Grelles Blaulicht an der evangelischen Stadtkirche in Bietigheim-Bissingen zieht am Dienstagabend neugierige Passanten an. Doch wer beim Anblick der Löschfahrzeuge an ein flammendes Kircheninferno denkt, wird schnell beruhigt – die Feuerwehr übt für den Ernstfall. Um möglichst viele Bereiche in ihrer Löscharbeit abdecken zu können, haben sich die Bietigheimer Feuerwehrleute einen besonders pikanten Fall ausgedacht, bei dem gleich mehrere unglückliche Umstände zusammenkommen.

Die fiktiv angenommene Lage, die sich den Feuerwehrleuten stellt: Im Untergeschoss der evangelischen Stadtkirche mitten in der Bietigheimer Altstadt, in der Fachwerkbauten dicht an dicht stehen, bricht im Heizraum an der Nordseite wegen eines technischen Defekts ein stark rauchender Schwelbrand aus. Zu diesem Zeitpunkt besichtigt eine Jugendgruppe – an diesem Abend dargestellt durch die Mitglieder der Jugendfeuerwehr – den Kirchturm. Dort sind die Holzkonstruktionen extrem trocken und staubig.

Nachdem entdeckt wurde, dass Rauch aus dem Kellerraum dringt, der sich immer mehr ausbreitet, versuchen die Jugendlichen vom Turm aus abzusteigen. Doch die starke Rauchentwicklung macht dieses Vorhaben unmöglich. Einer der Jugendlichen verliert den Anschluss an seine Gruppe und flüchtet sich über eine Tür in den Dachstuhl der Kirche. Die restliche Gruppe flüchtet auf die Balkonfläche des Turms. Erst jetzt wird die Leitstelle der Feuerwehr über die 112 informiert.

Vollalarm am Abend

Mit 23 Mann rückt daraufhin die Bietigheimer Feuerwehr aus. Vollalarm gibt es aber auch in Bissingen, von wo aus weitere 22 Mann zur Stadtkirche eilen. Zum Vollallarm gehört nicht nur ein gut durchdachter Löschangriff, sondern mehr noch ein Großeinsatz mit Menschenrettung. „In diesem Fall wurde abteilungsübergreifend geübt“, erklärt der Bietigheimer Kommandant Frank Wallesch.

Der einzelne Jugendliche, der von der Gruppe getrennt wurde, wird sogar mit einem Flaschenzug abgelassen. „Die Situation könnte so jederzeit real werden und bringt einige Schwierigkeiten mit sich“, sagt Wallesch. Das abteilungsübergreifende Üben bei schwierigen Situationen wie dieser will geübt sein. Die beiden Kommandanten Manfred Daub aus Bissingen und Frank Wallesch wissen das nur zu gut und konstruieren immer wieder besondere, realitätsnahe Situationen. „Wir wollten hier einen Fall üben, der Menschenrettung in allen Facetten mit sich bringt.“

Deshalb wurden einige Personen vom Turm begleitet, andere mit der Drehleiter geholt und auch die letzte Variante geübt: „Wir nahmen an, die Drehleiter sei ausgefallen und holten den Verunglückten mit einem Seil, das wie eine Winde gesichert wurde“, erklärt Wallesch.

Drehleiter ausgefallen

„Wir haben die ausgefallene Drehleiter trotzdem als Sicherungspunkt genommen. Das hat alles sehr gut funktioniert“, sagt der Bietigheimer Kommandant zufrieden. Und außerdem sah die Übung für die Passanten wirklich spektakulär aus, vor allem als die verunglückte Person in einem Sitzgurt festgeschnallt wird und dann über das Sicherungsseil abgelassen wird, erzählt Wallesch.

Besonders wichtig sind, und deshalb gibt es diese groß angelegten Übungen, bei denen mehrere Abteilungen zusammenarbeiten, dass beim Löschangriff auch die Personenrettung geübt werden kann. „Im Anschluss an die Übung machen wir immer einen Nachgang. Wir versuchen noch einmal vor Ort alles so gut es geht nachzuvollziehen, um dem Einzelnen noch einmal die Chance zu geben, sich mit den Örtlichkeiten nachhaltig vertraut zu machen“, betont der Bietigheimer Kommandant. „Und wenn es zehn Jahre später ist, dem einzelnen fällt es wieder ein, dass er hier schon mal war. Das ist etwas ganz anderes, als wenn man ein Gebäude noch nie von innen gesehen hat.“