Kulturregion Industrie öffnet sich der Kunst

Von Gabriele Szczegulski 21.07.2018

Vorreiter ist die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen mit ihrer Ausstellung zum Kunstprojekt der Kulturregion Stuttgart. Denn das Projekt „Drehmoment“ wird erst am 4. Oktober mit einer zentralen Eröffnung in Stuttgart freigegeben. Die Galerie eröffnete die Ausstellung mit den drei beteiligten Künstlern schon am Freitagabend. In der Ausstellung sind nicht nur Zwischenschritte oder die ganze Arbeit zum Projekt zu sehen – und das gibt es so nur in Bietigheim –  sondern die Künstler und ihre bisherigen Arbeiten werden vorgestellt.

Die Idee hinter „Drehmoment“ ist, Künstler mit lokalen Industriebetrieben zusammenzubringen, so dass sich durch die Zusammenarbeit Kunst/Industrie kreative Prozesse entwickeln. In Bietigheim-Bissingen öffnete sich die Dürr AG dem Stuttgarter Künstler Joachim Fleischer, die Löchgauer Firma Konzelmann arbeitete mit dem Berliner Nandor Angstenberger zusammen und die Bissinger Firma Atlanta stellt der ebenfalls aus Berlin stammenden Pia Lanzinger gleich die gesamte Belegschaft zur Verfügung.

Das Besondere ist vor allem, und das betonten die drei Künstler bei der Presseführung in der Galerie, dass sich die Betriebe öffneten, sich auf die Projekte einließen, ohne Wenn und Aber, obwohl sie nicht wussten, was am Ende entstehen wird oder wie kritisch die Firma künstlerisch betrachtet wird.

Roboter und Licht

Der Lichtkünstler Joachim Fleischer arbeitet schon seit 1996 mit Robotern, die für seine Installationen beispielsweise in der Innenstadt von Tokio Räume abtasten und mit Licht füllen, wie er sagt. Bei der Dürr AG, die große Lackierroboter fertigt, ging für Fleischer ein Traum in Erfüllung: die Arbeit mit Riesenrobotern. Seine Arbeit „Der/die Andere“ entsteht derzeit und wird am Donnerstag, 11. Oktober, bei der Firma im Foyer mit drei Robotern und Licht inszeniert. Dabei geht es ihm um die Beziehung Mensch/Maschine. „Wie behaupte ich als Mensch meinen Platz, ist die Maschine jemand anders oder bin ich es, der sie steuert“, erklärt Fleischer seine Herangehensweise. In der Galerie zeigt er eine Fotoserie, die bei einem seiner Aufenthalte bei Dürr entstand. Mit den speziellen Ausschnitten sieht man eine Mensch-Roboter-Interaktion.

Wie im Paradies

Eine ganz andere Herangehensweise hatte Nandor Angstenberger. Der Künstler, der viel mit Wegwerfmaterialien beispielsweise aus Plastik arbeitet, fühlte sich in der Löchgauer Firma Konzelmann, die Kunststoffspritzgießprodukte herstellt, „wie im Paradies“. Er durfte sich kistenweise kleine, bunte Plastikteile mitnehmen, die er in Kombination mit Naturmaterialien und farbigen Platten zu einem Kunstwerk zusammenstellte, das komplexe Strukturen und naturähnliche Objekte aus den Plastikteilen entstehen lässt und sie damit entfremdete. „Ich bin so gespannt, wie die Mitarbeiter und die Firmenleitung reagiert, was aus ihren Teilen wurde“, sagt Angstenberger.

Atlanta auf der Bühne

Pia Lanzinger geht in Zusammenarbeit mit der Bissinger Firma Atlanta ganz andere Wege: Gemeinsam mit einigen Mitarbeitern entsteht derzeit die Bühnen-Performance „Arche Atlanta“, die im Kronenzentrum aufgeführt wird. „Ich ging ohne Konzept in die Firma und musste feststellen, dass die 300 Mitarbeiter sich als Familie Atlanta wohl und sicher fühlen, wie auf einer Arche. Sie trotzen gemeinsam den Unsicherheiten, der Angst und dem Fremdenhass der Gesellschaft“, sagt Pia Lanzinger. Das brachte die Künstlerin, die schon soziologische Aktionen in München und Australien initiierte, auf die Arche als Rahmen. In der Ausstellung steht eine Art Arche, die aus einem Zahnrad und einer Zahnstange, den Atlanta-Produkten per se, besteht, und auf der Bühne stehen wird. Die Mitarbeiter arbeiteten an den Texten, in denen es um Migration, Heimat, ihre Arbeit und vieles mehr geht,  mit. „Atlanta zahlte der Belegschaft sogar unsere Probenzeiten“, sagt Lanzinger. „Wie sich die Firmen öffneten und die Künstler so unterstützen, das haben wir nicht gedacht“, sagt auch Galerieleiterin Isabell Schenk-Weininger, die für die Mitarbeiter der drei Firmen eigene Führungen anbieten wird.

Rahmenprogramm zur Ausstellung

Führungen: am Sonntag, 5. August, 11.30 Uhr, am Sonntag, 26. August, 16.30 Uhr, am Sonntag, 16. September, 11.30 uhr, am Sonntag, 7. Oktober, 11.30 Uhr, am Sonntag, 14. Oktober, 16.30 Uhr. Eine Führung exklusiv für Lehrkräfte gibt es am Montag, 23. Juli, 17 Uhr. After-Work-Kurzführungen sind am Dienstag, 31. Juli, 16.30 Uhr, am Mittwoch, 5. September, 17 Uhr, am Donnerstag, 27. September, 17.30 Uhr.
Ein Künstlergespräch mit Nandor Angstenberger, Joachim Fleischer udn Pia Lanzinger gibt es am Freitag, 5. Oktober, 18 Uhr.

Die „Arche Atlanta – Vom Schwäbischen in die Ferne und zurück“, eine kollaborative Aufführung von Pia Lanzinger mit Mitarbeitern der Firma Atlanta gibt es am Dienstag, 9. Oktober, 19.30 Uhr, im Kronenzentrum.

„Der/die Andere“, eine szenische Installation mit drei Robotern und Licht findet am Donnerstag, 11. Oktober, 18.30 Uhr, im Foyer der Firma Dürr, Carl-Benz-Str. 34, statt. Die Öffnungszeiten für den Besuch der Installation vom 12. bis 27. Oktober sind Montag, Mittwoch, Freitag, 16 bis 19 Uhr und Samstag, 15 bis 18 Uhr. Ein Künstlergespräch mit Joachim Fleischer in der Firma Dürr gibt es am Donnerstag, 18. Oktober, 19 Uhr. sz

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