Attraktion Im Buch klirren die Schwerter

Bietigheim-Bissingen / Susanne Yvette Walter 04.02.2019

Wenn es kalt es wie zurzeit macht die „Gewandung“ der mittelalterlichen Recken und Edelleute erst so richtig einen Sinn: Den Fuchspelz um den Hals, darunter den langen Samtmantel und das Kleid mit den Ärmeln aus Leinen – wer zum Volk der mittelalterlichen Schaussteller gehört, wird automatisch Blickfang. Zwei Tage dauert die Zeitreise in Bietigheim-Buch beim dritten Mittelalterspektakel, und zumindest für diese Zeit tauchen nicht nur die Bewohner des Wohnblock-Stadtteils ein in eine Atmopshäre wie anno dazumal. Das Mittelalterspektakel im Februar ist das früheste weit und breit.

Seit drei Jahren ist Ende Januar/Anfang Februar in Bietigheim- Buch nichts wie sonst. Mittelalterliche Marktbestücker aus aller Herren Bundesländer, diesmal über 100 an 80 Ständen, stürmen das Buch schon vor dem Wochenende und bauen Zelte aus Leinen auf. Die Stadt hisst ihre Fahnen. Dudelsäcke werden gestimmt und mehrere Bühnen aufgebaut.

Auf denen sollen dann später am Abend der Dudelsack, die keltische Harfe, Schalmeien und Flöten ihre große Stunde haben. Der Held des Samstagabends ist allerdings der Pyromane, der Feuerteufel und Feuerschlucker und -spucker zückt seinen Feuerfächer und macht damit noch dem letzten warme Gedanken. Dicht umringt ihn das Volk – endlich ist einmal für zwei Tage die moderne Welt zum Zuschauen verbannt und viele Kinder lernen, was eine Streitaxt ist oder wie man aus einem Trinkhorn trinkt.

Auch viele Besucher
werfen sich in Schale

Das „Mittelalter“, das frühe bis zur Renaissance, wird nachgelebt und nachempfunden, und das auf allen Ebenen: Denn während die Jüngsten beim Wurf mit der Streitaxt lernen, wie man zielt, kommen automatisch Gedanken, die zu den eigenen Wurzeln führen. „Ich glaube, da habe ich auch schon mal gelebt“, denkt etwa Besucher Vincent Gerber laut. „Stimmungsvoll wird hier das Mittelalter nachempfunden, nachgespielt und nachgelebt“, lobt er.

Auch viele Besucher werfen sich entsprechend in Schale und schlüpfen in eine neue Haut. Kleider machen Leute im Samtumhang mit langer Kapuze. „Den habe ich mir das letzte Mal gekauft“, freut sich Julia Haffner noch immer. „So etwas bekommt man in keinem Laden, höchstens noch im Internet“, weiß sie.

Shows und Schaukämpfe gehören ins Bild. Denn auch in der Zeit zwischen Frühmittelalter und Renaissance war so mancher nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich ein Scherenschleifer und ein Gaukler, der nur nach seinem Vorteil trachtet und überlegt, wie er seinem Nächsten ein Bein stellen kann. Im Schaukampf gehen dann die Recken öffentlich aufeinander los. Die edlen Burgfräuleins am Wegesrand scheinen ihre besondere Freude daran zu haben. Da klirren die Schwerter, und der Dudelsack spielt dazu – mehr archaisches Empfinden gibt es kaum.

Unterdessen ist Schnaps- und Likörbrenner Alexander Mertens aus Österreich schwer belagert von all denen, die sich von innen aufwärmen wollen und das bei guter Qualität. „Bei schlechtem Wetter verläuft der doch sicher viel mehr als bei gutem“, schmunzelt Gaby Thiele aus Bietigheim-Buch. Die gebürtige Münchnerin wohnt noch nicht lange hier und hätte sich das so nie vorstellen können.

Wer sich traut und sich den Leinenzelten nähert, ist schnell dabei im Strudel der Zeitreise. Hier gibt’s ein Versucherle Selbstgebrannten und dort drüben Langosch wie in der Neuzeit. Doch das sind Ausnahmen. Die meisten Stände bleiben mit ihrem Sortiment genau im Zeitrahmen.

Zu ihnen gehört Enrico Gräser aus Neustadt, der wie ein Besessener auf dem Amboss mit einem Hammer ein heißes Stück Eisen bearbeitet.

Das „Drachenweibchen“ mischt sich unters gemeine Volk. Das Rezept für Baumstriezel hat jemand an den Klappladen am Langoschstand gepinnt. Es lässt sich wunderbar abfotografieren mit dem Handy.

Die Schausteller müssen ihrem Zeitgeist allerdings treu bleiben während des Marktes und sollten auf keinen Fall mit dem Handy „erwischt“ werden. Wie sieht das aber auch aus, ein Ritter im Harnisch mit Handy in der Hand?

Veranstaltung ist
mit Abstand die erste im Jahr

Das Mittelalterspektakel in Bietigheim-Buch ist eine Idee der aktiven Unternehmer Bietigheim, die greift. Der mit Abstand erste Markt in der Region im Jahr hat ein Alleinstellungsmerkmal. Hier braucht noch niemand Angst haben, dass die Veranstaltungen im Freien in Konkurrenz gehen. Gut gelaunt und noch frisch vom Winterschlaf oder zumindest der Winterpause sind auch die Schausteller, die mit neuen Gags und neuen Nummern im Buch hier oft eine Premiere haben.

Und immer noch hört man, wie der Schmied sein Eisen dengelt. Der mittelalterliche Mensch mag es kaum wahrgenommen haben, und heute ist er eine Attraktion. Als es früh zu dämmern beginnt, kommen die Feuerkörbe zur Geltung. Die Stände tauchen in ein malerisches Licht aus vielen Kerzen und Windlichtern. Die Plattenbauten aber und die seriell gefertigten Häuser im Buch verschwinden vollends in der Nacht.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel