Kerzengerade Wege durchziehen heute den Bietigheimer Forst, angelegt in der Zeit des Absolutismus, als die württembergischen Herrscher glaubten, nicht nur die Untertanen, sondern auch die Natur bändigen zu können. Gänzlich anders muss es ausgesehen haben, als steinzeitliche Jäger und Sammler hier vor 10 000 und mehr Jahren durchzogen. Nur wenig ist über diese Menschen bekannt, dass sie da waren, belegt aber eine mittelsteinzeitliche Klinge aus Hornstein, die ein Geologe im Jahr 1951 in der Gegend des Fürstenstandes auflas.

Während Menschen heutzutage zum Vergnügen Dinge sammeln, war das Sammeln in der Zeit, bevor der Ackerbau bekannt war, eine Frage des Überlebens: Neben der Jagd ergänzten Früchte und Wurzeln den Speiseplan in der Altsteinzeit (bis vor etwa 10 000 Jahren v. Chr.) und Mittelsteinzeit (circa 10 000 bis 7000 v. Chr.). Aber auch künstlerisch betätigten sich damals die Menschen, wie fast 40 000 Jahre alte Funde in den Höhlen der Schwäbischen Alb im Achtal und im Lonetal zeigen. Der hiesige Raum kann mangels Höhlen allerdings keine entsprechenden Funde vorweisen.

Dennoch hinterließen die steinzeitlichen Jäger auch hier ihre Spuren. Die Allgemeine Datenbank des Landesamtes für Denkmalpflege verzeichne jeweils 20 alt- und mittelsteinzeitliche Plätze im Landkreis Ludwigsburg, teilt Saskia Becker vom Regierungspräsidium auf Anfrage mit. Drei davon befinden sich in Bietigheim-Bissingen und Umgebung. Dass es nicht mehr sind, „dürfte auf die Bodenverhältnisse und eine intensive Erosion in den letzten Jahrhunderten zurückzuführen sein“. Über altsteinzeitlichen Fundplätzen haben sich im Laufe der Jahrhunderttausende große Erd- und Geröllschichten akkumuliert, weshalb diese oft nur bei tiefen Erdarbeiten, zum Beispiel in Kiesgruben, auftauchen. „Dies ist ein Grund dafür, weshalb bei einfachen Bodenarbeiten, wie zum Beispiel dem Aushub für ein Hausfundament, in unseren Breiten nicht öfter altsteinzeitliche Funde gemacht werden“, so die Pressesprecherin.

Knochen des Nashorns

Einmaliger Glücksfall für die Archäologie im Kreis war die Entdeckung des „Homo steinheimensis“ (um 200 000 v. Chr.), eine Art Vetter des Neandertalers, beim Kiesabbau in Steinheim. Im Raum Bietigheim weisen laut Regierungspräsidium über ein großes Areal verstreute sogenannte Silexartefakte auf dem Gewann „Wolfsbühl“ auf alt- und mittelsteinzeitliche Lagerplätze hin.

Darüber hinaus wurden Funde gemacht, die Aufschlüsse auf die damalige Tierwelt geben. Wie der Archäologe Dr. Ingo Stork in der Chronik zur Bietigheimer Stadtgeschichte feststellt, wurde ein Backenzahn des Waldelefanten im Steinbruch Fink entdeckt, Reste des unbehaarten Nashorns in einer Spalte beim Husarenhof. Diese Tiere gab es in der Warmzeit. Das bekannteste eiszeitliche Tier, das Mammut, sei nicht belegt, so Stork, dafür aber das langhaarige Nashorn und Geweihstangen eines Riesenhirsches. Stork nimmt an, dass Jäger und Sammler in der Altsteinzeit Lagerplätze anlegten, von denen aus sie das Wild gut beobachten und an geeigneten, nahen Engstellen erlegen konnten. „Derartige Lager dürfen wir mit einiger Wahrscheinlichkeit an Terrassenvorsprüngen des Enztals vermuten.“

Fein geschärfte Steingeräte

Die 1951 gefundene Klinge im Forst wird der Mittelsteinzeit zugeordnet. Damals änderte sich das Klima: Die Eiszeit war zu Ende, es wurde wärmer, Wälder breiteten sich aus, die eiszeitlichen Tiere wie das Mammut verschwanden. Die Menschen behielten aber zunächst das Leben als Jäger und Sammler bei und optimierten ihre Werkzeuge und Jagdgeräte. Kleine, außergewöhnlich fein geschärfte Klingen, Microlithen, sind nun typisch. Im Raum Bietigheim bieten sich laut Stork Hochflächen über dem Enz- und Mettertal als mögliche Aufenthaltsplätze an. Belegt sind die mittelsteinzeitlichen Jäger im benachbarten Sachsenheim, wo im Gebiet Holderbüschle Steinartefakte gefunden wurden.

Die Zeit des Jagens und Sammelns endete mit der Jungsteinzeit (7000 bis 1800 v. Chr.). Damals setzte mit der Ausbreitung des Ackerbaus ein gewaltiger Umbruch ein.