Bietigheim-Bissingen / SUSANNE YVETTE WALTER Das Theater Lindenhof bringt Marivaux Komödie "Das Spiel von Liebe und Zufall" auf die Bühne im Bietigheimer Kronensaal.

Irrungen und Wirrungen in der Liebe kennen wir spätestens seit Theodor Fontane. Pierre Carlet de Marivaux zeigt in seiner Komödie "Das Spiel von Liebe und Zufall" nicht weniger Tiefgang und lässt das Komödiante durch ein integriertes Rollenspiel aufblitzen. Das Theater Lindenhof nimmt den Stoff und transferiert ihn in die moderne Atmosphäre eines Großraumbüros - ein Wagnis mit besonderer Würze. Am Donnerstagabend spielte es sich im Bietigheimer Kronensaal ab.

"Drum prüfe, wer sich ewig bindet. . .", soll schon der schlaue Wilhelm Busch geraten haben und das nehmen sich zwei junge Menschen, die einander bei gegenseitigem Gefallen versprochen wurden, besonders zu Herzen. Sie zetteln, selbstverständlich ohne dass der andere Bescheid weiß, ein Rollenspiel an.

Um der Komödie von Marivaux mehr Realitätskolorit zu geben, schob das Theater Lindenhof den Stoff aus dem 18. Jahrhundert in die Neuzeit, ein Schachzug der Parallelen zum Heute transparenter macht. Was hat sich geändert in den letzten 300 Jahren, die Atmosphäre, der Rahmen aber nicht die Figuren in ihrem Grundempfinden? Im Rollenspiel schlüpft die Tochter des Unternehmers, der der Hierarchie entsprechend versucht, die Fäden in der Hand zu behalten, in die Rolle der Sekretärin, um Gelegenheit zu haben, ihren potentiellen Zukünftigen kennenzulernen, ohne dass der sich entsprechend verstellt.

Dasselbe tut der Zukünftige und schon ist die heitere Intrigenparty, die Komödien so häufig auszeichnet, am Laufen. Doch Marivaux ist nicht der Autor, der seichte Verwechslungskomödien schrieb und das Theater Lindenhof ist kein Theater, das solche reproduzieren will. Mit Synchrontanz und Schattenspiel und Kaufhausmusik als bewusste Rahmengeberin arbeitet die Truppe. Die Charaktere sind dabei so markant wie Büromenschen in ihrer Arbeitswelt es eben von außen betrachtet sind.

Selbstfindung ist die Voraussetzung dafür, dass sich Paare überhaupt finden können, das wird hier klar thematisiert. Das Stück schafft auch die Begegnung von Selbstliebe, Egomanie und der potentiellen Liebe zu einem neuen Partner. Darstellungssucht, Pfauentum und Balzverhalten sind ein Thema, und immer wieder huschen Büroangestellte in der Oberflächlichkeit der täglichen Begegnung über die Bühne - Klischeesituationen, die jeder kennt, der einmal in einem Großraumbüro gearbeitet hat. Gerade die Anonymität dieses Rahmens führt letztlich zur Auseinandersetzung der Protagonisten mit sich selbst. Ein sensibler Versuch der Theatermacher, der Selbstfindung auf die Sprünge zu helfen.