Geburtstagstorte von Mama, Pizza vom Lieferdienst und Geschenke von Freunden. So konnte Helge Wessels ganz gemütlich den Abend seines Geburtstags ausklingen lassen. Auch hatte er an diesem Tag frei – wer will schon an seinem Ehrentag arbeiten. Gefeiert wurde in der Wohngemeinschaft, in der er mit vier weiteren Personen wohnt. Klingt alles wie eine ganz normale Geburtstagsfeier in einer ganz normalen WG? Ist es auch ­ – mit einigen Besonderheiten.

Helge Wessels ist 50 Jahre alt geworden, seit Gründung der WG im Fliederweg in Bietigheim-Bissingen 2001 wohnt er in der etwa 200 Quadratmeter großen WG, die von der „Initiative Selbständiges Leben Behinderter im Landkreis Ludwigsburg“ (Insel e.V.) aufgebaut wurde. Helge Wessels hat das Williams-Beuren-Syndrom (WBS), das kognitive Behinderungen, Wachstumsverzögerungen sowie die charakteristische Gesichtsform mit den vorstehenden Wangenknochen, den vollen Lippen und dem kleinen Kinn, mit sich bringt.

Schulbesuch in Markgröningen

„Er war zuvor auf der Körperbehindertenschule in Markgröningen“, erklärt seine Mutter. Danach habe sie auf Anraten des Fachschuldirektors Albert Vogel ein Plätzchen für ihn in einer Insel-Wohngemeinschaft gesucht. „Ich habe es keinen Tag bereut“, so die Mutter von zwei Kindern. „Ich lebe gerne hier“, bestätigt das Geburtstagskind. Helge Wessels arbeitet zumeist bis 16 Uhr in den Theo-Lorch-Werkstätten in Bietigheim und abends verbringt er dann Zeit mit seinen Mitbewohnern oder übt Keyboard. „Das mache ich total gerne“, sagt er. Seine Musikalität ist übrigens auch eine typische Eigenschaft bei Menschen mit WBS.

„Jeder hat hier seine WG-Aufgaben“, erklärt Britta Schillinger. Sie ist Heilerziehungspflegerin und die Leitende Fachkraft der Bietigheimer WG und begleitet die fünf Bewohner pädagogisch und pflegerisch. Um 16 Uhr geht ihre Arbeit erst richtig los, wenn die WG-Mitglieder von der Arbeit heimkommen – Berufstätigkeit ist eine Bedingung, um in der WG leben zu dürfen. Ebenso Volljährigkeit. Einkaufen, Tisch decken, Müll leeren und das eigene Zimmer putzen seien unter anderem die Pflichten der Fünf. Bei der Umsetzung hilft Schillinger. Bei all den Aufgaben bleibe aber auch noch genügend Zeit für Freizeitaktivitäten wie Judo oder das Besuchen von VHS-Kursen. Am Wochenende werden auch oft gemeinsame Ausflüge unternommen oder die Bewohner besuchen ihre Eltern – Helge Wessels ist fast jedes Wochenende bei seiner Mutter in Neckarweihingen. Eine Nachtwache gibt es in der WG nicht. „Jeder hat seinen individuellen Notfallplan“, erklärt Schillinger. Wenn es hart auf hart kommt, fährt sie in die WG. So etwas komme aber sehr selten vor.

Reibereien sind normal

Auch schlichtend muss die Heilerziehungspflegerin manchmal eingreifen. Denn jeder, der schon einmal in einer WG gewohnt hat, weiß: Reibereien sind ganz normal. Klassiker, wie dem Mitbewohner den Joghurt wegzuessen oder Wäsche zu waschen, obwohl jemand anders Waschtag hat. „Bei der Konfliktlösung muss ich häufig unterstützen“, so Schillinger. Darin seien die fünf Menschen mit Behinderung nicht so gut.

„Das Leben ist hier individueller möglich“, erklärt die Fachliche Leitung Susanne Winter, die für alle Insel-Wohnungen im Kreis zuständig ist. Sie vergleicht es mit dem Auszug der Kinder, wenn sie mit dem Studieren beginnen. „Auch Menschen mit Behinderung wollen von zu Hause ausziehen, wie jeder andere auch“. Durch die auf die Person abgestimmte Betreuung sei das in den Wohnungen des Vereins möglich. „Insel hat Modellgeschichte geschrieben“, sagt sie. „Seit gut zehn Jahren machen das die großen Träger nun auch.“

www.inselev.de

Initiative Selbständiges Leben Behinderter


„Das ist die einzige Insel-WG in Bietigheim“, so Susanne Winter. Neben der WG im Fliederweg werde in Bietigheim noch ein Ehepaar betreut.

Im Landkreis bekommen 68 Bewohner Hilfe vom Verein. Es gibt, verteilt auf Pleidelsheim, Bietigheim, Schwieberdingen, Kornwestheim, Ingersheim, Markgröningen, Gerlingen und Ludwigsburg, 18 Insel-Wohnungen. Elf Menschen werden im eigenen Wohnraum betreut.

Albert Vogel, Fachschuldirektor an der August-Hermann-Werner-Schule in Markgröningen, gründete 1983 den Verein. Damit wollte er ambulante Wohnformen für Menschen mit Behinderung als Alternative zur stationären Heimunterbringung umsetzen. hevo