Drei Generationen in einem Haus – die Familie Riegraf lebt im Bietigheimer Wohngebiet Sand ein Modell, das heute selten geworden ist. Familie: Alle Riegrafs unter einem Dach

Bei Riegrafs wohnen drei Generationen in einem Haus: Tanja, Lynn mit Hund Oreo, Matthias, Gerhilde und Wolfgang.
Bei Riegrafs wohnen drei Generationen in einem Haus: Tanja, Lynn mit Hund Oreo, Matthias, Gerhilde und Wolfgang. © Foto: Martin Kalb
Christiane Rebhan 07.10.2017
Drei Generationen in einem Haus – die Familie Riegraf lebt im Bietigheimer Wohngebiet Sand ein Modell, das heute selten geworden ist.

Alle unter einem Dach – dieses Familienmodell war früher Standard in Deutschland. Heute kommt es immer seltener vor, dass in einem Haushalt die Großeltern, Eltern und Enkel sowie Urenkel gemeinsam leben. Im Jahr 2008 betrug der Anteil dieser Haushalte an allen 40,1 Millionen Haushalten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nur 0,6 Prozent. „Im Freundeskreis kenne ich niemand anderen, bei dem drei Generationen in einem Haus leben“, bestätigt Matthias Riegraf die Statistik. Der Malermeister, der die gleichnamige Malerwerkstätte in Bietigheim-Bissingen leitet, teilt sich mit seinen Eltern das Wohnhaus im Starenweg.

Seit 2005 wohnen Matthias Riegraf, seine Frau Tanja und Tochter Lynn im Obergeschoss, im Erdgeschoss haben die Großeltern ihr zu Hause. Drei Jahre haben die jungen Riegrafs zuvor auf der Lug gewohnt. Denn im ersten Stock des Familienhauses in Bietigheim-Sand waren damals noch die Büroräume des Malergeschäfts untergebracht. Als die Tochter von Tanja und Matthias Riegraf auf dem Weg war, haben die vier Riegrafs gemeinsam angepackt und einfach eins draufgesetzt: Das Haus im Starenweg war für zwei Familien zu eng, da hat die Familie das Dach und den Giebel abgerissen und ein weiteres Stockwerk hinzugefügt.

Natürlich erst, nachdem der Familienrat, zu dem auch Oma Gerhilde und Opa Wolfgang gehören, getagt hat. „Jeder hat damals am Tisch gesagt, wie er sich das zukünftig vorstellt“, erinnert sich Gerhilde Riegraf. „Der Grundgedanke war schon lange da: Werkstatt und die Wohnungen alles an einem Ort“, sagt der 69-jährige Wolfgang Riegraf. „Wir haben beim Ausbau dann bis auf den Rohbau viel in Eigenarbeit gemacht“, sagt Matthias Riegraf. Kurz bevor die heute elfjährige Lynn auf die Welt kam, war alles fertig.

Gerhilde Riegraf genießt es sehr, „dass oben die Jungen wohnen“. Wichtigste Aufgabe der Oma war bald das Babysitten. „Die Oma kam zum lesen, Barbie spielen und backen vorbei“, erinnert sich Tanja Riegraf. „Wir hatten auch einen externen Babysitter, aber im Notfall war jemand da“, sagt ihr Mann Matthias.

Inzwischen sei es selbstverständlich, dass man beieinander wohnt, aber gewissen Abläufe hätten sich erst einspielen müssen, erzählen die Frauen. „Wenn Freundinnen von Lynn zu Besuch waren, stand die Bande automatisch bei Oma in der Wohnung – ohne anzuklopfen“, erinnert sich die 41-jährige Tanja Riegraf.

Zweiter Eingang ins Haus

Die beiden Ehepaare versuchten sich in den ersten Jahren bewusst Raum zu lassen. Sogar eine zweite Innentür haben sie im Starenweg 1 eingebaut, damit beide Familien ihren Zugang zum Haus haben, ohne die anderen stören zu müssen. Das führte dazu, dass sich die Riegrafs im stressigen Alltag manchmal nur zwischen Tür und Angel über den Weg liefen. „Wir haben uns dann bewusst Zeit genommen und zum Beispiel gemeinsam Kaffee getrunken“, sagt die 41-jährige Bietigheimerin. Denn feste Besuchswochenenden, an denen die junge Familie zu den Großeltern fährt, gebe es natürlich nicht, wenn man im selben Haus wohnt.

„Meine Freundinnen sehen ihre Großeltern nicht so oft“, nennt Lynn Riegraf einen der Vorteile des gemeinsamen Wohnens. Der zweite ist: In der Wohnung von Oma und Opa hat die Elfjährige ihre eigenen Verstecke mit Süßigkeiten oder anderem, das ihre Eltern nicht unbedingt zu Gesicht bekommen müssen. Auch dem Familienhund Oreo bringen die zwei Familien Vorteile: Opa Wolfgang hat immer ein Leckerli parat. Wenn die Großeltern etwas auf dem Internetversandhandel brauchen, lassen es die Jungen nach Hause liefern. „Und Papa kann morgens länger schlafen, weil er keinen Anfahrtsweg ins Geschäft hat“, sagt die Elfjährige. Mehr Flexibilität haben die Familien gewonnen – „jeder hat was davon“, findet Gerhilde Riegraf. Die Familie gibt der 75-Jährigen viel: „Es ist immer jemand da.“ Die anderen vier Riegrafs nicken. „Familie ist für mich Sicherheit“, fügt Tanja Riegraf hinzu.