Handwerk Flüchtlinge gegen Bewerbermangel

Der gambische Flüchtling Samba Baldahe (rechts) macht in der Bietigheimer Bäckerei Blatter eine Ausbildung. Sein Chef Eberhard Blatter (links hinter Baldahe) hat nicht zum ersten Mal einen Flüchtling beschäftigt.
Der gambische Flüchtling Samba Baldahe (rechts) macht in der Bietigheimer Bäckerei Blatter eine Ausbildung. Sein Chef Eberhard Blatter (links hinter Baldahe) hat nicht zum ersten Mal einen Flüchtling beschäftigt. © Foto: Martin Kalb
Bietigheim-Bissingen / Rena Weiss 01.09.2018

Im Alter von 26 Jahren kam Samba Baldahe aus Gambia über Italien nach Deutschland. Zwei Jahre später begann er eine Ausbildung als Bäcker im Café Blatter. Baldahe ist nicht der erste Flüchtling, den Bäcker- und Konditormeister Eberhard Blatter bei sich eingestellt hat. Drei Pakistani, vier Afghanen und drei Syrer standen bei Blatter schon in der Bäckerei und Konditorei.

Geschäftsführer Eberhard Blatter arbeitet eng mit dem Bietigheimer Arbeitskreis Asyl zusammen, wodurch der erste Kontakt zu arbeitswilligen Flüchtlingen entsteht. Doch erklärt Blatter auch, die wenigen Bewerber für den Handwerksberuf seien mit ein Grund, warum er auch auf Flüchtlinge setzt. „Als Bäckerei muss man froh sein, wenn man auch nur einen Bewerber auf eine Stelle hat“, sagt er ganz klar, „wir haben im Moment alle Ausbildungsplätze besetzt. Nur eine Stelle als Bäckereifachverkäuferin ist noch frei.“ Deswegen biete Blatter Praktika mit Bezahlung an. So können beide Seiten schauen, ob der Beruf etwas für sie ist ohne direkt eine Ausbildung zu beginnen.

Wenige Bewerber

Die geringe Bewerberzahl ist laut Blatter über die Jahre linear geblieben, allerdings sei dieses Jahr noch etwas schlechter. Den Grund sieht Eberhard Blatter, der das Café bereits in vierter Generation führt, auch in den Arbeitszeiten. Die erste Schicht in der Bäckerei beginnt um 23.30 Uhr, dann geht es weiter um ein Uhr, und die Auszubildenden beginnen zwischen fünf und sechs Uhr.

Für Baldahe komme erschwerend noch dazu, dass er noch in der Flüchtlingsunterkunft in der Geisinger Straße in Bietigheim-Bissingen lebt, weil er kein günstiges Zimmer findet. „Wenn ich mittags von der Arbeit komme, kann ich nur schwer schlafen“, sagt er, weil seine Mitbewohner einen anderen Tagesrhythmus haben.

Was mögliche Bewerber von Handwerksberufen zusätzlich abschrecken könnte, ist die körperliche Arbeit. Als Bäcker steht man den ganzen Tag, knetet schweren Teig und arbeitet mit  heißen Öfen, dazu müssen sich Bäcker mit den Lebensmitteln auskennen. Außerdem, so Blatter, „wollen viele nach der Schule erst noch ein freiwillig-soziales Jahr machen oder reisen.“

Gutes Sprachniveau

Samba Baldahe hat vor vier Monaten in der Bietigheimer Bäckerei seine Ausbildung als Bäcker gestartet und ist damit einer von insgesamt sechs Azubis und von 85 Mitarbeitern in den drei Filialen der Bäckerei und Konditorei. „Samba ist immer gut gelaunt und hat einfach eine positive Ausstrahlung“, sagt sein Chef. Auch seine Arbeitseinstellung sei genau richtig. „Nach vier Monaten ist er schon richtig gut im Brezelnwickeln. Das können manche nach zwei Jahren noch nicht.“ Der Azubi selbst sagt: „Mir gefällt die Ausbildung gut. Das Team hat mich gut aufgenommen.“ Er hoffe, später auch übernommen zu werden.

Seine Ausbildung wird drei Jahre dauern. Einmal in der Woche hat der 28-Jährige Theorieunterricht. Die Deutschkenntnisse des Gambiers sind gut, sagt Blatter, er hat das Sprachniveau B 2. Das sei bei anderen Auszubildenden in anderen Betrieben nicht immer so, erklärt der Bäckermeister. „Die Berufsschulen beklagen sich über die unterschiedlichen, teils schlechten Deutschkenntnisse der Auszubildenden“, sagt der Bäckermeister. So müssten die Berufsschullehrer zunächst die Grundkenntnisse beibringen, bevor es an den eigentlichen Lernstoff gehe.

Dennoch habe das Café Blatter gute Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht und möchte diese auch weiterhin ausbilden und einsetzen, sagt Geschäftsführer Eberhard Blatter. Für Flüchtlinge gilt, egal welcher Status, die 3+2-Regelung. Das heißt, auch Flüchtlinge ohne gesicherten Aufenthaltsstatus dürfen für mindestens drei Lehrjahre und im Falle einer Übernahme für zwei weitere Jahre im Land bleiben.

„Der Anteil der Flüchtlinge in Ausbildung wird steigen“

6 Prozent der Auszubildenden im ersten Lehrjahr machen Flüchtlinge im Handwerk in Baden-Württemberg aus, so die Handwerkskammer Region Stuttgart auf BZ-Nachfrage.

200 Betriebe bilden im Kammerbezirk Stuttgart Flüchtlinge aus. Die Zahl der Auszubildenden aus Flüchtlingsstaaten ist von 2017 (127 Flüchtlinge) auf 2018 (488 Flüchtlinge) stark gestiegen. „Der Anteil der Flüchtlinge in Ausbildung wird voraussichtlich in den nächsten Jahren noch weiter steigen, da viele Geflüchtete erst dann sprachlich fit für eine Ausbildung sind“, sagt Pressesprecherin Julia Fuchs.

Mehr als 700 Flüchtlinge wurden laut der Handwerkskammer seit 2016 in Baden-Württemberg in eine berufliche Ausbildung vermittelt. Fast die Hälfte der vermittelten Flüchtlinge lernt in einem Handwerksbetrieb.

Der Baden-Württembergischer Industrie- und Handelskammertag (BWIHK) teilte mit, dass von den 2017 neu registrierten Azubis 350 aus Syrien stammen (Jahr 2016: 98), 322 aus Afghanistan (74), 177 aus Gambia (60), 87 aus dem Irak (46), 61 aus Pakistan (30), 48 aus dem Iran (38), 47 aus Eritrea (23), 44 aus Nigeria (23) und 19 Auszubildende haben eine somalische Staatsbürgerschaft (13). Am häufigsten gewählte Berufe sind insbesondere solche, in denen die Betriebe großen Nachwuchsbedarf haben, unter anderem Bäcker, Koch, Maler, Lackierer, Maurer, Anlagenmechaniker SHK und Fachlagerist.

10 972 Azubis gab es insgesamt im Kammerbezirk Stuttgart, davon 1931 Azubis im Landkreis Ludwigsburg. rwe

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