Bereits 1876 wurde in Ludwigsburg ein Krankenpflegeverein gegründet. Der Zweck der Krankenpflegevereine war es, eine medizinische Grundversorgung in Form häuslicher Pflege für die Bevölkerung sicherzustellen.

In Kleinsachsenheim fand am 13. Januar 1922 im Rathaus die Gründungsversammlung des Kleinsachsenheimer Krankenpflegevereins statt. Das Interesse im Dorf war groß. 60 bis 70 Gemeindemitglieder waren erschienen. Im Gründungsprotokoll des Vereins wurde festgehalten, dass man nach einer Aussprache, an der neben Schultheiß Gustav Müller und Oberlehrer Digel auch Schultheiß a.D. Colmer teilnahmen, zu folgendem Ergebnis kam: „Bei den hiesigen Verhältnissen ist es am besten, einen Krankenpflegeverein zu gründen, dem die Gemeinde regelmäßig Beiträge durch Deckung des Rechnungsabmangels gibt.“

Mitgliedsbeitrag 20 Mark

Der erste Vorsitzende des neuen Vereins war Pfarrer Theodor Dierlamm. Bereits zwei Wochen später wurde die Satzung beraten und beschlossen. Der Mitgliedsbeitrag wurde auf 20 Mark festgelegt. Vom Start weg hatte der junge Verein gleich 110 Mitglieder. Nichtmitglieder mussten für den ersten Gang der Schwester 10 Mark bezahlen.

Bemerkenswert war, dass der Bietigheimer Fabrikant Arthur Faber, der sich bereits an der Frauenschule in Großsachsenheim engagierte, 500 Mark Gründungsbeitrag für den Verein beisteuerte. Fast alle damals im Ort ansässigen Kleinsachsenheimer Familien tauchen auf der Mitgliederliste des Jahres 1922 auf. Bis zum Mai 1923 leistete die Schwester nach ihrem ersten Tätigkeitsbericht zufolge 22 ganze Pflegetage, 29 Nachtwachen. Die Zahl der Stundenpflege wurde mit 2095 im ersten Jahr vermerkt. Durch die Inflation erhöhte sich der Mitgliedsbeitrag  vom 1. April bis zum 1. Oktober 1923 auf 400 Mark. Im August 1923 musste der Beitragssatz bereits auf vierteljährlich drei Milliarden Mark angehoben werden.

Für eine Nachtwache wurden für  Nichtmitglieder 15 Milliarden Mark in Rechnung gestellt. Nach der Inflation kostete eine Nachtwache im Dezember 1924 wieder überschaubare 3 Mark. 1931 zählte der Verein schon 250 Mitglieder. 1933 schloss der Krankenpflegeverein einen Vertrag  mit dem Herrenberger Verband für evangelische Krankenschwestern ab, wonach dieser Verband eine Schwester nach Kleinsachsenheim schickte.

Die Gemeindeschwester-Station wurde fester Bestandteil des dörflichen Lebens. Kleinsachsenheim hatte 1952 rund 1460 Einwohner. Damals galt: „Bevor man zum Arzt ging, bat man die Schwester, die Verletzungen anzuschauen und zu verbinden. Bei Erkrankungen half sie zuerst mit Hausmitteln“, schreibt Eugen Müller in der Mörin.

Insgesamt 3814 Krankenbesuche vermerkte die Schwester im Jahr 1954. Auch bei Unfällen wurde die Gemeindeschwester gerufen. Im Jahr 1971 hatte der Verein  404 Mitglieder.

In der Stadt Sachsenheim gab es inzwischen Krankenpflegevereine in Kleinsachsenheim, Großsachsenheim und Kirbachtal.

Am 1. August 1979 nahm die Kirchliche Sozialstation Sachsenheim ihre Arbeit auf. Ambulante pflegerische Dienste wie Krankenpflege, Altenpflege und Haus- und Familienpflege wurden in Großsachsenheim zentral zusammengefasst.

Zentral zusammengelegt

Die Stadt Sachsenheim und die drei Krankenpflegevereine wurden Kooperationspartner. Inzwischen organisierte der Verein regelmäßig Vorträge zu gesundheitsspezifischen Themen. Der Tätigkeitsbericht von Schwester Dorothea Meyer belegt, wie gefragt die Gemeindeschwester im Jahre 1988 war: unter anderem wurden 2388 Verbände gewechselt, 2794 Injektionen und 736 Medikamente verabreicht, 529 Bewegungsübungen und 50 Pflegeberatungen durchgeführt. Die eigentliche Aufgabe des Krankenpflegevereins wurde zunehmend von der kirchlichen Sozialstation übernommen.

Trotz der überaus engagierten Arbeit der Gemeindeschwestern ging die Zahl der Mitglieder bis 2018 auf 167 stetig zurück. Das Ende des Vereins zeichnete sich allmählich ab.

Zum 21. Dezember 2018 ging der Verein im Rahmen einer Fusion in den neuen Gesamtkrankenpflegeverein unter der Trägerschaft der evangelischen Kirchengemeinde Großsachsenheim über. Damit endete nach 96 Jahren die Selbstständigkeit des Krankenpflegevereins Kleinsachsenheim.

Info Die neue Ausgabe der Mörin ist bei Schreibwaren Bader und im Stadtmuseum für 4,- Euro erhältlich.

www.geschichtsverein-sachsenheim.de

Rede über Zwangsarbeit abgedruckt


Bei der Einweihung der Totentafeln auf dem Friedhof für ausländische Zwangsarbeiter in Großsachsenheim am 2. Juni 2019 hielt Dr. Thomas Schnabel, der ehemalige Leiter des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg, eine bewegende Rede. Diese wird in der neuen Mörin ungekürzt wiedergegeben. Die Rede vermittelt einen Überblick über den Umfang der Zwangsarbeit und die Lage der Betroffenen im Zweiten Weltkrieg. mh