Bietigheim-Bissingen / Rena Weiss  Uhr

Ein Schwerpunkt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Krankenhaus Bietigheim-Vaihingen ist die Behandlung bösartiger Brusterkrankungen. „Wir bieten High-End-Schulmedizin an und weil wir davon überzeugt sind, bringen wir auch Naturheilkunde mit ein“, sagt Dr. Jens-Paul Seldte, Ärztlicher Direktor der Klinik. Das Ganze nennt sich Integrative Medizin und soll darauf abzielen, die Erkrankung zu behandeln und aber auch die Gesundheit der Patienten weiter zu stärken und fördern. „Von beiden versuchen wir das Positive ineinanderzufügen, um einen Mehrwert für die Frauen zu erreichen.“

Gemeinsam mit Ludwigsburg bilden beide Kliniken ein Onkologisches Zentrum. „Professor Dr. Wolfgang Heyl und ich haben beide eine Vorliebe für Naturheilkunde“, erklärt Seldte. Vor zwei Jahren traten sie an die Geschäftsführung heran und stellten ihre Idee vor. Zudem knüpften sie Kontakte mit der Tagesklinik für Naturheilkunde und Komplementärmedizin der Berliner Charité und Chefarzt Professor Dr. Andreas Michalsen. „In zwei Teams durften wir dort auch jeweils eine Woche lang hospitieren und sind ganz begeistert zurückgekommen“, sagt Seldte. Daraus entstand eine andauernde beratende Kooperation.

„Wir versuchen nun bei uns drei Konzepte Schritt für Schritt einzubauen“, sagt der Ärztliche Direktor über den weiteren Ablauf in Bietigheim. Das eine ist eine beratende Sprechstunde, die bereits angeboten wird und sich auch schon herumgesprochen habe. Hier sollen Frauen mit einer Brustkrebserkrankung während der Therapie und danach darüber beraten werden, was sie zusätzlich zur Schulmedizin noch machen können. „So kann die Verträglichkeit von Therapien verbessert werden, aber auch das Zurechtkommen mit der Erkrankung und das Stärken der Ressourcen, um gesund zu werden und zu bleiben“, erklärt der Arzt und ergänzt: „Naturheilkunde strebt auf Selbstheilung ab, während Schulmedizin versucht, von außen einzugreifen.“

Das zweite Konzept ist das sogenannte Mind-Body-Medizin-Curriculum. Frauen, die eine Krebserkrankung haben, können an einem Kurs teilnehmen, um ihren Körper und Geist zu verzahnen. „Das ist keine neue Erfindung“, sagt Seldte, „führend sind die Zentren in Berlin und Essen, die erkannt haben, dass diese Frauen eine längere Unterstützung benötigen, um eine Lebensstilveränderung herbeizuführen.“ Ab November biete das Krankenhaus Bietigheim und Ludwigsburg ein ambulantes Curriculum an. Einmal pro Woche über zehn und zwölf Wochen veranstaltet ein Therapeut verschiedenen Unterrichtseinheiten. Dies ist ein Angebot für Frauen nach einer Brustkrebserkrankung. „Da haben wir bereits eine ganz hohe Nachfrage.“

Das dritte Modul sehe vor, mittelfristig eine naturheilkundliche Abteilung zu etablieren. Hier, so Seldtes Wunsch, sollen fächerübergreifend naturheilkundlich chronische Erkrankungen therapiert werden. „Das ist unser großer Ansatz“, sagt Jens-Paul Seldte. Die moderne Medizin habe große Fortschritte erreicht, ohne die einige Menschen sterben müssten. „Bei chronischen Erkrankungen ist sie aber oft etwas hilflos. Da bietet aber die Naturheilkunde gute Ansätze, die allerdings etwas länger dauern“, sagt Seldte und spricht damit ein vermeintliches Manko der Naturheilkunde an. „Es ist natürlich bequemer eine Tablette einzuwerfen“, sagt der Arzt. Bei der Naturheilkunde stehe die Vorsorge im Mittelpunkt, um nicht krank zu werden. Doch das erfordere zum Beispiel eine tägliche  Wechseldusche. Erkrankungen wie Rheuma, Arthritis, Diabetes Mellitus Typ II, Herzschwäche im Alter können naturheilkundlich gut behandelt werden, sagt der Ärztliche Direktor.

