Mit einer Infoveranstaltung im Bietigheimer Rathaus beteiligte sich die Regionale Kliniken Holding (RKH) GmbH am Donnerstagabend am Weltadipositastag. Die Chefärzte stellten Behandlungsmethoden gegen das krankhafte Übergewicht vor, betonten aber auch, dass sie keine Wunderheiler seien. Die Patienten müssten mitwirken und zur Unterstützung ihre Ernährung umstellen, um dauerhafte Erfolge zu erzielen.

Die RKH Kliniken der Stadt Bietigheim und des Landkreises Ludwigsburg im Verbund mit dem Enzkreis und dem Kreis Karlsruhe eröffnen Menschen, die chronisch an krankhaftem Übergewicht leiden und nicht selten sogar daran sterben, mehrere Behandlungsmöglichkeiten, die eines gemeinsam haben: Der Patient muss seine Ernährung umstellen, sein Verhalten ändern und sich mehr bewegen.

Professor Dr. Dieter Birk, Ärztlicher Direktor und Leiter des Adipositaszentrums im Krankenhaus, appellierte, die Krankheit als Epidemie anzuerkennen. An Übergewicht, führte er aus, würden Menschen öfter als durch Autounfälle oder Terroranschläge sterben. Allein im Landkreis Ludwigsburg seien nach BMI (Body Mass Index) 4500 von 517 208 Einwohnern übergewichtig.

Nach Informationen der Ernährungswissenschaftlerin Sarah Heß bietet das Krankenhaus ambulante Therapien, stationäre Therapien in Spezialkliniken und Magenoperationen an, vor denen meistens eine Magenspiegelung nötig ist. Allerdings könnten Patienten nach Magenverkleinerungen auch wieder zunehmen, erklärte Heß. Bei der Nachsorge müssten sie im ersten Jahr alle drei Monate zum Gespräch kommen, im zweiten Jahr alles sechs Monate und dann nach Bedarf.

Der Chefarzt der ambulanten Endokrinologie, Privatdozent Dr. Steffen Hering, analysierte die Ursachen der Adipositas wie Genetik, Lebensstil, Essstörungen, Drüsenerkrankungen oder Medikamente. Er nannte auch die Folgen von Adipositas wie Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes oder Bluthochdruck. Adipositaskranke, so Hering, würden bis zu zwölf Jahre früher als Gesunde sterben.

Der Psychosomatik-Chefarzt Dr. Jürgen Knieling stellte fest, dass Heißhungeranfälle aus einer inneren Verspannung heraus kämen, ähnlich wie bei der Alkoholsucht. Psychosoziale Risikofaktoren für Adipositas fand Knieling in der Kindheit und Jugend: sexueller Missbrauch, körperliche Gewalt, Ablehnung durch die Eltern, geringe soziale Unterstützung und geringer Selbstwert. „Adipositas ist keine psychische Krankheit, aber sie hat eine psychische Seite“, erklärte Knieling, manchmal helfe es Betroffenen auch schon, ein Tagebuch führen.

Der Chef der Gastroenterologie, Dr. Marc Müller, führte aus, dass die Magenverkleinerungen oft in Kombination mit Verkürzungen des Dünndarms vorgenommen würden. Damit könne der Patient nur sein Übergewicht um 25 Prozent reduzieren, nicht aber sein Körpergewicht.

Der Ärztliche Geschäftsführer des Adipositas-Zentrums Bietigheim-Bissingen, Dr. Jürgen Herbers, resümierte, zwei Drittel der Patienten seien hinterher zufrieden, ein Drittel nicht. Schon zehn Kilo weniger bedeuteten 15 Prozent weniger Cholesterin und deshalb sei es nicht nur der Schönheit, sondern auch der Gesundheit förderlich, abzunehmen.

Im Anschluss an die Fachvorträge der Ärzte gab es eine Diskussion, bei der sich auch Mitglieder der Selbsthilfegruppe Adipositas zu Wort meldeten, die nach Informationen ihrer Leiterin, Simone Walter, mittlerweile 63 Mitglieder hat. Jo Hees zum Beispiel, der seinen Magen hat verkleinern lassen, befürwortete die vom Bundesgesundheitsministerium zum Thema gemachte Ampellösung für Lebensmittel. Die klein gedruckten Inhaltsstoffe liest Hees meistens nicht. Eine rote Ampel auf der Packung würde ihn schon eher davon abhalten, ungesunde Produkte zu kaufen.

Thema Kostenübernahme

Ein großes Thema beim Adipositasabend war die Kostenübernahme durch die Krankenkassen. Dieter Birk rät Patienten, in den Rechtsstreit zu gehen, wenn die Kassen nicht zahlen. Als einer, der als Turner immer schlank war, brachte sich der Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion, Eberhard Gienger, ein. Erstrebenswert ist seines Erachtens nach ein Gleichgewicht von Körper und Geist. Giengers praktische Ratschläge: Kinder an gesunde Ernährung heranführen und ihnen beibringen, dass Schwitzen im Sport etwas Natürliches ist.