Dirk Kurbjuweits 2001 veröffentlichte Novelle "Zweier ohne" ist in diesem Jahr Pflichtlektüre und Prüfungsstoff für Abschlussklassen der Realschule in Baden-Württemberg. Umso konzentrierter folgten die etwa 150 Schüler der fünf zehnten Klassen an der Bietigheimer Aurain-Realschule dem halbstündigen Vortrag des 51-jährigen mehrfach preisgekrönten Autors und politischen Journalisten des Magazins "Der Spiegel" und nutzen im Anschluss die Gelegenheit, Kurbjuweit Fragen zu stellen. Felix Kron, Fachleiter Deutsch, hatte die Veranstaltung organisiert, Rektor Claus Stöckle führte kurz in das Thema ein.

Die etwa 130 Seiten umfassende, leicht lesbare Novelle "Zweier ohne" thematisiert in ruhigem Erzählton die Geschichte der sieben Jahre währenden Freundschaft von Johann und Ludwig, die im Ruderzweier ohne Steuermann immer wieder einmal Zwillingen unterliegen. Also beschließen die beiden, ebenfalls Zwillinge zu werden, um gleich stark rudern zu können: "Wir wollten Zwillinge sein. Wir wollten absolut gleich sein." Der zurückhaltende, naive und unzuverlässig mitteilende Johann ist der fiktive Erzähler der beiden Freunde, die jede freie Minute und ihre Gedanken miteinander teilen. "Nichts darf zwischen uns stehen." Die Eigenwelt der Dritte ausschließenden Freundschaft, in der Johann die Beziehung zu Ludwigs Schwester Vera geheim hält, Ludwig aber allem Anschein nach an Johann interessiert ist, findet ihren Umkehrpunkt kurz vor einem Ruderwettkampf.

Die Figuren in "Zweier ohne", führte Kurbjuweit aus, trügen zum Teil autobiografische Züge und hätten sich im Schaffensprozess weiterentwickelt - sie sind jedoch nicht erschöpfend erzählt. Dieses "Möglicherweise", die Leerstellen in Kurbjuweits Novelle, bewegte die Schüler. Hat Ludwig einen beschriebenen Unfall in selbstmörderischer Absicht geplant oder nicht? Ist er in Johann verliebt oder nicht? Der Autor hat darauf selbst keine Antwort, er hat diese Fragen bewusst offen gelassen. Das Füllen der Leerstellen will er den Lesern überlassen. Die Schüler, rät er, sollen sich beim Lesen selbst einen Sinn erschaffen.

"Zweier ohne" war, so Felix Kron, schon vor zwölf Jahren als Prüflektüre vorgesehen gewesen, doch damals waren Elternverbände und Lehrer dagegen Sturm gelaufen. Auch beim zweiten Anlauf hatten pietistische Kreise erhebliche Bedenken geäußert - Teenager in Baden-Württemberg könnten ob der wertfreien Darstellung von Bisexualität und der Beschreibung von Todessehnsucht etwa irritiert von der Schule nach Hause kommen. Der Protest war erfolgreich. Zur Wahl steht nun auch eine Alternative: das Drama "Andorra" von Max Frisch. Die Verantwortlichen an der Realschule haben sich für "Zweier ohne" entschieden. "Die Novelle", begründet Kron die Wahl, "ist schülernäher, eher ein Jugenddrama und an die Wirklichkeit der Jugendlichen anknüpfend als Andorra."