Nathalie Weiß arbeitet in der Garten- und Landschaftspflege im Behindertenzentrum (BHZ) Stuttgart. Es ist eine Einrichtung der Diakonie. Nun sitzt die 36-Jährige in Bietigheim-Bissingen ziemlich nervös in der Kabine eines Gabelstaplers von beeindruckender Größe. Es ist die letzte Übungseinheit vor der Prüfung am Nachmittag. Aufmerksam verfolgt die Frau die Anweisung ihres Fahrlehrers. „Höher, höher, noch ein wenig mehr.“ Heiko Zimmer meint die Gabelzinken, die sich über einen kurzen Hebel senken und heben lassen. Sie muss eine Gitterbox auf eine andere stapeln. Großen Spielraum bleibt ihr nicht. Eine Millimeterarbeit. Mit einem leichten Scheppern ist die Box an ihrem Platz. Geschafft.

Dann folgt die nächste Anweisung des Lehrers. Weiß legt den Rückwärtsgang ein und dreht den Oberkörper um 180 Grad. So steuert sie Zentimeter um Zentimeter das Fahrzeug durch einen Parcours, der durch Leitkegel begrenzt ist. Die rot-weißen Plastikkegel haben schon einiges mitgemacht. Auch die unsichere Fahrweise von Nathalie Weiß bekommen sie zu spüren. „Schau bitte immer mal wieder nach vorne, damit du mit den Gabelzinken nicht irgendwo hängen bleibst“, bittet sie ihr Fahrlehrer, bei dem sie in wenigen Stunden auch die Prüfung ablegen wird. Mit nur kleinen Hebelbewegungen entwickelt ein Stapler ganz schöne Kräfte.

Heiko Zimmer bringt seit Jahren Menschen das Fahren eines Gabelstaplers bei. Aber zum ersten Mal, und einzigartig in Deutschland, hat der Geschäftsführer des Schulungszentrums Bietigheim-Bissingen, wie er sein Unternehmen in der Adolf-Heim-Straße nennt, Kursteilnehmer aus zwei Werkstätten für behinderte Menschen. Für ihn ist der Kurs Neuland mit einem besonderen Anliegen: „Firmen suchen händeringend Beschäftigte fürs Lager“, weiß der 74-Jährige. Der erfahrene Lehrer und Prüfer möchte mit diesem viertägigen Kurs beweisen, dass auch Menschen mit einer leichten geistigen Behinderung ein solches Flurförderfahrzeug, wie es offiziell heißt, sicher beherrschen können.

„Die Schulung gibt den Teilnehmern eine bessere Chance, einen Job außerhalb der Werkstatt zu finden“, ist seine Hoffnung. Seine Hoffnung deckt sich mit dem Ziel der Behindertenwerkstätten: Behinderte wenn möglich fit für den ersten Arbeitsmarkt zu machen. Mit dem Kursnachweis rückt ein Praktikum in erreichbare Nähe. Bedienerschulung heißt eine Gabelstapler-Ausbildung. An deren Ende steht eine theoretische und praktische Prüfung. Ist beides bestanden, überreicht Zimmer den Gabelstaplerschein. Für die sieben Teilnehmer aus den Remstal-Werkstätten in Waiblingen sowie aus dem BHZ Stuttgart gibt es keine Sonderbehandlung. „Die Anforderungen sind die gleichen wie in meinen sonstigen Kursen“, sagt Zimmer. Allerdings dauert diese Schulung vier statt der üblichen zwei Tage. Die Übungseinheiten sind kürzer, werden dafür häufiger wiederholt als in einem normalen Kurs.

Harald Teuber ist Bildungsbegleiter bei den Remstal-Werkstätten. Er hat die Schulungsunterlagen in Leichte Sprache gebracht. 140 Seiten sind es geworden. „Ich habe ein Jahr daran gearbeitet.“ Im Kursraum wird das Unterrichtsmaterial Seite um Seite gelernt. Für einige Teilnehmer ist das eine echte Herausforderung. Denn sie sind zwar fit in der Kabine des Staplers, aber sie lesen nur schlecht. Aber wer die wichtigsten Sicherheitsvorschriften nicht kennt, bekommt keinen Schein.

Wenige Zentimeter

Auch die praktische Prüfung auf dem Firmengelände ist nicht ohne. Im Parcours ist zwischen den Markierungen gerade so viel Platz, dass der Stapler durchpasst. Es bleiben wenige Zentimeter zwischen den Kegeln und den Reifen. Nathalie Weiß guckt immer wieder unsicher auf das Armaturenbrett mit den zahlreichen Bedienungshebeln und Knöpfen. Mit welchem Hebel bringt man die Zinken in Schräglage? Sie zögert kurz, wählt dann den richtigen. Sie schafft es nahezu fehlerfrei, den Stapler einzuparken.

„Gut gemacht“, loben Fahrlehrer Zimmer und Rainer Gemeinhardt. Er ist der Leiter der Beruflichen Bildung beim BHZ in Stuttgart. „So ein Erfolg stärkt das Selbstbewusstsein. Das ist wichtig auch bei der Suche nach einem Job“, weiß er. Nathalie Weiß steigt zufrieden aus der Kabine. Stolz wird sie ihren neu erworbenen Führerschein bei ihrem nächsten Praktikumstag in einem Stuttgarter Baumarkt zeigen. „Vielleicht“, so hofft sie, „darf ich im Lager dann endlich mal einen Gabelstapler fahren.“

Marco Kirstein kommt von den Remstal-Werkstätten. Dort transportiert er Waren mit einer Ameise. Der Hubwagen ist der kleinere Bruder des Gabelstaplers. „Ich würde mit einem Gabelstapler gerne große LKW beladen. Das würde mir wirklich Spaß machen.“ Dem Ziel ist er am Donnerstag ein gutes Stück nähergekommen. Der 25-Jährige hat den praktischen Teil fehlerfrei bestanden. Der junge Mann ist voll des Lobes für den Fahrlehrer. „Der mag uns.“ Mehr Anerkennung geht nicht. Heiko Zimmer trifft den richtigen Ton: Er spricht mit seinen Schülern, ohne in eine „Behindertensprache“ zu fallen. Gleichzeitig vermeidet er komplizierte Begriffe. Geduldig erklärt er manche Anweisung mehrmals. Menschen mit einer geistigen Behinderung, das weiß er, können sehr wohl Anspruchsvolles lernen. „Aber sie benötigen dafür mehr Zeit.“ Seine Bemerkungen kommen mit ruhiger Stimme, in der jederzeit die Sicherheit mitschwingt: „Du bekommst das hin.“

An den Kosten des Kurses ist die Volkshochschule (VHS) Stuttgart beteiligt. Die Schulung gehört zum Kursprogramm der VHS. Der Zuschuss kommt aus dem Europäischen Sozialfonds (EFS). Einen Teil des Beitrags tragen die Werkstätten. Einen kleinen Rest – sofern finanziell möglich – tragen die Kursteilnehmer von ihrem Einkommen aus der Werkstattarbeit. Karin Wahner, Leiterin der Stabsstelle für inklusive Angebote bei der VHS, stellt fest: „Wir haben die erste inklusive Gabelstapler-Schulung mit anerkanntem Führerschein in Deutschland.“ Den ersten Kurs haben alle bestanden, inklusive einer Untersuchung auf die Fahrtauglichkeit durch einen Arbeitsmediziner.