Für ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) zog es die Bietigheim-Bissingerin Ida Baggen im September 2019 nach Guatemala (die BZ berichtete). Dort wollte sie auch noch ein paar Monate bleiben, doch die Corona-Krise veränderte alles. Mit einem Rückholflug landete die 18-Jährige am 31. März in Frankfurt und ist mittlerweile wieder bei ihrer Familie in Bietigheim-Bissingen. Die BZ sprach mit ihr über den Flug, aber auch über Guatemala und wie das Land mit Corona umgeht.

Wie war denn die Stimmung in Guatemala?

Ida Baggen: Das ist schwierig zu generalisieren, denn da sind die verschiedenen Gesellschaftsgruppen recht unterschiedlich. Die (deutschen) Touristen im Land waren teilweise sehr besorgt und, wie man von der Botschaft mitbekommt, ganz schön unruhig. In gewisser Weise verständlich, wenn man regelmäßig mit der Situation in Deutschland konfrontiert wird und bei der Vorstellung einer solchen Situation hier in Guatemala ist Unruhe sicher eine plausible Reaktion.

Und wie reagieren die Einheimischen?

Die Einheimischen waren da bisher deutlich ruhiger. Ich lebte ja in einem kleinen Bergdorf und solange es Corona nicht bis hierher schafft, geht das Leben, mit den verhängten Einschränkungen, recht entspannt weiter. Das war allerdings auch nur die Situation hier im Dorf. Aus anderen Gegenden des Landes hört man von Anfeindungen gegenüber europäischen oder asiatischen Ausländern, die als Sündenbock herhalten müssen. Die Stimmung ist also sehr unterschiedlich. Bis zu meinem Flug waren wir ruhig und beobachteten die Lage, mehr konnten wir sowieso nicht tun.

Wie sehr hatte sich der Virus in Guatemala bereits ausgebreitet?

Tatsächlich ist der Coronavirus auch schon hier in Guatemala angekommen. Man spricht nur von 39 Fällen im gesamten Land, die alle in den „Bundesländern“ um die Hauptstadt auftreten. Trotzdem ist natürlich die Dunkelziffer nicht bekannt, ich persönlich glaube, dass diese höher ist.

Wie geht das Land damit um?

Da Guatemalas Präsident Alejandro Giammattei Mediziner ist und die Situation, so sagt man, recht realistisch einschätzt, wurden hier überraschend früh Einschränkungsregelungen angeordnet. Schon mit nur einigen wenigen Fällen im Land wurden alle Schulen bis auf weiteres geschlossen, die gesamten Busverbindungen des Landes gekappt, der Flughafen für Ein- und Ausreise geschlossen, eine Personenanzahlbeschränkung für alle Fahrzeuge eingeführt, Kontrollen an allen „Bundesland“-Grenzen, die nur mit offiziellem Regierungsbescheid passiert werden dürfen und eine totale Ausgangssperre von 16 bis 4 Uhr verhängt. Bei Nichteinhaltung gelten 15 bis 20 Tage Gefängnis. Das öffentliche Leben, und ganz besonders die Bewegung innerhalb des Landes, ist deutlich heruntergefahren, es wird wirklich viel für die Verhinderung oder Verlangsamung einer Ausbreitung getan und in den meisten Fällen auch von der Gesellschaft angenommen. Das Gesundheitssystem könnte eine solche Situation wie in Deutschland nicht tragen, dann würde hier das totale Chaos ausbrechen. Das gilt es zu verhindern.

Wie waren die letzten Tage und Wochen in Guatemala? Hatten Sie alles, was Sie gebraucht haben?

Ich lebte in Cabricán mit den Schwestern zusammen, dort wo ich die letzten sieben Monate schon verbracht hatte. Mit mir lebte eine weitere Freiwillige, die eigentlich meine Arbeit im Juni hätte fortsetzen sollen. Außerdem steckte auch eine Ex-Freiwillige mit uns fest, die eigentlich auf dreiwöchigem Besuch war und nun aufgrund der Flughafenschließung ihren Rückflug stornieren musste. Uns ging es aber trotz der ungewissen Situation wirklich gut. Wir blieben viel im Haus, arbeiteten zu dritt an kreativen Projekten und hatten bisher noch Toilettenpapier im Überfluss. Auch wurde hier kaum gehamstert, sodass es bisher noch keine Lebensmittelengpässe gibt.

Sie arbeiteten an einer Schule. Konnten Sie zum Schluss noch arbeiten?

