Eine Rose in der Hand

 
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ANDREAS LUKESCH 23.04.2016

Wahrscheinlich redet an diesem Wochenende sowieso wieder jeder nur übers Wetter. Und ich höre sie schon tönen, die ewigen Schlechtwetterpropheten, wie sie beklagen, dass früher ohnehin alles besser gewesen sei. Beim Wetter stimmt das bekanntlich nicht, jedenfalls nicht in dem Maße wie bei der SPD. Da war früher nachweislich alles besser - zumindest die Wahlergebnisse in Baden-Württemberg. Ob die Inhalte ebenfalls besser waren, nun, darüber ließe sich streiten. Wobei aber manchmal das eine ja mit dem anderen zusammenhängt, aber eben nur manchmal. Böswillige Kritiker mögen vielleicht einwenden, dass die politischen Inhalte der SPD so alt sind wie die Parteibücher mancher ihrer Mitglieder, aber das stimmt nur zum Teil. Es kann auch Personen liegen, wenn man eine Wahl nach der nächsten vergeigt.

Und wieso ist die SPD an dieser Stelle noch einmal Thema? Weil sich ein Abgesang auf die Ortsvereinssitzung der Bietigheimer Genossen am Wochenende einfach aufdrängt, weil es so mitleiderregend war. Es ist so, als schaue man einem allein gelassenen, halb verhungerten und frierenden Straßenköter in einer schmutzigen Großstadtgasse in die großen, schwarzen, traurigen Augen. Mitnehmen möchte man dieses verängstigte Wesen, es aufpäppeln, damit es wieder fröhlich umhertollen und alle Welt zeigen kann, was ein richtiger Hund ist.

Niemand darf deshalb schweigen über das, was sich da im Siedlerheim abspielte. Allein dass die Teilnehmerzahl an der Sitzung in etwa dem prozentualen Verhältnis der Wählerstimmen in Baden-Württemberg entsprach, zeigte doch schon, wie schlimm es um die einst so stolze Volkspartei bestellt ist.

Dann werden da Menschen für ihre jahrzehntelange Zugehörigkeit zur Partei geehrt (40 Jahre Mitglied, so lange halten die meisten Ehen nicht), mühen sich ein Lächeln für den Fotografen ab und wissen doch, dass sie zu den Letzten gehören, deren Treue zur Sozialdemokratie noch belohnt werden dürfte. Mit einer einsamen Rose in der Hand und Sorgenfalten auf der Stirn sind sich die Altvorderen dann einig, dass man für die Jugend attraktiver werden, jungen Menschen eine Heimat bieten müsse. Und im tiefsten Inneren wissen Sie, dass Versammlungen wie diese für den umworbenen Nachwuchs in etwa so attraktiv wie eine Mathe-Klausur ist.

Womöglich liegt es daran, dass Thomas Reusch-Frey, der in der zurückliegenden Legislaturperiode nachweislich umtriebigste und authentischste Landtagsabgeordnete, grundlos in einem Maße vom Wähler abgestraft wurde, die einer biblischen Apokalypse gleichkommt. Reusch-Freys Botschaften waren nicht so einfach wie die der Populisten von der AfD, und es folgte die Erkenntnis, dass es in einer getriebenen Gesellschaft nicht ankommt, wenn man zugibt, dass es einfache Lösungen auf bestimmte Probleme nicht gibt. Wie auch immer, wenn sich am Wochenende der Himmel über dem Land eintrübt, dann wissen die Sozialdemokraten mehr als alle anderen, wie sich das anfühlt.