NS-Zeit Erinnerung an ein dunkles Kapitel

Von Uwe Mollenkopf 02.07.2018

Von einer „moralischen Pflicht und Verantwortung“, ein abscheuliches Verbrechen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, sprach Oberbürgermeister Jürgen Kessing bei der Einweihung des Mahnmals für Zwangsarbeiter auf dem Bahnhofsplatz am Sonntagvormittag. Zahlreiche Gäste, darunter auch die Tochter einer ehemaligen Zwangsarbeiterin, waren zu der Einweihung gekommen, die vom Blechbläserquartett der Musikschule Bietigheim-Bissingen umrahmt wurde.

Kessing erinnerte in seiner Rede an das dunkle Kapitel der Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkriegs, bei der das Durchgangslager im Laiernwald hinter dem Bietigheimer Bahnhof eine wichtige Rolle spielte. Während seines Bestehens von 1942 bis 1945 wurden hier rund 200 000 Menschen vor allem aus Osteuropa durchgeschleust. „Mit Zügen kamen die Verschleppten in Bietigheim an, wurden im Durchgangslager erfasst, entlaust und medizinisch untersucht. Nach wenigen Tagen wurden sie dann an ihre endgültigen Bestimmungsorte im Südwesten weiterverteilt“, sagte Kessing.

Auch in Bietigheim-Bissingen selbst wurden Zwangsarbeiter in Firmen, Handwerks- und Gewerbebetrieben, in der Landwirtschaft und in der Verwaltung eingesetzt. Die Namen und Arbeitsstätten von rund 4000 Personen konnten ermittelt werden. Das Lager hatte zunächst eine Größe von 37 000 Quadratmetern, wuchs dann auf 50 000 Quadratmeter. Etwa 50 Baracken dienten zur Unterbringung von bis zu 1800 Menschen. In einem Friedhof bei dem Lager wurden rund 200 Tote beerdigt, die im Durchgangslager oder auf dem Weg dorthin starben.

Kessing erinnerte daran, dass es für ansteckend kranke Zwangsarbeiter ab 1943 in Großsachsenheim und Pleidelsheim eigene Krankenlager gab. Bei schwangeren „Fremdarbeiterinnen“ seien auch Zwangsabtreibungen vorgenommen worden.

Immer wieder sei aus der Bürgerschaft der Wunsch an die Verwaltung herangetragen worden, über die wissenschaftliche und publizistische Bearbeitung hinaus auch mit einem Mahnmal dem Thema Zwangsarbeit in Bietigheim und dem Durchgangslager im Besonderen dauerhaft zu gedenken, sagte der Oberbürgermeister. Doch: „Eine einfache Gedenktafel am ehemaligen Standort des Lagers im Laiern schien zu wenig.“ Dort befindet sich jetzt ein Gewerbegebiet, die öffentliche Wahrnehmung wäre gering gewesen. Schließlich sei Ende 2015 im Kontakt der Städtischen Galerie zu der Ludwigsburger Künstlerin Sara Focke Levin eine neue Idee entwickelt worden, die darin bestand, eine Installation am Bahnhof als dem Kristallisations­punkt Bietigheim-Bissingens für das Thema Zwangsarbeit zu erarbeiten. Levin habe sich dem Thema sehr intensiv mit großer Empathie gewidmet, so Kessing. Der Gemeinderat stimmte dem Bau des Mahnmals mit Kosten von 35 000 Euro im Juni 2017 mehrheitlich zu.

Levin hat eine mehrteilige Installation mit fünf Stationen geschaffen: Station 1 ist eine analoge Außenuhr im Bereich des Busbahnhofs, die sich auf dem Boden spiegelt und so rückwärts läuft. Sie soll auf die geraubte Lebenszeit der Zwangsarbeiter anspielen. Im Wartebereich des Busbahnhofs (Station 2) verwendete die Künstlerin die Glasflächen, um Texte von ehemaligen Gefangenen anzubringen. Station 3 in der Fußgängerunterführung vom Bahnhof zur Altstadt besteht aus Informationstafeln zum Durchgangslager und zum Kunstwerk. Station 4 nach der Unterführung ist eine Skulptur, bestehend aus einem acht Meter hohen Masten mit 12 Schildern. Die Schilder haben keine Namen, sie sollen symbolisch nicht nur auf die Länder hinweisen, aus denen die Zwangsarbeiter gebracht wurden, sondern auch auf ihre Einsatzorte. Die fünfte Station besteht aus einer mehrteiligen Fotoarbeit, die zurzeit in der Städtischen Galerie zu sehen ist. Sie soll später einmal im Bogenviertel auf dem ehemaligen DLW-Gelände ihren endgültigen Standort finden.

Prof. Dr. Thomas Schnabel, der Leiter des Hauses der Geschichte in Stuttgart, beglückwünschte die Stadt zu der Entscheidung für das Mahnmal. Auf lokaler Ebene sei die Erinnerung an die Zwangsarbeit „bei Weitem noch nicht so ausgeprägt“. Schnabel verdeutlichte die historischen Dimensionen: „Es gab damals keine Stadt und kein Dorf ohne Zwangsarbeit.“ Im gesamten Reich habe es während der NS-Zeit über 7,6 Millionen Zwangsarbeiter gegeben – „eine unvorstellbare Zahl“.

Brutale Gesetze

Der Historiker verwies auf die brutalen Bestimmungen des NS-Regimes, wonach in Fällen, in denen sich deutsche Frauen mit Ostarbeitern einließen, die Frauen ins Gefängnis kamen, die Männer hingerichtet wurden. Andererseits habe sich vor allem auf den Dörfern zwischen manchen Hofbesitzern und ihren Zwangsarbeitern ein gutes Verhältnis entwickelt. In Bietigheim hätten einige auch das Kino besucht.

Das Mahnmal, so Schnabel, diene zum einen der Versöhnung, zum anderen zeige es, „dass uns dieses Thema auch heute noch wichtig ist“.

Bücher zum Thema Zwangsarbeit

Zur Mahnmaleinweihnung am vergangenen Sonntag am Bietigheimer Bahnhof wurde auch die wissenschaftliche Studie zur Geschichte des Durchgangslagers Bietigheim von Christine Sämann in Buchform präsentiert. OB Jürgen Kessing überreichte der Autorin das erste Exemplar. Das Buch befasst sich neben dem Lager Bietigheim auch mit den Krankensammellagern in Pleidelsheim und Großsachsenheim. Es hat 285 Seiten und kostet 25,80 Euro. Es ist in der Stadtinformation, im Stadtarchiv, im Stadtmuseum Hornmoldhaus und im Buchhandel erhältlich.

Um Zwangsarbeit geht es auch in dem Buch „Versöhnung“ (154 Seiten). Es enthält Erinnerungen des niederländischen Pfarrers Herman Denkers (1922 bis 2000) als Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkrieges. Wie sein Sohn Jan Denkers mitteilt, der das Vorwort verfasst hat, handelt ein Teil von den Erfahrungen im Durchgangslager Bietigheim. Von dem Buch, das im Mai 2017 in den Niederlanden erschienen ist, wurde im März 2018 eine deutsche Übersetzung präsentiert. Das Buch (ISBN 978-90-826825-1-9) gibt’s im Buchhandel, es kostet 18,95 Euro. um

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