Projekt Gespür fürs Lesen und Schreiben

Die Schülerinnen der Realschule Bissingen bei einem Besuch im Kosmos-Verlag Stuttgart. Rechts von der Pappmaché-Figur von Alfred Hitchcock steht der Leiter des Kurses, Olaf Nägele, außen links ist die begleitende Lehrerin Karin Stötter.
Die Schülerinnen der Realschule Bissingen bei einem Besuch im Kosmos-Verlag Stuttgart. Rechts von der Pappmaché-Figur von Alfred Hitchcock steht der Leiter des Kurses, Olaf Nägele, außen links ist die begleitende Lehrerin Karin Stötter. © Foto: Olaf Nägele
Gabriele Szczegulski 25.07.2018

Kinder lesen nicht mehr“, das ist keine Behauptung des Stuttgarter Schriftstellers Olaf Nägele, sondern eine Tatsache, die sich auf viele Statistiken stützt. „Kinder schreiben auch nicht mehr gerne“, fügt Nägele hinzu. Diese beiden Behauptungen waren der Ausgangspunkt zu einer Schreib- und Erlebniswerkstatt in der Realschule Bissingen.

Seit zehn Jahren leitet der Stuttgarter Autor Olaf Nägele im Rahmen des Projektes „Deutsch geht gut“ die Schreibwerkstatt in der Realschule Bissingen. Doch in diesem Jahr hatte er Größeres vor: Im Rahmen des Programms „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und des Programms „Wörterwelten. Autorenpatenschaften“ des Bundesverbands der Friedrich-Boedecker-Kreise wollte Nägele den Schülern Literatur in all ihren Facetten nahebringen. „Ein Gespür sollten sie bekommen, was Literatur ist“, so der Autor. „Literatur erlebbar machen“ nennt er das. Erst dann, so Nägele, könnten die Schüler selbst schreiben, weil sie wüssten, um was es gehe.

Das Programm, das er erarbeitete, und an der Realschule Bissingen mit Hilfe der Lehrerin Karin Stötter umzusetzen, richtet sich an 13- bis 15-Jährige und ist freiwillig. Rektor Hanspeter Diehl gab seine Einverständnis zu dem Projekt.

Die 15 Workshop-Einheiten fanden und finden außerhalb des Schulbetriebs statt. Die Werkstatt findet seit Januar und noch bis Oktober statt. 12 Teilnehmerinnen meldeten sich. „Leider ist kein Junge dabei“, sagt der Dozent. Am Ende, so Nägele, soll aus allen Beiträgen ein Buchmanuskript erstellt werden, das im November im Rahmen einer öffentlichen Lesung vorgestellt werden soll.

„Wer schreiben will, muss lesen“, sagte sich Olaf Nägele. Er besuchte mit den Schülerinnen die Otto-Rombach-Bücherei in Bietigheim. Mitarbeiter zeigten ihnen den Aufbau und die Organisation einer Bücherei und stellten ihnen die neuesten Jugendbücher vor. Von diesen durften sie sich jeweils eines aussuchen. Der nächste Schritt war ein Besuch im Stuttgarter Kosmos-Verlag.

Eine Lektorin der ???-Reihe erläuterte, wie aus einer Geschichte ein Buch wird, wer über die Coverillustrationen bestimmt und wie die Zusammenarbeit zwischen Verlag und Autor verläuft. In der Herstellung sahen sie die Buchproduktion und im Archiv tauchten sie tief in die Geschichte des Verlags ein.

Um nach den Besuchen die ersten Schreibeinheiten und Begriffe wie „Perspektive, Orte, Konflikte“ zu strukturieren, lud Nägele Gastdozenten ein. Erster Gastreferent war Yves Noir aus Esslingen, der als Fotograf arbeitet und  anhand von vielen Bildbeispielen zeigte, welche Arten von Perspektiven es gibt. Ein Teil der Übung lautete: „So sehe ich mich – wie siehst du mich?“, erklärt Olaf Nägele. Die Mädchen waren aufgefordert, erst ein Bild von sich selbst zu machen und dann eine andere Teilnehmerin aufzufordern, ein typisches Foto zu machen. Die Ergebnisse waren erstaunlich und bewiesen einmal mehr: Selbst- und Fremdbild stimmen nicht immer überein.

Spannend für die Schülerinnen war auch der Besuch der Fantasy-Autorin Nina Blazon, die Einblicke in ihre Arbeit gab, die sie sich selbst erfinden muss. Um eine Idee zu bekommen, wie man sich Figuren und Orte ausdenkt, ging die Gruppe ins Stuttgarter Lindenmuseum und schaute sich Artefakte an, die in die Geschichten eingeflochten werden sollen.

Auch bei den Konfliktarten holte sich Nägele Unterstützung. Der Regisseur und Dramaturg Jürgen von Bülow war an der Realschule zu Gast. Er zeigte anhand von filmischen Beispielen die unterschiedlichen Konfliktarten und wie Regisseure dies bildlich umsetzen. Auf der Bühne des Dreigroschentheaters in Stuttgart duften die Teilnehmerinnen in der vergangenen Woche selbst geschriebene Dialoge inszenieren. Hier wurde deutlich, wie lebendig eine Geschichte durch gut geführte Dialoge wird und wie aus Worten lebendige Bilder werden.

Nach den Schulferien, so Nägele, gehe es ans Schreiben: „Erst der Plot, der den anderen in Form einer Redaktionssitzung vorgestellt wird. Dann wird ausformuliert.“ Und es wird natürlich viel gelesen, sagt der Dozent, denn darum geht es schließlich, um das Buch.

Info Olaf Nägele, 1963 in Esslingen geboren, vertritt als Autor die selbst ersonnene belletristische Kategorie des „New Swabism“. Er hat Hörspiele geschrieben und veröffentlicht seit 2007 Bücher und Texte im Silberburg Verlag. Dort ist auch die Goettle-Reihe erschienen, in denen der katholische Pfarrer in Biberach, Andreas Goettle, sein kriminalistisches Gespür beweist.

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