Bietigheim-Bissingen / Rena Weiss

Einmal Tanzgarde, immer Tanzgarde. Diesen Eindruck erhält man im Gespräch mit den beiden Trainerinnen der Prinzengarde der CVB Wobachspatzen aus Bietigheim-Bissingen. Denn hier trifft man sich nicht nur zum Tanzen, sondern wird Teil einer großen Familie. Tabea Gailing und Natalie Heinermann sind beispielsweise beide seit Kindestagen im Verein und in der Tanzgarde. „Ich bin quasi in den Verein reingeboren worden“, sagt die 23-jährige Tabea Gailing scherzhaft, „seit ich zwei bin, bin ich dabei.“ Auch Carolin Bachowski, Organisationsleitung der Garde, geht es so: „Für mich ist es mein ganzes Leben.“

Synchronisation und Präzision

Bei Gardetanz denken viele an den klassischen Marsch- und Polkatanz. Der zeichnet sich durch Geradlinigkeit, Wiederholungen und Schrittkombinationen aus, aber auch durch die gleichen Kostüme der Tänzer. Diese sind oft an Militär-Uniformen aus dem 18. Jahrhundert angelehnt. Der Schwerpunkt liegt in der Synchronisation und Präzision. „Der Marschtanz wirkt durch viele kleine Elemente verspielt“, erklärt Sabine Molnar, die ebenfalls seit vielen Jahren im Verein tätig ist, „und er vermittelt Leichtigkeit.“ Zumindest wirke er so, fügen die beiden Trainerinnen hinzu. „Tatsächlich ist es Hochleistung“, sagt Bachowski und Tabea Gailing ergänzt: „Alle Gardetänzer haben stramme Waden.“ Denn Körperspannung zeichnet diese Tanzform aus.

Der Spaß darf dabei nicht auf der Strecke bleiben, das ist den Trainerinnen wichtig. „Wenn jemand regelmäßig trainiert, aber technisch nicht perfekt ist, dann darf er trotzdem mit uns auf der Bühne tanzen“, sagt die 24-jährige Natalie Heinermann. Dadurch werden die Anstrengungen honoriert. „Jeder hat seinen Platz im Tanz, wenn einer fehlt, dann funktioniert der ganze Tanz nicht“, ergänzt Molnar. Das spiele auch bei den ganz Kleinen eine Rolle. Die Wobachspatzen haben insgesamt fünf Garden mit 44 Tänzern. Angefangen bei den Jüngsten, den „Spätzle“. Fünf Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren trainieren hier den Gardetanz. Die nächste Gruppe, die „Minis“, sind im Alter von sechs bis neun Jahren. So geht es weiter bis zur Prinzengarde, die ab 18 Jahren ist. „Sie sind quasi die Ehrengarde des Prinzenpaares“, sagt Sabine Molnar. „Von 1980 bis 1991 war wir sogar die Ehrengarde von Lothar Späth“, ergänzt sie. Einmal im Jahr wurden sie dafür in die Villa Reitzenstein eingeladen.

Einladungen erhalten die Garden auch für  diverse Veranstaltungen und befreundeten Vereinen. So füllt sich der Kalender vor allem in der Kampagne. So wird die Zeit von 11. November bis zum Aschermittwoch genannt. In diese Zeit hat die Prinzengarde im Durchschnitt zwei Auftritte pro Wochenende. Bis zur Hochzeit, Weiberfastnacht bis Aschermittwoch,  „da haben wir auch Auftritte unter der Woche“, sagt Heinermann. Bis November müsse also alles abgeschlossen sein: Choreografien, Kostüme, Rollen und Schminke – alles in Eigenregie. „Wir bereiten jedes Jahr neue Tänze vor“, sagen die beiden Trainerinnen.

Die Planungen für den Schautanz beginnen mit einem Thema. Vergangenes Jahr war es „Die Schöne und das Biest“ und dieses Jahr ist es die „Rocky Horror Show“. „Mein Lieblingsthema war ‚König der Löwen’“, erinnert sich Gailing, „da war ich acht.“ Bei solchen Themen falle die Musik- und Kostümwahl natürlich leichter.“ Steht das Thema, kommt der schwerste Teil: die Choreografie. „Für mich muss immer ein Fall dabei sein“, sagt Natalie Heinermann. Gemeint ist damit eine Hebefigur auf die ein spektakulärer Fall folgt. „Das muss dann natürlich auch zur Musik passen“, ergänzt ihre Co-Trainerin. Wichtig sei den beiden Trainerinnen bei jeder Choreografie, ob Polka oder Schau, dass das Publikum ebenso viel Spaß beim Zuschauen hat, wie die Tänzer beim Tanzen.

www.wobachspatzen.de

Zur Geschichte des Gardetanzes

Karnevalsgarden entstanden um 1820 als Verspottung des Militärs und dem Aufkommen von Karnevalsumzügen. Die erste derartige Männergarde waren die Kölner Rote Funken. Uniformen und Organisation orientierten sich dabei meist an historischen Vorbildern.
Doch die Verspottung stieß nicht bei allen auf Gegenliebe und so waren Karnevalsumzüge nach dem Zweiten Weltkrieg von den alliierten Besatzungsmächten verboten worden.

Weibliche Tanzgarden dagegen sind relativ neu. Die erste, die Blaue Tanzgarde der KG Möbelwagen Stuttgarter Karnevalsgesellschaft, wurde 1947 gegründet. Sie haben ihren Ursprung im Revuetanz der 1920er- und 1930er-Jahre.

1960 wurde innerhalb der Chorvereinigung Bietigheim die Faschingsabteilung Wobachspatzen gegründet und mit ihr auch die Tanzgarde. 1981 wurden die Wobachspatzen ein eigener Verein mit der Abteilung Tanzgarden. rwe