Bietigheim-Bissingen Ideen für Steinbruch: Biotop, Gewerbeort oder Theater

Bietigheim-Bissingen / JULIA SCHWEIZER 18.06.2016
Am 17. Juli stimmen die Bürger über den Steinbruch als Standort für die Biovergärungsanlage ab. Doch für das Gelände gibt es widerstreitende Ideen.

Es ist ein hochwertiges Refugium von europäischer Bedeutung für Tier- und Pflanzenarten, die landes- und bundesweit in den Roten Listen der vom Aussterben bedrohten Arten geführt werden. Es ist ein Standort für die Industrie. Und vielleicht auch für die umstrittene Biovergärungsanlage eines Konsortiums um die Stadtwerke Bietigheim-Bissingen - so widerstreitend sehen die unterschiedlichen Interessengruppen den Steinbruch Fink.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) hat nun in einer Mitteilung vehement dafür geworben, den Steinbruch zu erhalten. Das mehr als 100 Jahre alte Gelände mit dem seit Ende 2012 stillgelegten Betrieb habe eine "für die biologische Vielfalt europäische Bedeutung", so der BUND, der sich dabei auf eine Untersuchung zum Artenschutz von 2013 und 2014 bezieht. 278 Tier- und Pflanzenarten - darunter die stark gefährdete Mauereidechse mit etwa 360 Alttieren und die Zauneidechse sowie die Wechselkröte, Gelbbauchunke, drei Fledermausarten und zahlreiche Wildbienenarten von "gesamtstaatlicher Bedeutung" - habe dieses in neun verschiedenen Biotoptypen umfasst, die teils ebenfalls geschützt sind.

Er kommt deshalb nur zu einem Schluss: "Der Steinbruch muss für den Natur- und Artenschutz erhalten bleiben, die Planungen werden den gesetzlichen Vorgaben nicht gerecht und müssen geändert werden", so der BUND-Kreisvorsitzende Stefan Flaig. Man fordere deshalb "eine sofortige Einstellung der Auffüllungen und ein Planungsmoratorium, sowie den Einstieg in die Erhaltung und Entwicklung des Steinbruchs zum Biotop für Menschen, Tiere und Pflanzen".

Eine Einschätzung, die eine andere, eigentlich ebenso umweltschutznahe Gruppe, nicht teilt: die GAL-Fraktion im Gemeinderat. Sie hatte sich im Dezember einstimmig für den Steinbruch als Standort ausgesprochen. "Das stimmt nicht, die artenschutzrechtlichen Bestimmungen werden eingehalten", sagt Fraktionschefin Traute Theurer. Auch die Stadtwerke dementieren das in einer am Freitag versandten Mitteilung. "Nur etwa zehn Prozent der Gesamtfläche des Steinbruchs wird für die Anlage benötigt. Weitere fünf für den neuen Häckselplatz. Das heißt, 85 Prozent der Fläche bleiben der Natur erhalten und dienen damit wie bisher dem Schutz der Natur und Umwelt", so Stadtwerkechef Rainer Kübler. "Ich kann die Haltung des BUND nicht nachvollziehen", sagt auch GAL-Rätin Traute Theurer. Denn nach Fukushima seien sich alle einig gewesen, Erneuerbare Energien zu fördern. Und nun seien einige gegen die Vergärungsanlage. Man müsse Kompromisse machen, sagt sie - und das führe eben zu Diskussionen, wie sie bei den Grünen, die viele BUND-Mitglieder in ihren Reihen haben, "auch heiß und innig geführt werden. Ein schwieriges Thema".

Das ist es auch für Volker Schneider, Geschäftsführer des Makadamwerks Schwaben. Sein Asphaltwerk befindet sich derzeit als Mieter neben dem Schotterwerk Fink auf dem großen Gelände, zu dem auch der Steinbruch gehört. Von dem Rückzug Finks im April - wegen der Proteste gegen den Fortbestand der Werke und der Neuansiedlung weiterer Produktionen kündigte er das Aus aller Betriebe bis Ende 2017 an - war er letztlich überrascht. "Wir kämpfen nach wie vor für den Verbleib auf dem Gelände", sagt er. "Und dazu prüfen wir alle Möglichkeiten." Ziel sei es auf jeden Fall, eine weitere Befristung zu bekommen, "damit das Makadamwerk schadlos umziehen kann". Denn leicht sei es nicht, Alternativstandorte zu finden, und die Branche ist umkämpft. "Am besten wäre aber, wenn wir bleiben können", sagt er.

Und es kursieren noch ganz andere Vorstellungen. Sie hängen vor allem mit den ursprünglichen Ideen von der Rekultivierung des Geländes zusammen. So verweist auch die Bürger-Initiative "Weder Bio noch gut" auf noch im Sommer 2015 präsentierte Pläne. Auf diesen sind neben einer landwirtschaftlichen Fläche drei Sportplätze dort zu sehen, wo heute ein großer Teil des Steinbruchs ist, daneben zwei Gewässer und ein Parkplatz. Auch der Häckselplatz und eine Fläche für Bogenschützen finden Platz, ebenso nach wie vor Gewerbe.

Noch einen Schritt weiter gehen Pläne, die anonym kursieren: nach dem Vorbild des schwedischen Dalhalla ein Naturtheater mit See und Konzertsaal. Letzterer sei nötig; das Kronenzentrum sei in die Jahre gekommen und der Bedarf durch kulturtreibende Vereine groß. Das "Fink-Rondell" wäre "für die Kulturstadt Bietigheim-Bissingen ein absoluter Gewinn", heißt es.

Materialien zum Bürgerentscheid auf dem Weg

Wahlunterlagen In diesen Tagen erhalten alle Bürger in der Stadt Post wegen des Bürgerentscheids zum Thema "Nachnutzung des Steinbruchs". Zum einen werden die Stimmbenachrichtigungen für den Bürgerentscheid am Sonntag, 17. Juli, zugestellt. Auf dieser ist ein Briefabstimmungsantrag aufgedruckt. Der ausgefüllte Antrag kann an das Bürgeramt in der Farbstraße 19 zurückgeschickt oder persönlich abgegeben und die Unterlagen auch zugleich abgeholt werden. Auch könne vor Ort schon abgestimmt werden, teilt die Stadtverwaltung mit. Man könne aber auch ohne den Antrag bereits in Händen zu halten den Stimmschein per E-Mail an buergeramt@bietigheim-bissingen.de oder über die städtische Homepage beantragen, muss dazu aber Familienname, Vorname, Geburtsdatum, die Wohnanschrift und die auf der Stimmbenachrichtigung abgedruckte Stimmbezirks- und Stimmberechtigten-Nummer angeben.

Informationen Außerdem erhalten alle Haushalte eine Broschüre zur Information, worum es in dem Bürgerentscheid geht und was Stadtverwaltung, Gemeinderat sowie die Bürgerinitiative "Weder-Bio-noch-Gut - Gegen Müllvergärung in Bietigheim-Bissingen" dazu meinen. In einem weißen und in einem grün gefärbten Teil informieren beide Seiten über die Abstimmung und deren Inhalte und rufen darin zur Teilnahme an der Stimmabgabe auf. Die Broschüre wird jedem Haushalt bis 26. Juni zugestellt, ist aber auch online zu lesen.