Bietigheim-Bissingen / SABINE FISCHER  Uhr
Zu ihrem Herbsttreffen kamen die Mitglieder des "Landesselbsthilfeverbands Kleinwüchsiger" Menschen am vergangenen Wochenende nach Bietigheim-Bissingen.

Wenn Yvonne Ganzhorn auf der Straße angestarrt wird, würde sie manchmal am liebsten direkt wieder umdrehen. Denn was sich die kleinwüchsige Powerfrau wünscht, ist vor allem eins: Normalität. "Manchmal will ich einfach nur ungesehen über die Straße gehen", sagt sie.

Dafür will sie gemeinsam mit ihren Vereinskolleginnen Miriam Höfig und Simone Fischer eintreten. Seit März dieses Jahres bildet das Dreiergespann den Vorstand des Landesverbands Baden-Württemberg des Vereins für kleinwüchsige Menschen (VKM). Gemeinsam wollen sie nicht nur dem gängigen öffentlichen Bild entgegenwirken, sondern auch intern so einiges ändern. "Wir wollen ein bisschen frischen Wind mitbringen", lacht Ganzhorn.

Dieser frische Wind zeigt sich beispielsweise beim diesjährigen Herbstreffen des Verbands. Während man dabei bisher nur für einen Tag zusammenkam, organisierten die drei Vorstandsvorsitzenden in diesem Jahr gleich ein ganzes gemeinsames Wochenende in Bietigheim-Bissingen - inklusive Weinprobe und Bootsfahrt. "Der Organisationsaufwand ist für uns natürlich größer, aber das Wochenende hat auch einen bedeutenden Mehrwert." Der besteht vor allem darin, die Betroffenen zusammen- und unter Leute zu bringen. Viele Kleinwüchsige, so Ganzhorn, lebten eher isoliert und hätten vergleichsweise wenig Sozialkontakte. Da könne der Verein helfen.

Dafür, dass sich viele der deutschlandweit rund 300.000 Kleinwüchsigen trotzdem nicht an den VKM wenden, haben die drei Vorsitzenden Verständnis. Oft stünde dahinter die Angst vor Stigmatisierung. "Manchmal will man auch einfach nicht ständig mit dem eigenen Problem konfrontiert werden", meint Höfig. "Wenn man mit einer Gruppe Kleinwüchsiger unterwegs ist, kommt einem das vor, als würde man ständig in den Spiegel schauen."

Auch Fischer kennt die Skepsis vieler Betroffener. Sie selbst trat erst am Tag ihrer Wahl in den Verein ein - ein Spätzünder unter den aktiven Vereinsmitgliedern. "Ich habe lange gedacht, dass ich so etwas nicht brauche. Warum soll ich mich mit lauter Kleinwüchsigen treffen? Nur weil ich blond bin, muss ich mich ja auch nicht mit lauter anderen blonden Menschen umgeben", erzählt sie heute. "Aber irgendwann habe ich den Mehrwert des Vereins erkannt." Und der liegt vor allem in der Möglichkeit des Austauschs. "Mein Freundeskreis kann viele meiner Probleme zwar verstehen, aber nicht nachfühlen", erklärt Fischer.

Oft sind es gerade die alltäglichen Dinge, die Kleinwüchsige vor Herausforderungen stellen: Wie den Ticketautomaten am Bahnhof bedienen, wenn man das Touchpad nicht sehen kann? Wie das Parkticket bezahlen, wenn man nicht an den Münzeinwurf kommt? "Wie man diese Situationen bewältigt, ist individuell unterschiedlich, aber oft auch einfach von der Tagesform abhängig", erzählt Ganzhorn. Wenn sie im Supermarkt beispielsweise nicht an das Müsli im obersten Regal komme, gebe es Tage, an denen sie ohne Scheu um Hilfe bitte. An anderen Tagen lässt sie es einfach stehen. "Bei uns geht es darum, dass man über so etwas spricht. Oft kann man sich auch abschauen, wie andere die Probleme lösen. Wie kann ich zum Beispiel als Kleinwüchsiger meinen Führerschein machen? Wie richte ich meine Küche am besten ein? All sowas."

Nach außen kämpfen die drei vor allem gegen das Bild des Kleinwüchsigen als Zirkusattraktion - und dabei oft gegen Windmühlen. Auch heute gebe es noch genug Kleinwüchsige, die für Geld als Zwerge auftreten oder sich durch die Luft schießen ließen, so Höfig. Damit verfestigten sich die Vorurteile nur. Wenn sie an ihre Idealvorstellung denken, sind die drei sich allerdings einig: Das Wort "Liliputaner" wollen sie am liebsten nie mehr hören.