Bietigheim-Bissingen / Von Andreas Eberle  Uhr

Wenn die Handball-Frauen der SG BBM Bietigheim an diesem Samstag (18 Uhr) gegen Frisch Auf Göppingen den letzten Schritt zur deutschen Meisterschaft in Angriff nehmen, werden sie von den „Lady-Drummern“ nach vorne gepeitscht – wie bei jedem Heimspiel. Und wie bei jedem Heimspiel in der Ludwigsburger MHP-Arena wird das weiße Megabanner des trommelnden Fanklubs unübersehbar hinter dem Tor hängen. Auf der fünf Meter breiten und eineinhalb Meter hohen Lkw-Plane prangen unter dem SG-Logo die Fahnen von Belgien, Dänemark, Österreich, Polen, Schweden, der Ukraine, den Niederlanden sowie die baden-württembergische und die deutsche. Sie stehen für die Herkunftsländer der einzelnen Handballerinnen und des Trainers.

Abgesehen von den sechs deutschen Nationalspielerinnen tummeln sich gleich neun aktuelle und frühere Auswahlspielerinnen aus dem restlichen Europa im Aufgebot. Hinzu kommt der dänische Coach Martin Albertsen. Ohne diese internationale Unterstützung wäre das Erfolgsprojekt SG BBM in den vergangenen Jahren nicht möglich gewesen: Der zweite DM-Titel nach 2017 ist so gut wie eingetütet, vor zwei Jahren stand der Verein im EHF-Pokal-Finale gegen Rostov-Don (Russland), zweimal vertrat Bietigheim zuletzt Deutschland in der Champions League, der europäischen Königsklasse – gemeinsam mit dem Thüringer HC. „Als ich vor vier Jahren aus dem dänischen Viborg zur SG gewechselt bin, haben mich viele gefragt: Wohin gehst du? Bietigheim? Wo liegt das denn? Damals haben wir gegen den Abstieg gespielt. Heute kennt uns in Europa jeder“, sagt Maura Visser, eine von vier Holländerinnen im Kader. „Darauf können wir stolz sein.“

Stars ohne Star-Allüren

Die vielen Ausnahmekönnerinnen bilden auf und neben dem Feld eine verschworene Gemeinschaft. Sie eint der Hunger nach Erfolg, und Star-Allüren sind ihnen dabei fremd. Bemerkenswert für ein Ensemble, das fast ausschließlich aus Stars der Kategorie „Weltklasse“ besteht. „Wir haben es hingekriegt, dass wir als Mannschaft kämpfen, obwohl wir alle aus so vielen verschiedenen Ländern kommen“, betont Visser. Jede Gruppe bringe spezifische Elemente ein und bereichere auf diese Weise das Team, so die 33-Jährige – die Niederländerinnen zum Beispiel Kreativität, Schnelligkeit und eine gewisse Lockerheit, die Skandinavierinnen ihre exzellente Technik, die Deutschen das strukturierte Vorgehen sowie den unbändigen Kampfgeist und eine absolute Siegermentalität. „Ich finde es schön, viele unterschiedliche Kulturen und andere Typen von Menschen im Verein kennenzulernen. Wenn man täglich zusammen ist, fällt einem tatsächlich auf, dass wir alle doch aus anderen Nationen stammen. Das merkt man oft schon an kleinen Reaktionen“, sagt Rückraum- Ass Karolina Kudlacz-Gloc, die Kapitänin der polnischen Nationalmannschaft.

Weniger die Verständigung stellt ein Problem dar – in der Regel wird intern Deutsch gesprochen, mit einigen Versatzstücken aus dem Niederländischen und Dänischen. Vielmehr erschweren die übers Jahr verteilten Länderspiele und Lehrgänge der Auswahlteams die Vorbereitung und den Trainingsbetrieb beim Heimverein. Vier- bis fünfmal im Jahr sind die Nationalspielerinnen in ganz Europa unterwegs. So nimmt nur noch eine Rumpfbesetzung an den Übungseinheiten in Bietigheim teil. Auch Trainer Albertsen, der seit Februar 2018 zusätzlich die Schweizer Frauen betreut, ist dann gewöhnlich weg. „Danach kommt man aber immer mit neuer Energie zurück“, sagt Visser, die ihre internationale Karriere im Dezember 2018 beendet hat – nach dem Gewinn der Bronzemedaille bei der EM in Frankreich und 139 Länderspielen für „Oranje“. Seitdem konzentriert sie sich auf die SG BBM und ihre 14 Monate alte Tochter Mexie.