Leider war das nicht mehr möglich. Alle Schulen sind bis auf weiteres geschlossen und durch die nachmittägliche Ausgangssperre arbeiteten die allermeisten Projekte, die wir organisatorisch und finanziell unterstützen, erst mal auch nicht weiter. Es steht also alles still und wir beschäftigten uns meist mit uns selbst.

Wie war es für Sie gerade in so einer Krisensituation getrennt von Ihrer Familie zu sein?

Wir standen im ständigen Austausch mit unseren Familien und Kontaktpersonen in Deutschland, die die Situation aber natürlich schlechter einschätzen konnten als wir. Hier vor Ort hatten wir wirklich Glück, dass wir eben zu dritt waren und uns untereinander sehr viel austauschen konnten. Auch Schwester Lilia, die Direktorin einer der Schulen, war und ist für uns ein wichtiger Kontakt. Sie kennt das Land besser als wir und kann die Lage gut einschätzen. Und dann ist da natürlich noch die deutsche Botschaft und einige befreundete Deutsche aus der Hauptstadt, die uns Frage und Antwort standen. Ich fühlte mich also wirklich nicht alleine.

Dass ich so weit von meiner Familie entfernt war, war allerdings ein weiterer Grund für den Rückflug. Besonders dass ich in einem Notfall nicht mal eben bei der Verwandtschaft sein kann, gefiel mir nicht. Obwohl ich mich sehr gut aufgehoben fühlte, freute ich mich auf die Zuhausewärme, die es eben nur in Bietigheim bei meiner Familie gibt. Eine solche Krise übersteht man eben doch zusammen am besten.

Warum also bleiben?

Mit dieser Frage habe ich mich ehrlich gesagt ganz schön lange beschäftigt und mir fiel die Antwortfindung ganz schön schwer. Ich war in Guatemala so glücklich, dass ich mich ja eigentlich sogar für eine Verlängerung meines Aufenthaltes entschieden hatte. Die Arbeit erfüllte mich total, das Land ist wundervoll, ich habe intensive Verbindungen zu so vielen Menschen aufgebaut. Das alles überstürzt hinter mir zu lassen, hätte mich sehr traurig machen. Doch gab aber kaum Arbeit und die gesamte Öffentlichkeit steht still, sodass das Leben hier nicht das gleiche war, wie noch vor einem Monat. Es weiß keiner, wie lange dieses Stillhalten noch sein muss und eben auch wie lange es hier keine Arbeit für uns gibt. Auch kann man schlecht einschätzen, ob sich das Virus nicht doch ausbreitet und wie sich dann Gesellschaft, Infrastruktur, Gesundheitssystem und Wirtschaft entwickeln. Besonders mit den vereinzelten Anfeindungen von Ausländern hätte es bei einer weiteren Ausbreitung eventuell sogar gefährlich für uns werden können. Daher hatte ich mich nun für einen baldigen Rückflug entschieden.

Doch der Flughafen war geschlossen. Wie konnten Sie nach Hause?

Der Flughafen ist für privat gebuchte Flüge immer noch geschlossen, der einzige Weg bestand im Zuge des Rückholprogramms mit einem Flug der deutschen Regierung. Nachdem wir einige Wochen auf neue Informationen der Botschaft gewartet haben, ob und wann es einen Rückflug gibt, wurden uns dann letzte Woche konkrete Daten genannt.

Wann ging es los?

Am Montag, 30. März, ging unser Flug mit Condor zurück nach Frankfurt. Ich muss sagen, dass dabei die Deutsche Botschaft aus Guatemala wirklich gute Arbeit geleistet hat. Die Kommunikation mit der guatemaltekischen Regierung hat wohl gut funktioniert, sodass der Flughafen extra für unseren Flug geöffnet wurde. Überall gab es Ansprechpartner und das Check-in sowie das Boarding waren sehr gut koordiniert. Auf dem Flug, der zur Kontaktvermeidung ohne große Service-Angebote durch das Flugpersonal stattfand, waren nicht nur deutsche Bürger, sondern auch einige andere europäische Bürger aus Spanien, Italien oder den Niederlanden – europäische Solidarität. Insgesamt gibt es aus Guatemala drei Rückholflüge mit einer jeweiligen Kapazität von 250 Personen, es scheinen also doch mehr gestrandete Deutsche und EU-Bürger im Land zu sein als gedacht.

Wie war der Flug?

Der Flug lief problemlos ab, sodass ich am Dienstag (31. März) gut behalten wieder in Bietigheim angekommen bin. Nun bin ich wieder zu Hause, einige Monate früher als geplant. Ein seltsames, aber auch erleichterndes Gefühl.