Wohngemeinschaft Ein neues Familienmitglied

Hildegard Dietz und ihr Mitbewohner Raeed aus dem Mittleren Osten singen zusammen gerne ein Ständchen. Eins ihrer Lieblingslieder: „Auf der schwäb’sche Eisenbahne“.
Hildegard Dietz und ihr Mitbewohner Raeed aus dem Mittleren Osten singen zusammen gerne ein Ständchen. Eins ihrer Lieblingslieder: „Auf der schwäb’sche Eisenbahne“. © Foto: Helmut Pangerl
Bietigheim-Bissingen / Von Carolin Domke 04.07.2018

Die Wohngemeinschaft von Hildegard Dietz und Raeed wirkt nicht wie eine klassische Wohngemeinschaft – Es ist mehr ein familiäres Miteinander. „Raeed ist in unsere Familie integriert. Meine Enkel lieben ihn und er ist bei jedem Fest mit dabei“, erzählt die 80-jährige Witwe stolz.

Seit Herbst 2015 lebt der 26-jährige Flüchtling aus dem Mittleren Osten in Deutschland. Bei einem Essen, das er und ein Freund bei Nachbarn von Hildegard Dietz ausrichteten, lernten sich die beiden Christen kennen. Zu einem Adventsessen lud sie später alle bei sich ein. „Nachdem für Raeed eine Unterkunft gesucht wurde, war es eines Nachts für mich ein Geistesblitz ihn aufzunehmen“, sagt sie. Natürlich gab es auch Bedenken „eine Frau allein im Haus mit einem jungen Mann“, verrät Dietz, die kirchliche Mitarbeiterin ist. Nachdem sie auch ihre Kinder von der Idee überzeugt hatte, zog der junge Mann schließlich am 1. März 2016 bei ihr ein.

Respekt und Rücksichtnahme

„Nach einem Jahr habe ich ihn zu einem Glas Sekt gerufen und darauf angestoßen, dass wir noch nie Streit hatten“, erzählt Dietz lachend und Raeed nickt glücklich. Damit so eine Wohngemeinschaft auch funktioniert ist vor allem Respekt und Rücksichtnahme wichtig, bestätigen beide. „Man darf die Intimsphäre des anderen nicht verletzen. Raeed kommt auch nur unter Anmeldung runter“, sagt sie und Raeed ergänzt: „Man muss sich immer respektvoll behandeln.“ In seiner Heimat werden ältere Menschen ebenso behandelt, daher nennt er Hildegard Dietz auch liebevoll Oma.

Die beiden fühlen sich sichtlich wohl in ihrer Wohngemeinschaft. Raeed hat im ersten Stock ein Zimmer mit einem kleinen Bereich, wo er auf zwei Platten kochen kann und sein eigenes Bad. Abends verbringen sie oft Zeit zusammen, spielen Rommee, kochen etwas am Wochenende oder singen. Ihr Lieblingslied: „Auf der schwäb’sche Eisenbahne“. Aber auch im Haushalt ist der 26-Jährige eine Stütze. „Er hilft bei der Gartenarbeit und saugt auch mal durch“, sagt Dietz. Das Vertrauen ist groß. Schon nach einer Woche habe sie ihn alleine im Haus gelassen, als sie für einen Kurzurlaub unterwegs war. „Es hat sich auch gut angefühlt, dass jemand im Haus war“, verrät die Witwe. Und auch Raeed ist erleichtert, solch eine Unterkunft gefunden zu haben. „Ich fühle mich bei Oma sehr wohl“, sagt er mit einem Lächeln.

Seit September 2017 macht er eine Ausbildung zum Industriekaufmann bei einer renommierten Firma in Bietigheim. Das passt auch zu seiner Ausbildung, die er in seiner Heimat ausübte. Dort besuchte er eine Schule für Business Administration, nach der er die Universität besuchen konnte. In seiner Freizeit trifft er sich in der freien Gemeinde mit Freunden oder mit seinem Bruder, der mit seiner Familie ebenfalls hier lebt.

Die Frage, ob er bisher auf Fremdenhass gestoßen sei, verneinte er. „Bisher hatte ich keine Probleme. Wenn es zu Problemen kommt, dann liegt es am Menschen selbst, der von seiner Art aus schon schwierig ist.“ Schwer fiel ihm aber Deutsch zu lernen. „Das liegt auch an den Lauten“, erklärt er. Am Anfang habe er auch die Unterstützung von Hildegard Dietz erhalten.

Bevor es allerdings zur Wohngemeinschaft kam, war beiden klar: „Es gibt immer zwei Seiten, die wollen müssen.“ Hildegard Dietz ergänzt dazu: „Man sollte sich schon vorher kennenlernen. Wenn das nicht so gewesen wäre, hätte ich mir sicher schwergetan.“

Hayatullah und Arman suchen noch eine Unterkunft

Die beiden Afghanen Hayatullah und Arman suchen noch eine Unterkunft wie Raeed.

Hayatullah, 22 Jahre, kam Anfang 2016 nach Bietigheim. Er spricht gutes Deutsch, sogar etwas schwäbisch und sehr gutes Englisch. Nach seinem Hauptschulabschluss an der Carl-Schäfer-Schule in Ludwigsburg wird er im September eine Ausbildung beginnen.

Arman, 22 Jahre, ist seit Ende 2016 in Bietigheim. Er spricht ebenso sehr gut Deutsch und macht ein Praktikum bei der Caritas, mit dem Ziel im September eine Ausbildung zu beginnen.

Wer ein Zimmer an einen der beiden  vermieten möchte, kann sich bei Lieselotte Haug, E-Mail lilo.haug@t-online.de, melden. cd

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel