Das Herumsitzen zu Hause hat ein Ende, denn die Tanzschulen sind wieder geöffnet. Harry Hagens Tanzschule im Bietigheim-Bissinger Ortsteil Buch hatte vergangenen Dienstag das erste Mal seit der Corona-Krise wieder geöffnet. Doch statt eng umschlungen mit viel Körperkontakt und raumfüllenden Tanzstilen ist nun Abstandhalten angesagt, weiß Tanzschulinhaber Harry Hagen. Jedes Paar oder im Einzeltanz jede Person musste bis Samstag noch zehn Quadratmeter Platz haben, damit der Sicherheitsabstand von 1,5 Metern gewährleistet ist. „Das sind bei unseren Sälen ungefähr neun Paare“, sagt Harry Hagen. Doch nicht jedes Tanzpaar darf auch tatsächlich wieder tanzen. „Paare, die nicht zusammen wohnen, dürfen auch nicht zusammen tanzen.“ So ist auch ein Partnerwechsel derzeit nicht mehr möglich. Sind es mal zu viele Tanzpaare, wird ein weiterer Saal geöffnet.

10 000 Euro fehlten im Monat

Dafür müssen die Tänzer jedoch keine Masken tragen, zumindest beim Tanzen nicht. „Das ist etwas skurril“, findet Hagen, „beim Rein- und Herauslaufen müssen sie Masken tragen. Wir mussten den Verkehr so regeln, dass es keinen Gegenverkehr gibt und sich keiner mit Maske begegnet, was völlig schräg ist.“ Denn beim Einkaufen passiere dies auch ständig. „Über Sinn und Unsinn können wir uns da, glaube ich, gar nicht unterhalten“, sagt der Unternehmer und ergänzt, dass das eben die Vorgaben des Bundes seien. So auch, dass Desinfektionsmittel bereitgestellt wird und immer nur eine Person in die Waschräume darf. „Einer ist bei uns immer der Hygienebeauftragte, der Flächen, die oft benutzt werden, wie Rechner, Tastatur, Maus, Toiletten und Eingangstüren, regelmäßig alle zwei bis drei Stunden mit Flächendesinfektion reinigt“, sagt Hagens Frau Sandra Sodogé.

Diese Vorgaben nehme die Tanzschule jedoch in Kauf, denn sie war, wie viele andere Einrichtungen auch, rund zwei Monate geschlossen. „Uns fehlen pro Monat rund 10 000 Euro.“ Die Soforthilfe von 9000 Euro helfe da eben nur einen Monat lang. „Für uns glich die Schließung einem Weltzusammenbruch“, sagt Sodogé, „unsere Kunden darüber zu informieren, war einer der schwersten Briefe, die wir je geschrieben haben.“
Umso wichtiger ist es für Harry Hagen und sein Team, nun wieder für die Kunden da zu sein. „Wir sind erst mal nur mit unseren Stammkunden, den Tanzkreisen, Hip-Hop und Line Dance gestartet.“ Diese Woche geht es mit den Beginner-Kursen weiter. „Zumindest mit denen, die noch aktuell existieren. Wir haben natürlich seit zweieinhalb Monaten keine Neuanmeldungen mehr.“
Normalerweise hat die Tanzschule im Buch zwischen 20 und 40 Neukunden, diese fielen nun weg, und das war auch finanziell eine Belastung für Hagen. Glücklicherweise, sagen Harry Hagen und Tanzlehrerin Sandra Sodogé, haben sie sehr treue Kunden, von denen viele ihren monatlichen Beitrag weiterhin zahlten. Gut fünf Prozent der Kunden kündigten der Tanzschule. Harry Hagen kennt Schulen, da gab es 20 Prozent. „Wir versuchen nun, die ausgefallenen Stunden über Pfingsten und die Sommerferien, wahrscheinlich auch noch in den Herbstferien, Stück für Stück nachzuholen.“
Was nicht mehr stattfinden kann, sind große Tanzveranstaltungen mit Bar. „Das war ein wichtiges Standbein für uns“, sagt Sodogé. Rund 25 Prozent der Gesamteinnahmen machen solche Veranstaltungen und der Bar­umsatz aus.

Treue Kunden

Die Treue ihrer Kunden zeige sich nun auch bei der Wiedereröffnung. „Die Leute sind fast alle wieder da gewesen“, freut sich Harry Hagen, „sie waren happy, dass es wieder losgeht.“ Dennoch sei es ungewohnt gewesen, nach zehn Wochen das erste Mal wieder im Saal zu stehen. „Das war am Anfang ein komisches Gefühl, doch nach einer Viertelstunde war alles wieder normal“, sagt Hagen, und Sandra Sodogé ergänzt: „Das Strahlen in den Gesichtern der Leute zu sehen – da geht einem das Herz auf. Das war großartig.“ Mit den Tänzern zu interagieren fehlte, den beiden Lehrern ungemein, erzählen sie. „Das war das Schlimmste. Wir haben Kunden, die seit 31 Jahren im Tanzkreis sind. Die vermisse ich“, sagt Hagen.

Zwar ist die Freude über das Wiedersehen und die Öffnung groß, doch räumt er auch ein, dass das Tanzen derzeit nicht mehr so ist wie früher. Nicht alle Tänze können aktuell angeboten werden. „Was wir noch nicht machen dürfen, sind stark fortbewegende Tänze“, erklärt Hagen, „dazu zählen Tango oder Quick­step – eben Tänze, bei denen die Tänzer Raum gewinnen.“
Mit Klebeband sind Punkte auf dem Boden gekennzeichnet, die den Tänzern ihren Tanzbereich zeigen, damit der Abstand gewahrt werden kann. „Hip-Hop und Line Dance funktionieren damit zum Beispiel, weil alle das Gleiche machen und den Abstand halten“, sagt Sandra Sodogé. Während es früher machbar war, dass man als Schüler auch mal mit dem Lehrer tanzt, um die Haltung oder die Schritte zu korrigieren, ist das so nicht mehr möglich. „Wir versuchen viel, über ganz langsame und achtsame Demonstrationen zu zeigen“, erklärt Harry Hagen und das funktioniere sehr gut. Letztlich seien die Einschränkungen so, dass man damit leben könne. „Es ist gut, dass jetzt alles wieder läuft.“

Seit Samstag gibt es eine neue Regelung für den Tanzsport


Am Samstag traten weitere Änderungen in der gemeinsamen Corona-Verordnung Sportstätten von Sozial- und Kultusministerium in Kraft. Der Tanzsport erhält darin einen eigenen Abschnitt mit spezifischen Quadratmetervorgaben. Danach müssen Trainings- und Übungseinheiten mit Raumwegen beim Tanzen individuell, in Gruppen von maximal zehn Personen oder bis zu zehn festen Paaren auf einer Fläche stattfinden, die so bemessen ist, dass pro Person oder pro Tanzpaar mindestens 25 Quadratmeter zur Verfügung stehen (statt bisher 40 Quadratmeter pro Person oder Paar). Beim Ballett müssen Trainings- und Übungseinheiten an der Stange so ausgeführt werden, dass ein Mindestabstand von 2,5 Metern eingehalten wird. Ferner gelten die bekannten Abstands- und Hygieneregeln, auch die Dokumentation der teilnehmenden Personen muss weiterhin erfolgen. Diese Regelungen werden auch für den Tanzunterricht an Musik- und Jugendkunstschulen getroffen, teilt das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport mit. bz