Bietigheim-Bissingen / Rena Weiss  Uhr

Ich möchte über die Vorgehensweise meinen Unmut äußern“, sagte Stadtrat Wilhelm Erich Dietz in Richtung Stadtverwaltung bei der Gemeinderatssitzung am Dienstagabend. Es geht um die Schließung der Paulaner-Gaststätte am Wobachfelsen. Wie berichtet, wurde die Gaststätte kurz vor den Osterfeiertagen geschlossen, weil ein Gutachten vor Felsabstürzen warnte. Pächter Tim Heilig vermutet böse Absicht vonseiten der Stadtverwaltung: Die Stadt wolle das Grundstück für eigene Zwecke nutzen. Auch Stadtrat Dietz äußert diese Vermutung am Dienstagabend. Doch die Stadtverwaltung versicherte, es geht um die Sicherheit. Oberbürgermeister Jürgen Kessing wurde nicht müde in der Sitzung zu betonen: „Sicherheit geht vor Vergnügen. Wenn etwas passiert, sind wir die Dummen“, findet der Oberbürgermeister klare Worte.

Bereits zu Beginn der Sitzung wurden zwei kiloschwere Felsbrocken auf einen Tisch gelegt, bevor es erst am Schluss um den Wobachfelsen ging. „Bei den Sicherungsarbeiten sind diese Steine rausgebrochen worden“, erklärte Kessing und sie seien Teil eines deutlich größeren Felsbrockens gewesen. Geschätzte rund acht Tonnen an Felsbrocken habe die Firma Königl nun entfernt. Das Unternehmen aus Würzburg hat sich auf Felssicherung und Zaunbau spezialisiert. Claus-Dieter Jaisle, Hoch- und Tiefbauamtsleiter, und Thomas Höfel, Ordnungsamtsleiter erklärten in der Gemeinderatssitzung das Vorgehen der Firma. Beide sind von Stadtseite aus zuständig für die Sicherung des Felsens.

Stahlnetz zum Schutz

Direkt hinter dem Gaststättengebäude wurden in den vergangenen knapp drei Wochen der Fels abgeholzt und von Pflanzen befreit, um loses Gestein zu entfernen. Dabei sei kein schweres Gerät zum Einsatz gekommen, sagt Kessing. Ohne viel Aufwand seien die Felsbrocken (Bild unten) abgeklopft worden. Nun wird dort ein Stahlnetz zum Schutz angebracht. Die Bereiche links und rechts vom Paulaner, also auf Höhe des Parkplatzes und des Biergartens können erst im Herbst, nach dem Ende der Vegetationsperiode, bearbeitet werden, so Jaisle. Daher müsse auch ein Teil der Freibereiche gesperrt bleiben. Aber für Tim Heilig gibt es wenigstens teilweise gute Nachrichten, denn ein Teil seines Biergartens könne in rund vier Wochen wieder in Betrieb genommen werden, sagte Claus-Dieter Jaisle.

„So kann man nicht mit Selbstständigen umgehen“, entgegnete der sichtlich aufgebrachte Stadtrat Dietz, „dieser Vorgang stinkt wie ein Fisch in der Sonne.“ Die Rede ist von einem Steinschlag, der bereits vor einem Jahr passierte und den Pächter Tim Heilig als Argumentation nutzt, warum nicht bereits früher etwas getan wurde. „Warum dauert das ein Jahr“, fragte auch Hermann Eppler, CDU-Stadtrat, „da sind sie uns eine Antwort schuldig.“ Er selbst habe erst vor wenigen Wochen von dem damaligen Steinschlag erfahren, erwiderte der Oberbürgermeister. Es folgte das Gutachten.

Pressesprecherin Hochmuth erklärt auf Nachfrage den zeitlichen Ablauf: „Der Steinschlag, der vor einem Jahr eintrat, war ein einzelner Stein.“ Danach wurde der Gastank nochmals zusätzlich gesichert mit einem Holzdach (die BZ berichtete). „Die Situation wurde damals noch nicht so dramatisch eingeschätzt, weshalb auch nicht unmittelbar weitere Maßnahmen folgten.“ Allerdings wurde der Felsen weiter beobachtet und insbesondere im Winter hatte sich nach Ansicht der städtischen Bauleute die Situation verschlechtert. „Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich ein Verwitterungsprozess laufend fortsetzt, gerade im Winter ist durch das eindringende und gefrierende Wasser mit Veränderungen der Strukturen zu rechnen“, sagt Hochmuth. Ein Fachmann, der Gutachter Geotechnik Südwest wurde hinzugezogen, um ein Gutachten zu erstellen. Die Begehungen fanden im März statt, das Gutachten lag der Stadt dann am 10. April vor und führte am 18. April zur Schließung der Gaststätte. „Wenn an Ostern schlechtes Wetter gewesen wäre, dann hätte das keinen interessiert“, sagte Kessing zu der Kritik an der Stadtverwaltung.

Auch Thomas Höfel verteidigte die Entscheidung seines Amts: „Unsere Aufgabe ist es, dass Gäste und Mitarbeiter nicht verletzt werden. Das allein war verantwortlich für die Verfügung.“ Zwei Sätze im Gutachten hätten ihm dabei keine andere Wahl gelassen: Akute Steinschlaggefahr und die Masse und der Zeitpunkt sind nicht abschätzbar. Er ergänzt, dass weder das Wetter noch der Feiertag Gründe sein können, warum das Gelände erst später hätte gesichert werden sollen. „Wir lassen den Betrieb sofort wieder zu, wenn wir ein Gutachten haben, dass uns die Sicherheit bescheinigt“, ergänzt der Ordnungsamtsleiter.

Bisherige Sicherungsarbeiten

Die Bergwacht hat im Abstand von zirka drei Jahren den Wobachfelsen begangen und loses Material abgeklopft, berichtete Claus-Dieter Jaisle, Hoch- und Tiefbauamtsleiter. Im Bereich des Paulaners fand dies das letzte Mal 2011 statt. Denn hinter dem Paulaner-Gebäude lehnte die Bergwacht weitere Arbeiten ab, „weil sie die Sicherheit nicht mehr gewährleisten können“, sagte Jaisle in der Gemeinderatssitzung am Dienstagabend. Beschädigungen des darunter befindlichen Materials von der Gaststätte und dem Biergarten waren zu befürchten, wenn Steine abgebrochen werden. Künftig sei die Sicherheit wieder gegeben, weil ein Stahlnetz angebracht wird. rwe