Bietigheim-Bissingen / MICHAEL KRAUTH  Uhr
Im Hornmoldhaus kann man Stadtgeschichte derzeit auf ganz besondere Weise erleben. Mithilfe der Technik des "Digital Storytelling" berichten mehrere Bürger von persönlichen Erlebnissen - und machen Geschichte dadurch erlebbar.

Über Jahrhunderte hinweg - vor allem in zeiten, als nur wenige Menschen des Lesens mächtig waren - wurde Geschichte über Geschichten vermittelt. Ob an kalten Winterabenden in der Wohnung oder bei der Arbeit auf dem Feld - über Generationen hinweg wurde Familiengeschichte oder die Geschichte eines Ortes mündlich weitergegeben.

Im Bietigheimer Stadtmuseum Hornmoldhaus greift man nun auf diese "alte" Form der Wissensvermittlung zurück - mit einer neuen technischen Herangehensweise und einem in vielerlei Hinsicht erfrischend-unterhaltsamen Effekt. "Digital Storytelling" heißt in diesem Zusammenhang die Technik, die das Team des Stadtmuseums anwendet, um Stadtgeschichte in neuer Form erlebbar zu machen.

In einem speziellen Raum im ersten Stock des Museums sind die Ergebnisse monatelanger Recherche- und Produktionszeit zu sehen. In mehreren kurzen Filmsequenzen kann man Bürger der Stadt dabei erleben, wie sie ihre ganz persönliche Geschichte aus Bietigheim erzählen. Im Kopf des Betrachters entstehen hierbei auch zahlreiche eigene Assoziationen - zu Orten, zu vergangenen Jahrzehnten oder zu regionalen Dialekten. Denn die Menschen, die beim "Digital Storytelling" ihre ganz persönliche Geschichte erzählen, tun dies in ihrer ganz eigenen Art zu sprechen. So berichtet die Künstlerin Rosemarie Gerst beispielsweise von ihren Erlebnissen im Jahr 1936, als sie in der Hillerschule gemeinsam mit ihren Mitschülerinnen zum "Zeugnissingen" antreten musste. Auch wenn die Filmsequenz keine zehn Minuten lang ist, zeigt sich schnell, warum die Methode des "Digital Storytelling" sehr dazu geeignet ist, eine Vielzahl von Eindrücken in kurzer Zeit zu vermitteln. Man nimmt Gersts Art zu sprechen wahr, sieht farbige und schwarz-weiße Fotografien vorüberziehen, während im Hintergrund leise die Melodie des Lieds erklingt, das die junge Schülerin einst anstimmen musste. Schließlich rezitiert sie das Lied "Unter Erlen stand ne Mühle" und beginnt dann selbst zu singen - wie sie es in jungen Jahren bereits getan hatte.

Laut Regina Ille-Kopp, Leiterin des Stadtmuseums, handelt es sich bei dem Weitergeben von Wissen in Form von Geschichten um eine uralte Kulturtechnik, die man nun zu Beginn des 21. Jahrhunderts mithilfe neuer Medien wieder aufgreife und erweitere. Die Methode des "Digital Storytelling" sei erstmals in den 90er-Jahren im kalifornischen Berkley entwickle worden und habe sich von dort aus in alle Welt verbreitet.

Für die aufwendige Erarbeitung des Projekts "Digitales Erbe für Bietigheim-Bissingen - Bürgerinnen und Bürger erzählen Stadtgeschichte" hat man eng mit der Kulturwissenschaftlerin Ellen Krähling zusammengearbeitet. "Bei ihr liefen zahlreiche Fäden zusammen", sagte Ille-Kopp. Unter anderem galt es, Interviews zu führen, historische Aufnahmen zu recherchieren und diese zu kurzen Filmen zusammenzustellen. Zeitweilig habe man auch über das Internet an der Fertigstellung der einzelnen Teile gearbeitet, sagt Ille Kopp. Unter anderem sind im Hornmoldhaus Erinnerungen des Autors Günther Bentele, des Paars Ralf Winkler und Constanze Vonderlind oder von Ellen Krähling selbst zu erleben. Ihr Großvater Georg Krähling hatte einst selbst im Hornmoldhaus gelebt.