Die Kabarettistin Christine Prayon, bekannt als "Birte Schneider" aus der "heute-show" im ZDF, begrüßte das Publikum mit der Ankündigung, dass sie beschlossen habe, die "schöne Variante" aus ihrem Programm "Die Diplom-Animatöse" zu spielen. Als Gründe nannte sie den bevorstehenden Eisregen, aufgrund dessen sie ihr "viereinhalbstündiges Programm" kürzen müsste, und die Tatsache, dass sie vor "einem Abo-Publikum" spiele: "Die Mehrheit ist quasi nicht freiwillig hier."

Die "verstörenden Sachen" kämen im zweiten Teil, so die Ansage, aber man möge trotzdem nach der Pause bleiben. Da konnte Christine Prayon ohne Sorge sein: Geblieben sind alle Zuschauer, begeistert von der speziellen Mischung aus Lesung, Schauspiel, Kabarett und Stand-up Comedy. Die mit dem Deutschen Kleinkunstpreis und Deutschen Kabarettpreis ausgezeichnete Künstlerin überzeugte vor allem durch eine großartige Mimik und Gestik. Ihre Schauspielausbildung und Bühnenerfahrung gaben dem pointierten, durchaus auch subtilen Sprachwitz und den Parodien genau die richtige Ausdruckskraft.

Im ersten Teil las Christine Prayon aus den fiktiven Tagebüchern von Scarlett Schlötzmann, die als wild Pubertierende sich mit aller Teenager-Dramatik in ihren Mathelehrer verliebt und ihn schließlich damit von der Schule vertreibt. Auch Scarlett Schlötzmanns Frauenroman, dessen Inhalt "aus einer gehörigen Portion Mittelmaß mit abgehangenen Klischees" besteht, war eine gekonnte Abrechnung mit der Flut an so genannter "Frauenliteratur" und den Marketingstrategien von Verlagen. Dazwischen rezitierte Christine Prayon schräge selbst verfasste Lyrik oder predigte als salbungsvolle Pfarrerin gegen den Frauenfußball ("Ich habe nichts gegen Frauen, wenn sie sinnvoll eingesetzt werden"). Die Zuschauer zeigten sich in der Pause beeindruckt: "Das ist wirklich hochspannend, was da geboten wird. Man ist sprachlich gefordert, mitzudenken", so eine der Reaktionen.

Im zweiten Teil unterstrich Christine Prayon ihre große kabarettistische Bandbreite mit dem Auftritt als aufgetakelte Drag-Queen im Leopardenanzug. Zur deutschen Version von Frank Sinatras "My Way" zelebrierte sie die Demaskierung, übergehend in eine clowneske Parodie auf alternde Travestie-Diven. Ein Pfefferminz-Bonbon aus dem Publikum führte zu einem großartig gespielten allergischen Schock-Tod, der in seiner Intensität jedem Bühnenschurken Ehre gemacht hätte. Von den Toten wieder auferstanden, erklärte Christine Prayon ihre "multiple Persönlichkeit" und bewies, dass die Deutschen "ein humoristisches Potenzial in homöopathischen Dosen" haben.

Treffsicher das Klischee von italienischen Restaurantbesitzer: "Bilden Sie sich Ihr Vorurteil bitte selbst". Die Lesung aus der "zeitgenössischen Lyrik, Band 1" mit dem Gedicht "Nussloch" aus dem Zyklus "Männer sind primitiv aber glücklich" von Mario Barth gehörte zu den Höhepunkten: Das typische "Pass auf, pass auf" des Comedians bekam hier geradezu expressionistische Weihen. Zwei Zugaben und viel Applaus beendeten einen außergewöhnlichen Kabarettabend von Format.