Bietigheim-Bissingen / Dietmar Bastian

Viel zu früh und vollkommen überraschend ist er aus diesem Leben getreten, der Komponist, Organist, Pianist, Liedbegleiter und Pädagoge Hans Georg Pflüger. Genau an seinem 20. Todestag veranstaltete das Kulturamt der Stadt Bietigheim-Bissingen in Verbindung mit der Hans-Georg-Pflüger-Gesellschaft vergangenen Samstag ihm zu Ehren ein Konzert. Das renommierte „Rodin-Quartett“ aus München spielte Schubert, Mendelssohn und Pflüger.

Doch vor der Musik gab es eine anrührend-persönliche Würdigung durch den alten Wegbegleiter und Freund Rudolf Bayer, der statt musikwissenschaftlicher Betrachtungen zum erstaunlich umfangreichen Oeuvre Pflügers lieber Geschichten erzählen wollte, tat’s zum Wohlgefallen der knapp 200 Zuhörer im überfüllten Hans Georg Pflüger Saal. Er erzählte von einem musikalischen Urerlebnis in der Sankt-Laurentius-Kirche, wo er als zwölfjähriger Bub den nur vier Jahre älteren Pflüger so gewaltig auf der Orgel hatte spielen hören, dass er dies bis heute nicht vergessen habe. Bayer erinnerte an die besonderen Verdienste Pflügers für die Stadt Bietigheim, der in den 80er- und 90er-Jahren der große Impulsgeber für die Entwicklung des städtischen Musiklebens geworden war. Geradezu symbiotisch schien das Verhältnis Pflügers zu seiner Heimatstadt und einigen seiner wichtigen Persönlichkeiten, etwa dem damaligen Oberbürgermeister Manfred List. Pflüger hatte Bietigheim und seinen Gönnern viel zu verdanken. Er beantwortete deren Gunst mit der ihm eigenen kreativen Energie, die er in den Dienst der Stadt stellte. So waren viele seiner Werke Auftragskompositionen der Stadt, wurden hier uraufgeführt und beeindruckten auch die ganz Großen der Musik weit jenseits der Stadtgrenzen. Der Galerist Bayer resümierte, kein anderer habe sich in der neueren Zeit so wie Pflüger in das „kulturelle Gedächtnis“ der Stadt eingegraben. Heute trägt der Konzertsaal des Schlosses seinen Namen, dessen Klang unverändert lebendig ist und Menschen anzieht.

Das international agierende „Rodin-Quartett“ aus München hatte den musikalischen Teil des Abends übernommen und spielte zunächst Schuberts frühes Streichquartett C-Dur D 46 und danach die Drei Bagatellen (1993) für Streichquartett von Hans Georg Pflüger (Capriccio – Arietta – Toccata). Nein, diese inspirierte und formal in sich stimmige Musik ist nicht umsonst geschrieben worden. Überall blitzen jene „Funken Ewigkeit“ auf, die bleibende Musik ausmachen und von denen Rudolf Bayer in seiner Einleitung gesprochen hatte. Fließende Übergänge zwischen Spätromantik und Avantgarde, einprägsame musikalische Gesten, wehmütig-ahnende Gesänge – all dies findet sich in den kurzen Stücken. Die Toccata mit ihren wilden Tremoli und dem gewieften Spiel mit Obertönen hat Pflüger vermutlich auf der Orgel komponiert.

Das Rodin-Quartett hatte mit Schubert zwar etwas zögerlich und sich vorsichtig herantastend begonnen, konnte sich aber spätestens bei den Bagatellen freispielen. So geriet das Abschlussstück des offiziellen Teils zu einem ganz wunderbaren Hörgenuss: Felix Mendelssohns ebenfalls frühes Quartett a-Moll op. 13.  Mit ihrem stupenden Können führten die vier Münchener (Sonja Korkela, erste Violine, Gerhard Urban, zweite Violine, Martin Wandel, Viola, und Clemens Weigel, Violoncello) geradewegs hinein in die emotional so reiche Tonlandschaft des 19. Jahrhunderts. Als Zugabe erklang ein langsamer Satz Dvoraks.