Rückblick Glücksfall Landesgartenschau

Gabriele Szczegulski 07.09.2018

Die neunte Landesgartenschau im Jahr 1989 ist bis zum heutigen Tag mit 1,8 Millionen Besuchern die erfolgreichste und meistbesuchte. Neben dem großen Publikumserfolg wirkte sie laut des damaligen Oberbürgermeisters Manfred List „als Katalysator für eine totale Veränderung der Stadt, die bis heute nachwirkt“. „Deshalb kann ich jeder Stadt nur raten, sich für eine Gartenschau zu bewerben, wenn sie sich nachhaltig verändern will“, spielt der CDU-Politiker auf die abgewiesene und kontrovers diskutierte Bewerbung Ludwigsburgs für eine Landesgartenschau an, mit der die Überdeckelung der B29 beschleunigt werden soll. 2019 ist es 30 Jahre her, dass dieser Kraftakt gestemmt wurde.

„Nie zuvor und auch nicht danach hat sich die Stadt so rasant verändert“, sagt Manfred List, der von 1975 bis 2004 Oberbürgermeister war. Auch Kurt Leibbrand, 1989 Kämmerer der Stadt und für die Landesgartenschau-Zeit zum Geschäftsführer ernannt, sagt: „Wir hatten zuerst starken Gegenwind in der Bevölkerung, als wir die Pläne veröffentlichten, ähnlich wie jetzt in Ludwigsburg. Im Jahr des 1200-jährigen Bestehens der Stadt sollte die Struktur der Innenstadt vollständig verändert werden.“ Es habe eine Weile gedauert, bis die Bürger gemerkt hätten, dass „eine Landesgartenschau ein Glücksfall“ sei, so Leibbrandt.

Grüne Mitte

„Integrierte Stadtentwicklungsplanung“ war der Begriff, mit dem Verkehr, Stadt- und Wohnungsbau und Grünplanung Mitte der 70er-Jahre auf Jahrzehnte festgeschrieben wurden. Nach der erfolgten Altstadtsanierung war klar, so List, dass nun der Bau von neuen Straßen Vorrang hatte. Zwei neue Brücken sah der Plan vor, eine Verlegung der B 27 sollte erfolgen, zudem sollten der Bereich an Enz und Metter zu Grünanlagen werden und für mehr Lebensqualität in der Stadt sorgen. „Die Pläne für die sogenannte Grüne Mitte wurden einstimmig durch den Gemeinderat beschlossen“, sagt List. Aber die Finanzierung war ein Problem.

Da kam die 1200-Jahr-Feier der Stadt 1989 gerade recht: Die Idee, sich für die Landesgartenschau zu bewerben, war schnell geboren. 1980 bewarb man sich und bekam mit den Plänen zur Grünen Mitte den Zuschlag. „Die sechs Millionen Zuschuss von der Landesregierung halfen, unsere Pläne schneller zu verwirklichen“, sagt List. „Es war ein genialer strategischer Streich, innerhalb von sieben Jahren bekamen wir es hin, dass aus dem hässlichen Entlein ein stolzer Schwan wird, dessen Grüne Mitte noch heute sehenswert ist“, sagt Leibbrandt.

1983 wurde losgelegt, mit einer kompletten Erneuerung. Das Enztal wurde völlig neu strukturiert, die Bundesstraße verlegt, zwei neue Brücken gebaut, die Enzbrücke zur Fußgängerbrücke umgewandelt. Viele Häuser wurden zuerst durch die Stadt erworben und dann abgerissen. Der Kronenplatz wurde vom Verkehrsknotenpunkt zum Treffpunkt. Die Enzpromenade entstand. Der Bürgergarten wurde angelegt und der Enzpavillon als Haus für die Landesvertretung auf der Landesgartenschau gebaut – und vom Land bezahlt, wie Leibbrandt betont. List hatte die Idee, statt des von der Landesregierung vorgesehen Zeltes ein richtiges Gebäude erstellen zu lassen, das später dann von der Stadt genutzt werden konnte. Er konnte Ministerpräsident Lothar Späth und den Landtag überzeugen. Heute wird der Enzpavillon von den Senioren der Stadt genutzt.

Es entstand ein Spielplatz mit dem Spielturm, den es noch heute gibt. Auch die Sportflächen im Ellental wurden neu geordnet. Zum Bahnhof hin wurde eine Verbindung geschaffen. Die Wobachstraße wurde vom Verkehr befreit. Es entstanden historische Gärten, die Metteranlagen wurden neu gestaltet. Bis heute sind die Grundzüge der Gärten, wie sie damals von der Stadtgärtnerei angelegt wurden, erhalten geblieben. Auch die großen Kübelpflanzen, die bis heute die Stadt verschönern, stammen zum Großteil aus dem Jahr 1989.

Langfristige Veränderung

„Wir wollten nie eine Blümchenschau, wir wollten eine langfristige Veränderung“, sagt List. Er schaffte es, dass wegen der Naturwissenschaftsschau „Phänomena“ ganze Busse voll Schüler kamen. Auch mit einem täglich wechselnden Städtetag zog man Besucher aus dem ganzen Land nach Bietigheim. „Dass die Landesgartenschau mit einer durchdachten Organisation, die wir selbst durchführten und nicht nach außen vergaben, durch sparsames Wirtschaften und ein ausgeklügeltes Programm zum Erfolg wurde, ist eine Sache.  Mehr wiegt der Erfolg, die Stadt damit grundlegend zum Positiven verändert zu haben, darauf kann das ganze Team von damals um Manfred List stolz sein“, sagt Kurt Leibbrand.

Daten der Landesgartenschau 1989

1,7 Millionen Besucher hatte die neunte Landesgartenschau in Bietigheim-Bissingen und hält damit bis heute den Besucherrekord.

6 Millionen D-Mark bekam die Stadt vom Land für die Ausrichtung der Landesgartenschau.

15 Millionen D-Mark kosteten die Daueranlagen.

143 Tage ging die Landesgartenschau.

3 Millionen D-Mark Defizit hatte Geschäftsführer Kurt Leibbrandt vorgesehen, die die Stadt am Ende übernehmen sollte, jedoch konnte er sogar ein Plus erwirtschaften.

1,5  Millionen D-Mark Einnahmen konnten am Ende in die Stadtkasse fließen. Keine Gartenschau seither schrieb schwarze Zahlen.

43000 Besucher gab es alleine an einem Sonntag im August, das wurde seither nie wieder bei einer Landesgartenschau erreicht.

9 D-Mark kostete die Tageseintrittskarte bei der Landesgartenschau. sz

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel