In die Sandschule, der einzigen vollen Ganztagssgrundschule in der Stadt, hatte der Landtagsabgeordnete Thomas Reusch-Frey zu einer Diskussion eingeladen. "Ganztagsschule - Chancen für Schule, Vereine und Gesellschaft" war das Thema. Dazu hatte Reusch-Frey Vertreter der Organisationen geladen, die unmittelbar von der Ganztagesschule betroffen sind, damit sie ihre Positionen vor Publikum deutlich machen konnten: Isolde Steigelmann, Rektorin der Sandschule, Sabine Wölfle, Landtagsabgeordnete der SPD und Mitglied im Bildungsausschuss des Landes, Joachim Kölz, Bürgermeister der Stadt und Vertreter des Schulträgers, Günter Krähling, Stadtverbandsvorsitzender für Sport, Karl-Heinz Menrath, Vorsitzender des Dachverbands für Kultur, Reimund Schiffer, Leiter der Musikschule, sowie Jochen Raithel, Leiter der Kunstschule Labyrinth.

Isolde Steigelmann begann die Inforunde mit einer Situationsbeschreibung der Ganztags-Grundschule am praktischen Beispiel der Sandschule. Zuerst wies sie darauf hin, dass es "den exemplarischen Schüler" nicht mehr gebe. "Der klassische Schüler hat sich, wie die Gesellschaft, verändert, Schüler haben eine Bandbreite an Individualität erreicht, der sich die Schule anpassen muss", sagte sie und betonte, dass für sie als Pädagogin der Schüler im Mittelpunkt stehen müsse. Der Ganztag, so Steigelmann, führe vor allem zu strukturellen Problemen. Grundsätzlich sei sie aber mit dem Konzept und der Umsetzung an ihrer Schule zufrieden.

130 Schüler nehmen den Ganztagesunterricht in der Grundschule war, 160 Grundschüler besuchen die Schule nur den halben Tag, 270 Schüler in der Sekundarstufe würden schon den Ganztag nutzen. Die Probleme seien vor allem organisatorischer Art. "Mengen von Listen müssen erstellt werden, um die Angebote und die individuellen Pläne der Schüler zu vereinen", so Steigelmann.

Genau deswegen, so Bürgermeister Joachim Kölz, hat die Stadt - auf eigene Kosten - sowohl innerhalb der Verwaltung, als auch in jeder Schule mit Ganztagsangebot eine halbe Stelle installiert, um die Organisation der Angebote zu strukturieren. Kölz betonte, dass der Ganztag auch eine Chance zur Förderung der Attraktivität der Stadt sei und deswegen von der Verwaltung voll unterstützt würde.

Landtagsabgeordnete Sabine Wölfle erklärte in ihren Ausführungen die gesetzliche Lage und das Konzept, das hinter der Ganztags-Grundschule steckt. Um Vorurteile abzubauen und den Einwänden der Vereine vorzubeugen, stellte sie deutlich fest, dass die Vorgaben der Regierung vorsehen, dass die Grundschüler sechs bis sieben Stunden pro Tag betreut werden, das bedeute, "um 15.30, spätestens 16 Uhr gehen die Kinder nach Hause, genügend Zeit also, um noch Hobbies und Familienzeit zu genießen". "Es wird so viel vom Tod der Vereine durch die Ganztagsschule gesprochen, ich glaube, das ist ein Phantomproblem, denn die außerschulischen Aktivitäten werden entweder in die Schule geholt oder können nach wie vor nach der Schule ausgeübt werden", sagte Wölfle. Außerdem erklärte sie das Prinzip der Monetarisierung: Die Schulen können selbst entscheiden, ob sie sich ihr durch die Landesregierung ermöglichtes zusätzliches Wochenstundenkontigent auszahlen lassen, um dies an Partner für die Betreuung weiterzugeben. Vorgesehen ist dafür ein Stundenlohn für lizensierte Trainer oder ausgebildete Betreuer bis zu 25 Euro pro Stunde, maximal können die Schulen 2500 Euro im Jahr so verwenden.

Die Finanzierung sehen denn auch die Institutionen, die per Vereinbarung ihrer Verbände mit der Landesregierung an der Ganztagsbetreuung mitwirken sollen, als größtes Problem an. Vor allem Günter Krähling als Vorsitzender des Dachverbands der Sportvereine sieht die neue Schulform nicht als Chance, sondern als "Herausforderung, wenn die Vereine überleben wollen". Er kritisierte die Ganztagsschule als Eingriff in das "funktionierende System der deutschen Vereinsstruktur und den Tod vor allem kleiner Vereine". Die Sozialisation der Kinder würde sich künftig nicht im breitgefächerten Angebot abspielen sondern im engem Rahmen der Schulen. "Der Sport wird seine Vielfalt verlieren", prognostizierte er weiter.

Menrath vom Dachverband für Kultur merkte auch an, dass es dann schwierig werden wird, wenn ein Kinderchor auseinanderdividiert würde, weil die Kinder in verschiedene Schulen gehen. Er regte eine Zusammenarbeit und Kooperation über Schulgrenzen an. Grundsätzlich, so Menrath, "ist es aber spannend, an diesem Wandel beteiligt zu sein".

Kleinere Vereine aber würden es wohl nicht leisten können, eine Rolle im Ganztag zu übernehmen. Susanne Scholz vom Akkordeonverein Bietigheim stieg da in die Diskussion ein, weil sie um die Zukunft des Vereins fürchtete. "Wir haben jetzt schon Nachwuchsschwierigkeiten, wenn die Kinder dann auch noch den ganzen Tag in die Schule gehen und professionelle Betreuer für eine Mitwirkung an den Schulen können wir uns nicht leisten", sagte Scholz.

"Noch sind wir nicht so weit, aber es wird ein System geben wie in den USA, wo Musik, Sport und Kunst in den Schulen stattfinden", sagte Reimund Schiffer, der aber zuerst die Finanzierung einer Beteiligung seiner Organisation geklärt sehen will und deshalb das Land in die Verantwortung nahm. Für Jochen Raithel steht die Chance für die Gesellschaft im Vordergund aller Bemühungen um die Diskussion der Ganztagsschule. "Wir kümmern uns aus vollster Überzeugung um Lösungen", sagte er.

Am Ende meldete sich Johannes Zuberer, Vater einer Tochter in der Ganztagesgrundschule im Sand: "Ich sehe, dass diese Art von Betreuung meiner Tochter gut tut und kann allen Beteiligten nur danken, wir haben viel Familienzeit dadurch gewonnen, der Gesellschaftswandel erfordert einfach die Ganztagsschule".