besinnt sich der Sprache, der Klänge, und erfindet sie neu, ähnlich wie Kandinsky. In den Runen schöpft er das Potenzial von Buchstaben aus. „Der verbilderte Mensch unserer Tage ist worttaub und bildblind“, sagt Nebel und versucht mit seinen Arbeiten die Blind- und Taubheit der Betrachter in Sehen und Hören umzuwandeln.

Immer wieder stößt man in der Ausstellung auf diese Bereiche, hinzukommt noch die Architektur, denn „Bauen ist mein wahrer innerster Beruf, ich mache gebaute Bilder“. Besonders einmalig in der Kunstgeschichte ist seine Darstellung von Kathedralen und Domen. Es ist ein Motivkreis, der besonders ist: Denn Nebels Darstellung bezieht sich aus dem Inneren der sakralen Bauten. Er nimmt sich des Lichteinfalls an, komprimiert die Bauweise so, dass eine ganz neue Interpretation eines Innenraums zur Geltung kommt.

Große geistige Ordnung

Nebel selbst nennt es eine geistige Ordnung. Ordnung ist für den Menschen Nebel, so weiß Therese Bhattacharya-Stettler, von immenser Wichtigkeit gewesen. Er ordnet auch im Alltag alles akkurat an. Indem er die Fenster und Mauern der Kathedralen neu anordnet, entsteht für ihn eben diese „große geistige Ordnung, nichts Weltliches“. Es entsteht ein Netz aus Fenstern, Glasbausteinen, Mauersteinen, Licht und Zwischenebenen. Musikalische Arbeiten sind in einem weiteren Kabinett ausgestellt. Es ist Anfang der 1930er und Nebel wendet sich ab vom Gegenständlichen. Musik wird in Zeichen umgesetzt – „Rondo“, so wie er schon Städten Farben zuordnete – Sienna ist rostrot, Neapel blau und gelb.

Einer der größten Träume des jungen Otto Nebel aber war es, Schauspieler zu werden, das verwehrte ihm der Krieg. 1933 zieht er mit seiner Frau Hilda, die dem Bauhaus nahe stand, nach Bern, weil er schon früh ahnte, was ihm in Berlin unter den Nazis blühen könnte, die ihn dann auch der entarteten Kunst zufügten. Eigentlich wollte das Paar in die USA, wo die befreundete Hilla von Rebay zur ersten Kuratorin des Guggenheim-Museums gewählt wurde. Sie sorgte dafür, dass Werke von Nebel angekauft wurden. Doch die Nebels bekommen kein USA-Visum. Also bleiben sie in Bern.

In den 1950er-Jahren bekommt Otto Nebel eine Festanstellung bei den gerade gegründeten Basler Kammerspielen, wo er für 25 Rollen engagiert wird. Er zeichnet sich durch seine Charakterdarstellungen aus und sichert dem Ehepaar ein Auskommen. Sein letztes großes Abenteuer bestreitet Nebel 1962, mit 70 Jahren: Er macht eine Nahostreise und bekommt angesichts arabischer und hebräischer Schriften eine Bestätigung seiner schon früh geschaffenen Runenfugen: „Das sang das Amen zu meiner Malerei“.

Die Otto-Nebel-Ausstellung in Bietigheim-Bissingen ist ein Hingucker, ein Fest für die Augen, farblich kräftig, bunt, fröhlich sind seine Bilder und doch geben sie Rätsel auf, in die man sich vertiefen kann oder eben einfach als ästhetisch betrachten darf. Sein übergeordnetes Bemühen war, „aus Elementen Sinngebilde, Modelle von Harmonie herzustellen“.

Rahmenprogramm


Zur Ausstellung „Otto Nebel – Zur Unzeit gegeigt“ in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen gibt es Führungen am 27. Oktober, 16.30 Uhr, 10. November, 11.30 Uhr, 24. November, 16.30 Uhr, 15. Dezember, 11.30 Uhr, 6. Januar, 16.30 Uhr, 19. Januar, 11.30 Uhr. After-Work-Kurzführungen gibt es am 14. November, 17.30 Uhr, 4. Dezember, 17 Uhr, 2. Januar, 16.30 Uhr. Am Freitag, 8. November, 15 Uhr ist der Familien-Fun-Freitag. Zudem werden Workshops angeboten. Die Ausstellung ist bis zum 19. Januar zu sehen.

„Meine Malerei ist Dichtung, die Schwester meiner Wortkunst“ heißt eine Kuratorenführung mit Dr. Isabell Schenk-Weininger und szenische Rezitation mit Lisa Kraus und Rüdiger Erk am Donnerstag, 12. Dezember, 18.30 Uhr, und am Donnerstag, 16. Januar, 18.30 Uhr. Speziell für Senioren findet sie am Freitag, 29. November, 10 Uhr, statt.

Erstmalig gibt es in der Ausstellung einen Audio-Guide für Kinder und Jugendliche: Während die Begleitpersonen in Ruhe durch die Ausstellung gehen können, gibt es für die ganz jungen Besucher eine spannend-informative Führung. sz