Er will niemandem so richtig wehtun – außer der AfD vielleicht, die er nun wirklich gar nicht leiden kann. Die Bühnenpräsenz des Kabarettisten Stefan Reusch ist enorm; beredt legt er seinen Stimmfinger auf die vielen Pannen und Peinlichkeiten des vergangenen Jahres. Klar, dass da Greta Thunberg und die SPD vorkommen, auch Olaf Scholz, AKK, von der Leyen, die Klimakatastrophe, Trump und Erdogan.

Im vollbesetzten Kleinkunstkeller in der Bietigheimer Altstadt fand Reusch ein aufgeschlossenes, dankbares Publikum vor, die den selbst ernannten Superman nach zwei Stunden regelrecht feierten. In ähnlicher Strickart wie die beliebte ZDF-Sendung Heute-Show von und mit Oliver Welke bekommen alle irgendwie ihr Fett weg, ohne dass es richtig peinlich oder beleidigend wird. Freilich, im Blick auf die Rechten jongliert er gekonnt mit „flüssig und braun“, dem Parteitag in Braunschweig und gleichfarbigen Ausscheidungen.

„Das Jahr war schlecht, nur einer kann es retten: Er!“, verkündete der Lautsprecher zu Beginn, und dann kam es zu einer wortreichen Abrechnung, mit dem Internet etwa, dem er misstraut und als „Dreckschleuder“ bezeichnet. Um es dann gleich wieder zurückzunehmen: „Früher, ohne Netz, war auch nicht alles besser, man hat es nur später bemerkt.“ Die ersten „Schocker“ erntete die Geschichte, in der eine unverschämte alte Dame im Bus einen jungen Mann zum Aufstehen zwingt und dann in ihr Buch versinkt, worauf der Junge cool in seinem Smartphone den Krimi googelt und der Alten den Namen des Mörders verkündet.

Klug inszenierte Pointen

Zahllose klug inszenierte Pointen, die direkt aufs Zwerchfell abzielten, reihten sich aneinander: Soll man in der Türkei Urlaub machen?, fragte Superman, und brachte mit erhobenem Zeigefinger den erhabenen Ziegenfänger und Sultan Erdogan ins Spiel. Das Jahr 2019 sei ein Drei-T-Jahr und ein Doppel-K-Jahr gewesen: Terror, Trump und die „trohende Rechtschreibschwäche“ der deutschen Jugend. Doppel-K bedeute keineswegs Kramp-Karrenbauer oder die Klimakatastrophe, sondern Kevin Kühnert, der „uns“ alles wegnehmen wolle, auch unseren BMW, dieser „Broletarier mit Weitblick“.

Ursula von der Leyen widmete Reusch gar volle zehn Minuten, der eiskalten, „teflonbeschichteten“ neuen EU-Präsidentin, die Soldaten als „atmende Wehrkörper“ und nicht als Menschen tituliert hatte. Die Bundeswehr bekommt gleich mehrfach Reuschs Rache zu spüren, es sei ja alles kaputt, selbst die Reichsbürger hätten bessere Waffen. Vielleicht hätte es geholfen, räsoniert er, den Waffengattungen nicht Namen aussterbender Rassen wie Tiger oder Luchs zu geben, sondern von solchen, die sich durchsetzten. Ratten oder Kakerlaken zum Beispiel.

Von Greta besitze er ein Heiligenbildchen, bekennt Reusch. Die junge Schwedin nerve zwar und zerstöre Lebensfreude, sie erinnere die Staatengemeinschaft aber bloß daran, was seit Jahrzehnten bekannt und festgeschrieben sei. Und dann die SPD. Wie viel Hohn und Spott hat sie in 2019 nicht einstecken müssen? Reusch vergleicht die altehrwürdige Partei mit Leonardo. Dieser habe schwer gemalt und jene sei schwer gezeichnet.

Leicht peinlich wird Reuschs Show an der Stelle, wo er einen Protestsong anstimmt, denn singen kann er nun wirklich nicht. Deutlich besser flutscht es bei seinen zahlreichen Wortverdrehern und der gekonnten Wortakrobatik. Heißt GroKo nun wirklich das „große Kotzen“, wie er den einhundertfünfzig Zuhörern weismachen möchte? Richtig „glatt“ ist Reuschs Passage über „Choupette“, die Birma-Katze des 2019 verstorbenen Modezaren Karl Lagerfeld, die nun „Milljaunärin“ sei und sich so viele Kater leisten könne wie sie wolle.

Reusch arbeitet sich an der „Arschbombe“ Trump ab, der Wiener Brut, in der es weniger Sachertorte als solche von der Stracher-Sorte gebe und an den zahlreichen Doppelnamen bei politischen Amtsinhabern. Boris Johnson nannte er „knuffig“ und dem Brasilianer Bolsonaro unterstellt er, er mache in seinem Land unseren Regenwald kaputt. „Artenlos durch die Nacht“ endet der Ritt durch das ereignisreiche Jahr 2019.