Kunst Erinnerung an mehreren Stationen

Sara Focke Levin in der Galerie Bietigheim Bietigheim vor dem 28-teiligen Fotoblock, einem Teil des Mahnmals und eine Art Vorarbeit zu den anderen Teilen. Später soll es einen Platz in dem neuen Bogenviertel bekommen.
Sara Focke Levin in der Galerie Bietigheim Bietigheim vor dem 28-teiligen Fotoblock, einem Teil des Mahnmals und eine Art Vorarbeit zu den anderen Teilen. Später soll es einen Platz in dem neuen Bogenviertel bekommen. © Foto: Martin Kalb
Gabriele Szczegulski 19.05.2018

Nördlich des Bahnhofs, auf dem Gebiet Laiern, stand ab 1941 ein Durchgangslager für Zwangsarbeiter. Ein Mahnmal soll zukünftig an die Tausende von Menschen erinnern, die hier viel Leid erfuhren. Das Konzept eines mehrteiligen Mahnmals der Ludwigsburger Künstlerin Sara Focke Levin erschien dem Gemeinderat und der Stadtverwaltung sowie dem Team der Städtischen Galerie so passend,  dass sie beauftragt wurde, es zu realisieren. Es sei für sie klar gewesen, so erklärt Sara Focke Levin gegenüber der BZ, dass es kein übliches Mahnmal in einem Stück, „das wie ein Klotz in der Landschaft steht“, wird. „Ich habe mir das Gelände sehr genau angeschaut und werde die Teile des Mahnmals an schon vorhandene Möblierungen oder Orte anbringen.“

Fünf Teile wird das Mahnmal haben: Teil 1 ist eine analoge Außenuhr im Bereich des Busbahnhofes, die sich auf dem Boden spiegelt und so rückwärts läuft. Am Busbahnhof verwendet die Künstlerin die Glasflächen im Wartebereich, um Texte von ehemaligen Gefangenen anzubringen. Die dritte Station ist in der Fußgängerunterführung vom Bahnhof zur Altstadt, dort werden Informationen zum Durchgangslager und zum Kunstwerk platziert. Station 4  befindet sich nach der Unterführung, und diese Skulptur, ein zehn Meter hoher Schildermast, ist wohl der augenfälligste Teil.

Schon jetzt stellte die Künstlerin gemeinsam mit der Galerieleiterin Isabell Schenk-Weininger einen Teil des Mahnmals vor. Im Foyer der Galerie ist eine aus 28 Teilen bestehende fotografische Untersuchung des ehemaligen Durchgangslagers ausgestellt. Sie besteht aus Fotografien, die Sara Focke Levin von den heutigen Straßenbelägen mit den darauf befindlichen Markierungen machte. Fragmente einer Luftaufnahme des Lagers, die 1945 von amerikanischen Aufklärungsfliegern gemacht wurden und das Lager sehr unscharf zeigen, sind den Fotos zugeordnet. Einzelteile von Bauskizzen des Lagers vervollkommnen das große Exponat.

„Ich habe mich sehr oft auf dem Gelände aufgehalten und sehr viele Fotos gemacht. Zusammen mit der Luftaufnahme und den Bauskizzen erschloss sich mir das ganze Ausmaß“, sagt Sara Focke Levin, die schon öfter Skulpturen anhand historischer Arbeiten erstellte. Grundlage ihres Bietigheimer Auftrags war  eine Dokumentation des Stadtarchivs und eine Magisterarbeit von Christine Axmann, sowie die Dokumentation eines Besuchs von 20 ehemaligen Zwangsarbeitern im Juli 2003 in der Stadt.

Tausende von Zwangsarbeiter wurden in Bietigheim durchgeschleust, hielten sich zwei oder drei Tage im Lager auf, wurden von Gebäuden der „Unreinen Seite“, so der Bauplan, in der „Entwesungsbaracke“, dem Zentrum des Lagergeländes, entlaust, um dann auf der „Reinen Seite“ erfasst zu werden, bevor sie dann zu ihren Zwangsarbeiterstellen weitergesandt wurden. Der größte Arbeitgeber in der Region war im Ort: die Deutschen Linoleumwerke (DLW), weshalb, so Isabell Schenk-Weininger, das Mahnmal doppelte Bedeutung habe. Auf dem Gelände der DLW, dem späteren Bogenviertel, soll die Arbeit, die in der Galerie hängt, später eine dauerhafte Bleibe finden.

Das Gelände im Laiern ist inzwischen Industriegebiet, vollständig überbaut und durch Straßen versiegelt. Die darauf befindlichen Fotografien, die Focke Levin fotografierte, ordnete sie in dem 28-teiligen Werk so an, dass sie eine Bildabfolge kennzeichen, folgt man ihnen mit dem Blick.

In der Kombination der Elemente entsteht eine irritierende Bildabfolge: Der ferne, unscharfe Blick aus großer Höhe trifft auf die genaue Untersuchung der Oberfläche am Boden, die akribisch gezeichneten Planskizzen aus der Vergangenheit auf die inzwischen versiegelte Gegenwart.

Sara Focke Levin hofft, dass das mehrteilige Mahnmal, wie zufällig angebracht an Stellen, an denen man wartet oder achtlos vorüber, so irritiert, dass es in die Aufmerksamkeit der Passanten gerät. „Über die Frage, was soll denn das, erreichen die Stationen einen Moment der Besinnung und weil es mehrere Teile in unmittelbarer Nähe sind, geraten sie nicht sofort in Vergessenheit“, sagt die Künstlerin. „Erinnern durch Irritation“, nennt sie das. Hierbei, führt sie aus, gehe es um die Inhalte, damit die Existenz des Duchgangslagers nicht in Vergessenheit gerate. „Ein Mahnmal zur Erinnerung an dunkle Zeiten soll nicht schön oder dekorativ sein.“

„Das Werk löst Aufmerksamkeit aus und ist sowohl emotional, durch die Texte, als auch informativ“, sagt Isabell Schenk-Weininger. „Ich glaube, dass das Mahnmal der Vielschichtigkeit des Themas gerecht wird“, sagt die Galerieleiterin.