Naturheilkunde basiere auf der griechischen Medizin. „Sokrates hatte schon damals vor 2000 bis 2500 Jahren extrem gute Ansätze“, ist er überzeugt, „eure Nahrung sei die Medizin und die Medizin sei eure Nahrung.“ Diese Form von Traditionsmedizin gebe es auf der ganzen Welt und viele Dinge werden heute noch angewendet. Seldte wünscht sich hier jedoch mehr Eigeninitiative der Patienten. „Eine Erkältung könne gut auch ohne Arzt und Medikamente auskuriert werde.“ Vor rund 100 Jahren fand eine Loslösung davon statt, erzählt er. „Da gab es Grabenkämpfe zwischen moderner Medizin und Naturheilkunde. Wir wollen keine Grenzen aufbauen. Wir sind Schulmediziner, die offen sind für naturheilkundliche Konzepte.“ Er sei davon überzeugt, dass es ein Zusatznutzen für den Patienten ist.

Ohne Patient geht es nicht

„Wir wenden nur evidenzbasierte Naturheilkunde an. Das heißt, ich habe immer Studien, die belegen, dass es hier einen Nutzen für den Menschen gibt.“ Doch hier spiele auch mit herein, ob sich der Patient darauf einlasse. „Ohne das Mitwirken der Patienten geht es nicht.“ Das sei aber auch in der Schulmedizin so. „Der Patient muss immer dahinter stehen, sonst ist die Wirkung abgeschwächt.“

Die Psyche stehe in Wechselwirkung mit dem Immunsystem, das wiederum habe bei der Bekämpfung von Krebserkrankungen einen großen Stellenwert. „Die Vernetzung dieser inneren Bereiche ist sehr wertvoll.“ Das zeige sich beispielsweise auch bei Spitzensportlern oder Elitesoldaten, die die Wichtigkeiten der eigenen Einstellung betonen. „Es gibt keinen erfolgreichen Sportler, der keinen mentalen Trainer hat.“ Dieser mache nichts anders, als den Geist und damit auch den Körper zu Höchstleistungen zu bringen.

Gerade bei Krebserkrankungen mit hohem Leidensdruck fragen auch die Patienten, was sie selbst noch tun können und sind offen für Änderungen des eigenen Lebensstils, sagt der Mediziner. Diese Patienten seien dann auch bereit, mehr für die Gesundheitsvorsorge zu tun.

Klinik für Frauenheilkunde

Dr. Jens-Paul Seldte ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Krankenhaus Bietigheim-Vaihingen. Einer der Schwerpunkte liegt zudem in der Behandlung von bösartigen Brusterkrankungen.

40 Betten gibt es in der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Bietigheimer Krankenhaus.

13 Mitarbeiter betreuen die Patienten bei der Schwangerschaft, aber auch bei Erkrankungen.

1750 Kinder wurden 2018 im Bietigheimer Krankenhaus zur Welt gebracht.

4635 Fälle wurden insgesamt in dieser Klinik behandelt. rwe

Fünf Säulen der Naturheilkunde

„Homöopathie ist keine klassische Naturheilkunde“, stellt Dr. Jens-Paul Seldte klar. Die klassische europäische Naturheilkunde hat fünf Säulen: Ernährungs-, Bewegungs-, Hydro-, Phyto- und die Ordnungstherapie.

Bei der Ernährungstherapie wird beispielsweise durch eine gesunde Kost und eine an das Krankheitsbild angepasste Diät die Behandlung unterstützt.

Es gibt verschiedene Formen von Bewegungstherapie, zum Beispiel Sport, Gymnastik, Yoga, Tanzen und Spaziergange.

Die Hydrotherapie umfasst Wasseranwendungen mit kaltem, temperiertem und warmem Wasser sowie Dampf. Hierzu gehören beispielsweise Sitzbäder, Sauna oder Güsse.

Die Pflanzenheilkunde (Phytotherapie) gehört zu den ältesten medizinischen Therapien und verwendet Heilpflanzen als Arzneimittel.

Eine geregelte Lebensweise, die den Körper und die Seele gesund hält, umschreibt die Ordnungstherapie. Ein wichtiger Punkt hierbei ist ebenfalls die Ernährung. rwe