Schwerpunkt Altbürgermeister Ein Macher und Überzeuger

Manfred List (Mitte) bei der Feier zu seinem 80. Geburtstag im vergangenen Jahr mit Ehefrau Ingrid und seinem Freund, dem ehemaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel.
Manfred List (Mitte) bei der Feier zu seinem 80. Geburtstag im vergangenen Jahr mit Ehefrau Ingrid und seinem Freund, dem ehemaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel. © Foto: Martin Kalb
Bietigheim-Bissingen / Andreas Lukesch 09.09.2017

Vom eisernen Prinzip, sich aus der Bietigheim-Bissinger Kommunalpolitik und aus der Amtsführung seines Nachfolgers Jürgen Kessing herauszuhalten, weicht Manfred List nicht ab. Nur manchmal, da juckt es ihn in den Fingern, da muss er sich zusammenreißen, sich nicht doch noch einmal einzumischen. Als es um die Biomüllvergärungsanlage im Steinbruch Fink ging, da hätte er den Verantwortlichen nur zu gern empfohlen: Lasst die Finger von dem Standort. „Man hätte sich die Chance für die letzte verbliebene Entwicklungsfläche in Bietigheim-Bissingen Richtung Petersfeld und Waldhof verbaut“, ist sich List sicher. Er empfindet es aber nicht als Genugtuung, dass der Bürgerentscheid das Projekt schließlich gekippt hat. Für ihn ist es der Abschluss eines Diskussions- und Abstimmungsprozesses – in dem Fall außerhalb des Gemeinderats, den List in seiner Zeit meist durch viele Gespräche, Einbindung und Überzeugungsarbeit für sich gewinnen konnte.

13 Jahre ist es her, dass Manfred List seinen Abschied als Oberbürgermeister genommen hat. Inzwischen ist er in einem entspannten Ruhestand angekommen. Zumindest fast, denn ganz kann es der CDU-Mann und ehemalige Landtagsabgeordnete, der 29 Jahre die Spitze im Rathaus bildete, immer noch nicht lassen. Er sitzt weiter im Kreistag und vor allem im Aufsichtsrat der Kliniken. Dort bewegt er noch viel für „sein“ Bietigheim-Bissingen. Die stationäre Krankenversorgung sei schließlich im Kreis wie am wichtigen Standort Bietigheim das zentrale Thema.

In Erinnerung an die Zeit damals, als er vom 7-Tage-Dienst in den Ruhestand wechselte, sagte List: „Eineinhalb Jahre braucht es schon, bis man sich von dem Amt und der 24-Stunden-Bereitschaft gelöst hat. Das ist eine mitunter schwierige Zeit, aber dann beginnt man die Vorzüge des Ruhestands zu genießen – vorausgesetzt man ist beschäftigt.“ Und das ist Manfred List. Neben seiner Gremienarbeit ist der 81-Jährige nach wie vor viel in Bewegung. Nach dem Termin mit der BZ ist er mit dem früheren Amtskollegen Hans-Jochen Henke in Ludwigsburg zum Tennisspielen verabredet. Er geht viel zu Fuß, betreut mit seiner Frau Ingrid die sechs Enkelkinder oder werkelt im großen Garten an seinem Haus. Und selbst da holt ihn sein früherer Job als Oberbürgermeister ein. Penibel achtet List darauf, dass das Gartenstück, das über 50 Meter an die Straße grenzt, in Ordnung ist. „Da nehme ich eine Vorbildfunktion ein, schließlich habe ich früher die Menschen immer ermahnt, haltet die Bürgersteige und Gärten sauber.“

Was ihn dazu qualifiziert hat, 29 Jahre lang die Stadt voranzubringen? Die Fähigkeit, auf Bürger zuzugehen, sagt List. „Zum Ende meiner Amtszeit habe ich zwischen 3000 und 5000 Menschen namentlich gekannt“, betont er. Auf eine solche Summe kommt nur, wer intensive Kontaktpflege betreibt und mit jedem redet, jeden ernst nimmt.

Bestelltes Feld

Das Netzwerken, das Sprechen und Überzeugen waren für List die Erfolgsrezepte seiner OB-Zeit. Talente, die ihm geholfen haben, seinem Nachfolger „ein bestelltes Feld“ zu hinterlassen, etwa eine schuldenfreie Stadt mit den niedrigsten Hebesätzen weit und breit.

Ist es gut, über drei Jahrzehnte den Posten des Oberbürgermeisters zu besetzen? Wann ist es an der Zeit für einen Wechsel? List sagt: „Ich hätte sehr gern noch ein paar Jahre länger gemacht, aber mit 68 war eben Schluss. Solange ein Amtsinhaber nicht selbst Abnutzungserscheinungen bei sich ausmacht, hat eine lange Amtszeit durchaus Vorteile.“ Dann sei er so vernetzt, dass er Erfahrungen und Kontakte effektiv zum Wohl der Stadt nutzen könne. Vorausgesetzt, er bleibt auf dem Boden, hebt nicht ab. Das Arbeiterkind List, das mit fünf Brüdern aufwuchs, war immer offen für die kleinen Leute. Das hat ihm viele Sympathien eingebracht: „Ich habe nie vergessen, woher ich komme.“

Allerdings sieht auch List die Gefahr, dass Amtsinhaber, die zu lange eine Funktion innehaben, weniger empfänglich für Ideen und Anregungen von außen werden. Aber solange man für den Beruf brennt...

Gebrannt hat List bis zum letzten Arbeitstag, voller Einsatz, ohne Rücksicht auf Freizeit oder Work-Life-Balance, wie es neudeutsch heißt. „Anders geht es nicht“, sagt List und macht darin einen der Gründe aus, warum es Parteien und Gemeinden oft so schwer fällt, Nachfolgekandidaten für den Bürgermeisterposten aufzustellen. „Man muss ein Macher sein, sich durchsetzen können und zugleich die Bevölkerung mitnehmen. Das ist heute sicher schwerer als früher, aber es ist auch nicht jedem gegeben.“