Was hat Donzdorf mit Bietigheim-Bissingen und Sachsenheim zu tun? Seit Dienstagvormittag sehr viel, denn die Schulleiter der Gemeinschaftsschulen Waldschule und Schule im Sand aus Bietigheim-Bissingen und die Sachsenheimer Gemeinschaftsschule haben mit den Schulleitern der Ellentalgymnasien sowie der beiden Stadtoberhäupter Jürgen Kessing und Holger Albrich eine Kooperationsvereinbarung getroffen, die sich am sogenannten Donzdorfer Modell orientiert. Das Modell ist landesweit einmalig und sieht ein kooperatives Bildungszentrum mit einer Einführungsstufe im Gymnasium für Gemeinschaftsschüler vor. Ein räumlich zusammenhängendes Bildungszentrum haben Sachsenheim und Bietigheim-Bissingen nicht, aber mit der Unterzeichnung der Vereinbarung sind zumindest die Schulen miteinander verknüpft. „Wir wollen einen nahtlosen Übergang von der Mittel- zur Oberstufe schaffen“, sagte OB Jürgen Kessing.

Ziel sei ein wechselseitiger Austausch, um das Bildungsangebot und die Beratung der Schüler, die von der Gemeinschaftsschule in die Oberstufe wechseln wollen, zu verbessern. Das ist auch dringend nötig. An der Sachsenheimer Gemeinschaftsschule (GMS) gibt es bereits eine zehnte Klasse, aus der zehn Schüler ein Gymnasium besuchen wollen. Allerdings seien berufliche Gymnasien die erste Wahl, erklärt der Sachsenheimer Rektor Bernhard Dietrich, warum hier die Kooperationsvereinbarung nicht greift. Sowohl die Sandschule als auch die Waldschule gehen bislang nur bis Klasse neun. Erst im nächsten Schuljahr gibt es zehnte Klassen. „Die meisten Schüler gehen erfahrungsgemäß an berufliche Gymnasien“, sagte Nicole Stockmann, Studiendirektorin Ellentalgymnasium K1.

Freiwillige Basis

Aktuell besuchen knapp 1300 Schüler die Gymnasien. Angst, dass die Klassen zu voll werden, haben die Schulleiter Stockmann und Lutz Kretschmer nicht. „Erst ab 30 Schülern teilen wir eine Klasse“, erklärte Stockmann, und nicht alle GMS-Absolventen werden auch den Weg auf ein allgemeinbildendes Gymnasium gehen. Auch personell sehen die Kooperationspartner bislang kein Problem. Allerdings sei man auf die freiwillige Leistung der Kollegen angewiesen, die Gespräche zwischen den Schulen wahrzunehmen und zu führen. Das nächste dieser Treffen soll beispielsweise den Übergang von der 4. zur 5. Klasse und von der 6. zur 7. Klasse als Themen haben.

Besonders der Wechsel von einer Gemeinschaftsschule auf eine weiterführende Schule ist komplex, weil das gesamte Lehr- und Bewertungssystem ein anderes ist. „Väter und Mütter haben es nicht einfach, herauszufinden, was zum eigenen Kind passt“, sagte Claus Stöckle, der in seiner Funktion als Gesamtschulleiter anwesend war, „aber es verrennt sich niemand, egal welche Schule das Kind ab der fünften Klasse besucht.“ Auch deswegen sei die Kooperation der Gemeinschaftsschulen mit den Ellentalgymnasien so wichtig, ergänzte Nicole Stockmann. „Wir wollen einen Austausch der Kollegen, damit diese die jeweiligen Schularten kennenlernen und voneinander lernen können.“ Ziel sei es, Kompetenzen auf Augenhöhe auszutauschen, um so Schülern den Wechsel der Schulart zu erleichtern. In wechselseitigen Hospitationen und jährlich stattfindenden Kooperationstreffen mit Vertretern aller Schularten soll eine zukunftsorientierte Zusammenarbeit zum Wohl aller Kinder aufgenommen werden. „Es ist allerdings nicht die Aufgabe der Gemeinschaftsschulen, alle ins Gymnasium zu bringen“, stellte Kessing klar. Wichtig sei den Wechsel von einer zur anderen Schule zu ermöglichen und zu vereinfachen.

Eine GMS-Schülerin

Der Austausch der Schulen sei auch deswegen wichtig, weil es in Bietigheim-Bissingen noch wenig Praxiserfahrung gibt. An den Ellentalgymnasien gibt es im Moment nur eine Schülerin, die von einer Gemeinschaftsschule in Freiberg kam. Die Schule habe dabei nur positive Rückmeldung erhalten. Die Schülerin habe sich gut in das neue Schulsystem eingefügt. Bislang sei es jedoch so, dass GMS-Schüler die zehnte Klasse an der Gemeinschaftsschule absolvieren und im allgemeinbildenden Gymnasium, wie den Ellentalgymnasien, erneut die zehnte Klasse besuchen. Auch dieses zusätzliche Jahr soll mit der Kooperation vermieden werden.

Eine gymnasiale Oberstufe an Gemeinschaftsschulen ist mit dieser Zusammenarbeit erst mal vom Tisch. Für eine solche, zentrale, Klasse benötige es vermutlich den gesamten Kreis, sprach Kessing die nötige Schülerzahl an. Laut Schulgesetz seien mindestens 60 Schüler nötig, um eine solche Oberstufe einrichten zu können. Dennoch, Überlegungen dazu gab es bei den beteiligten GMS, wie Jso Steigelmann, Rektorin der Schule im Sand, verrät. Deswegen gebe es die Vereinbarung erst jetzt, weil die Schulen über alle Möglichkeiten beraten wollten. Zu spät sei diese Entscheidung nicht getroffen worden. Denn auch zuvor gab es die Möglichkeit, eine weiterführende Schule zu besuchen. Nun aber soll der Wechsel durch diese Zusammenarbeit vereinfacht werden. „Wir wollen für unsere Kinder etwas Gutes machen“, fasste Markus Nutz, GMS-Rektor, die Bestrebungen zusammen. Sein Vorgänger, Stephan Bender, habe diese Vereinbarung mit auf den Weg gebracht.

Info An der Gemeinschaftsschule Sachsenheim gibt es derzeit rund 600 Schüler. An der Sandschule sind es knapp 500 Schüler und 400 Schüler (alle inklusive Grundschüler) sind es an der Waldschule.

Stolperstein zweite Fremdsprache


Gemeinschaftsschüler haben nach der zehnten Klasse derzeit zwei Möglichkeiten: Sie können an ein allgemeinbildendes Gymnasium wechseln, müssen aber die zehnte Klasse wiederholen oder sie gehen in die elfte Klasse eines beruflichen Gymnasiums. Beim Wechsel von der Gemeinschaftsschule auf eine andere Schulart werden in Baden-Württemberg zuerst Noten in allen Fächern einheitlich auf eine sogenannte Niveaustufe gebracht.

Ob die Versetzungsvoraussetzungen für einen Wechsel von der GMS auf eine andere Schulart erfüllt sind und damit ein Wechsel möglich ist, stellt die abgebende Gemeinschaftsschule fest. Wichtig ist vor allem die zweite Fremdsprache, die für die allgemeine Hochschulreife Pflicht ist. Für den Übergang auf das allgemeinbildende Gymnasium ist es Voraussetzung, dass der Schüler die zweite Fremdsprache durchgängig ab Klasse 6 belegt hat. rwe