Mit einem inneren Konflikt sah sich derweil Kim Braun konfrontiert. Die in der ostbelgischen Stadt Eupen geborene und aufgewachsene Linksaußen musste sich entscheiden, für welches Land sie international antritt – Belgien oder Deutschland. Pässe hat die 22-Jährige seit einem Jahr beide. Ihre Wahl fiel auf die DHB-Auswahl, im März feierte sie gegen die Niederlande ihr Länderspiel-Debüt. „Das Niveau ist hier wesentlich höher. Ich habe mit Deutschland noch große Ziele und kann so mehr erreichen“, sagt Braun. Trotz der Absage ans Nationalteam sind die Belgier stolz auf ihr Toptalent. Die Nominierung durch den Deutschen Handball-Bund schlug im Nachbarland hohe Wellen. „Die sehen das als Chance für mich und respektieren meine Entscheidung – und sie sind froh, dass es eine von ihnen so weit geschafft hat.“

Bereits mit 16 verließ Braun Eupen sowie ihren damaligen Klub HC Eynatten und wechselte ins Sportinternat Leverkusen. Bei den „Werkselfen“ des TSV Bayer 04 gelang ihr in den folgenden fünf Jahren der Durchbruch in der Bundesliga. Vor dieser Saison heuerte sie bei der SG BBM an. „Irgendwann will ich auch noch weitere Auslandserfahrung sammeln, denn das macht eine Spielerin meiner Meinung nach aus. Ich möchte in meiner Laufbahn noch viel lernen und kennenlernen“, sagt Braun und denkt dabei in erster Linie an Frankreich – auch wegen der geografischen Nähe zu ihrer belgischen Heimat. „Aber zunächst will ich noch ein paar Jahre hier spielen.“

Aus dem „Nie“ werden acht Jahre

Für die fast zwölf Jahre ältere Visser ist Bietigheim dagegen die letzte Karrierestation. Im April hat die in Den Haag geborene Spielmacherin ihren Vertrag noch mal um eine Saison verlängert. Es wird – inklusive der drei Jahre beim HC Leipzig – ihre achte Runde in Deutschland sein. Dabei habe sie als junge Spielerin, mit 18 oder 19, einst in einem Zeitungsinterview gesagt, dass sie niemals in der Bundesrepublik spielen würde, wie Visser verrät. „Damals stand in Deutschland vor allem Kampf- und Krafthandball im Mittelpunkt. Das war nicht so mein Ding. Mir waren Technik und Schnelligkeit wichtiger“, berichtet die Rückraumspielerin von ihren damaligen Bedenken. Sowohl in Leipzig als auch in Bietigheim sei ihr dann entgegengekommen, dass sie es mit dänischen Übungsleitern zu tun gehabt habe. „Die haben einfach diesen besonderen Blick auf Handball. Vielleicht ist es am Ende meiner Zeit in Leipzig auch deshalb schiefgegangen, weil ich einen deutschen Trainer bekam.“

Jetzt, im Spätherbst ihrer Laufbahn, genieße sie die sportlichen Höhepunkte bewusster als zu Beginn – etwa die Champions-League-Auftritte, die sie und die SG BBM 2018/19 nach Lublin (Polen), Kristiansand (Norwegen), Erd bei Budapest (Ungarn) und Bukarest (Rumänien) geführt haben. „Ich weiß, dass meine Zeit als Handball-Profi bald vorbei ist und dass diese danach nie mehr wiederkommen wird. Darum versuche ich, noch möglichst viele Eindrücke mitzunehmen“, stellt Visser fest.

Rund 100 Spielerinnen aus dem Ausland stehen derzeit bei den 14 Erstliga- Vereinen unter Vertrag. Die meisten würden nach der Karriere in ihre Heimat, zu Familie und Freunden, zurückkehren, weiß Braun. Das haben auch sie und ihre Mitstreiterinnen Kudlacz-Gloc und Visser vor – obwohl sie sich im Schwabenland sehr wohl fühlen und glücklich seien, wie das Trio unisono beteuert. Braun hat mit ihren gerade mal 22 Jahren bereits konkrete Vorstellungen für die Zeit nach dem Handball: „Ich will später in Belgien Polizistin werden.“

Kudlacz-Gloc (34), die wie Visser bei der SG noch ein Jahr dranhängt, sieht ihre Zukunft mit Ehemann Jacek und dem fast zweijährigen Sohn Jakub mittelfristig ebenfalls in der Heimat – in Danzig, wo die Familie direkt an der Ostsee ein zweites Zuhause hat. „Stand heute haben wir das so geplant, aber was im Leben passiert, kann man vorher nie sagen“, meint die Rechtshänderin. Nach elf Jahren in Leipzig geht sie seit 2017/18 für Bietigheim auf Torjagd. Neben der polnischen hat Kudlacz-Gloc inzwischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft. „Ich mag Deutschland sehr und habe schon viel von der Kultur angenommen, aber ich liebe mein Land“, sagt die 1,78 Meter große Rückraumspielerin.

Übrigens: Auf etwaige Abgänge und Neuzugänge aus weiteren Ländern sind die „Lady-Drummer“ bestens vorbereitet. Die Fahnen auf dem besagten Banner des SG-Fanklubs lassen sich nämlich ganz einfach herauslösen und durch andere Flaggen ersetzen...

Nationalspielerinnen der SG BBM

Deutschland: Dinah Eckerle (Tor), Anna Loerper, Kim Naidzinavicius (beide Rückraum), Kim Braun (Linksaußen), Antje Lauenroth, Luisa Schulze (beide Kreis)

Niederlande: Charris Rozemalen, Laura van der Heijden, Maura Visser (alle Rückraum), Angela Malestein (Rechtsaußen)

Dänemark: Fie Woller (Linksaußen), Martin Albertsen (Trainer)

Aserbaidschan: Valentyna Salamakha (Tor/in der Ukraine geboren)

Österreich: Ines Ivancok (Rückraum)

Polen: Karolina Kudlacz-Gloc (Rückraum)

Schweden: Daniela Gustin (Rechtsaußen)