Bietigheim-Bissingen / Gabriele Szczegulski

Fridays for Future“, der wöchentliche Schulstreik Jugendlicher für den Klimaschutz, ist in aller Munde. Doch auch nicht ganz so öffentlich befassen sich Schüler mit der Umweltproblematik und verbringen zwar ihren Freitagnachmittag in der Schule, aber befassen sich auch mit ihrer Zukunft. Zehn Zwölftklässler der Beruflichen Gymnasien in Bietigheim-Bissingen beschäftigen sich mit Plastikmüll, haben dadurch ihr Alltagsverhalten verändert und wollen  als Multiplikatoren wirken.

Alles begann damit, dass sich Schulleiter Stefan Ranzinger ein Thema für eine Seminararbeit ausdenken musste. Die Zwölftklässler, die ein Schuljahr an dem Seminarkurs teilnehmen – drei Stunden pro Woche –, eine Seminararbeit schreiben und eine Prüfung ablegen, bekamen das Thema „Plastikmüll – eine ökonomische und ökologische Kosten-Nutzen-Betrachtung“.

Ein Ergebnis sieht der Besucher des Beruflichen Schulzentrums im Foyer: ein Plastikarium. In einem  Aquarium schwimmen lebende Fische vor einem zugemüllten Strand. Die Schüler kauften sogar eine ausgestopfte Möwe, die sie auseinandernahmen und ihr Plastik in den Magen stopften. Drastische Maßnahmen, um 2000 Schülern, die täglich durchs Schulzentrum laufen, zu demonstrieren, welche Folgen der viele Plastikmüll hat. Genau diese Szenerie erlebten die Kursteilnehmer bei einer Exkursion an die Nordsee, wo sie innerhalb von einer Stunde 176 Plastikteile am Strand fanden. „Wir waren und sind nicht gegen Plastik und seine Verwendung“, sagt Schüler David Bevilacqua. „Wir wollten uns zuerst informieren und dann ein Urteil bilden“, so Christian Rager. Sie besuchten die Recyclinganlage Kurz, wo sie erfuhren, dass der Plastikmüll immer noch von Hand sortiert werden muss.  Im Chemiesaal experimentierten sie mit Kosmetika, um festzustellen, wie viel Mikroplastik in der Zahnpasta ist. Sie fragen Cem Özdemir, ob er sich im Supermarkt für die konventionelle Gurke ohne Plastik oder für die Biogurke in Plastik verpackt entscheiden würde. Der Grünen-Politiker war in der Zwickmühle und antwortete ausweichend: „Ich entscheide mich für die mit mehr Geschmack.“

Bei Firmenchefin Andrea Layer in Murr erfuhren die Schüler, dass auch die Verpackungsindustrie längst mit alternativen Stoffen arbeitet, wie Maisstärke, Bambus oder Holz. Ihnen wurde aber auch gesagt, so erzählen sie, dass dieser Biomüll, der keiner ist, noch durch die Wiederverwertung fällt, weil im Müllkreislauf noch nicht an ihn gedacht wird.

Sie sammelten eine Woche lang ihren Müll, um ihn mit der Ludwigsburger Umweltheldin Tina Murphy, die diesen Titel wegen ihrer sehr guten Energiebilanz verliehen bekam, zu untersuchen.  Vor allem diese Analyse des eigenen Plastikmülls war es, die die Schüler zum Umdenken brachte. Hanna Hofmeister forderte ihre Familie auf, kein Joghurt in Plastikbechern mehr zu kaufen. Alle zehn Schüler haben sich wiederverwertbare Trinkflaschen gekauft, verwenden keine PET-Flaschen mehr. Die Mädchen benutzen nun Haarwaschseife, in der keine Mikroplastik ist.

Weniger Plastik verwenden

„Ja, unser Leben hat sich schon verändert, wir schauen beim Einkaufen und im Alltag sehr darauf, unnötiges Plastik zu vermeiden oder benutzen andere Produkte“, so Christian Rager. Auch ihr Lehrer, Stefan Ranzinger, bestätigt eine Veränderung: „Obwohl ich mir einbildete, schon immer darauf geachtet zu haben, wenig Plastik zu verwenden, ist das bei mir und meiner Familie seit dem Seminarkurs noch extremer geworden.“ Ja, sagen alle Schüler unisono: „Wir wollen noch mehr Leute bewegen, bewusster im Umgang mit Plastik zu werden, deshalb auch das provozierende Plastikarium, da haben uns schon viele Mitschüler drauf angesprochen“, sagt David Bevilaqua. „Plastik ist weder gut noch böse. Aber wir setzen es zu häufig falsch und zum Schaden unserer Umwelt ein“, fasst Stefan Ranzinger das Seminarfazit zusammen.

Überschrift Infokasten einzeilig

Anlauf steht hier Text für einen dreispaltigen Infokasten. bz