BIETIGHEIM-BISSINGEN Flach oder rund und die Folgen

BIETIGHEIM-BISSINGEN / ANDREAS LUKESCH 09.07.2016
Die flach-runde Samstagskolumne: Was es heißt, mit der AVL-Mülltrennung aufzuwachsen

In dieser Woche erfuhren wir, dass baden-württembergische Schüler doch nicht so helle sind wie angenommen. Das ist fatal, denn das Leben im Südwesten, speziell im Landkreis Ludwigsburg und in Bietigheim-Bissingen, erfordert ein höheres Maß an Intelligenz als vielleicht in Wanne-Eickel. Und zwar immer dann, wenn es darum geht, den Müll hinauszubringen.

Um das Mülltrennsystem der Abfallverwertungsgesellschaft AVL mental zu durchdringen, braucht es Phantasie und die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Zwischen runden und flachen Wertstoffen unterscheidet man nur im Landkreis Ludwigsburg. Dafür gibt es dort keine gelben Säcke, während die in Wanne-Eickel wiederum überlebenswichtig sein können, weil man damit im Rhein-Herne-Kanal versenken kann, was nicht jeder sehen muss (natürlich würde das niemand in Wanne-Eickel je tun). Es geht auch eher um den Vergleich. Wie soll man in Bietigheim-Bissingen ein Kind auf den rechten Pfad der Mülltugend führen, wenn man ihm erklären muss, dass eine Plastikfolie in der einen und ein Plastikbecher in der anderen grünen Tonne entsorgt werden muss. Spätestens bei der Gegenfrage „Und warum?“ sind Sie dann nämlich am Ende mit ihrem Latein. Die Folgen sind Glaubwürdigkeitsverlust, Vertrauenskrisen in der Familie und schlechte Noten in der Schule (womit wir wieder am Anfang dieser Kreislaufgeschichte wären).

Niemand kann einem erzählen, dass dieses System nicht ein Nährboden für Fehleinwürfe ist. Nicht einmal die AVL selbst hält sich nämlich an ihr Sortiersystem. Das hat der Umgang mit dem früheren Geschäftsführer Utz Remlinger gezeigt, denn der wurde erst rund gemacht und dann flach entsorgt.

Erzählen Sie das aber bloß nicht ihrem verzweifelt vor den Mülltonnen kauernden Kind. Das hat schon genug Probleme. In seinem Kosmos wirft es die Bananenschale in die Biomülltonne, ohne zu wissen, was dann mit ihr, der Bananenschale, geschieht. Denn selbst die Kleinsten kriegen in Bietigheim-Bissingen mit, dass der Biomüll vergärt werden und Kinderzimmer heizen soll, dass aber ganz viele erzürnte Menschen die Biomüllanlage nicht in ihrer Stadt haben wollen. Und um die nicht noch mehr aufzuregen, überlegt sich das hilflose Kleine womöglich, die Bananenschale stattdessen im Kübel für Flachmüll zu entsorgen und aus der braunen Tonne einen Regenschutz für die Wühlmäuse im Garten zu basteln – denn wo kein Biomüll, da keine Biomüllvergärungsanlage. Alle sind glücklich, glaubt das Kind und muss erst erfahren, dass bei Erwachsenen alles viel komplizierter ist.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel