Serie Berufe Die zwei Klink’schen Marktregeln

Bietigheim-Bissingen / Gabriele Szczegulski 30.07.2018

Morgens, halb fünf in Bietigheim. Die Sonne geht erst um 5.45 Uhr auf. Da ist für Rainer Klink, Metterzimmerner Gärtnermeister und Standbetreiber auf dem Bietigheimer Wochenmarkt, die Nacht vorbei und für seine Aushilfe an diesem Tag auch. Und das ist noch nicht mal früh für Klink: Dienstags, donnerstags und freitags ist er um 4 Uhr schon in Stuttgart auf dem Großmarkt, um die zehn Prozent an Obst und Gemüse einzukaufen, die er nicht selbst auf seinen 1,5 Hektar großem Grund anbaut. So sind 90 Prozent des Obsts und Gemüses, das er verkauft, aus eigenem Anbau. Damit ist Rainer Klinks Stand der einzige auf dem Bietigheimer, Bissinger und dem Markt in Buch, der eigenes Gemüse anbietet. Redakteurin Gabriele Szczegulski hat ihn im Rahmen der BZ-Sommerserie einen halben Tag begleitet.

60 Jahre Gärtnerei Klink

Um 6 Uhr wird der Stand am Marktbrunnen aufgebaut, der in einem Hänger versteckt ist. „Den kann ich direkt mit Obst und Gemüse in mein Kühlhaus fahren, das habe ich mir extra so bauen lassen“, sagt Klink, der seit 1986 die Gemüsegärtnerei leitet, die sein Vater vor 60 Jahren in Metterzimmern gründete. Nun müssen bis 7 Uhr alle Kisten verteilt, Obst und Gemüse dekorativ aufgebaut sein.

Zwei Dinge erfährt der Neuling sofort zu Beginn: Der Kunde will viel Gemüse sehen, deswegen müssen die Körbe und Tablets voll mit Karotten, verschiedenen Salatsorten, Kohl und vor allem Tomaten und Gurken sein, die derzeit in Metterzimmern im Überfluss wachsen. Die zweite Regel, die Klink aufgesetzt hat: „Das Gemüse muss den Kunden immer anschauen.“ Bevor die ersten Kunden kommen, wird das Gemüse und Obst nochmals aussortiert: Braune Salatblätter bekommen Klinks Hasen, faules Obst kommt weg, braune Bananen kosten nur noch den halben Preis. Das erste Hemd ist vom Aufbau durchgeschwitzt.

Mitten im Juli sind vor allem Tomaten und Gurken gefragt, die sind auch im Angebot: Drei ellenlange Gurken kosten nur 1,50 Euro, das Kilo Tomaten genauso viel. „Das ist, wenn man unsere Arbeit bedenkt, sehr günstig“, sagt der Gärtnermeister. Am Abend zuvor hat er nur mithilfe seiner Frau 84 Boxen Tomaten gepflückt, eine Mordsarbeit. Bei Klink und seiner Frau wird alles noch von Hand gemacht, und Bio ist sein Gemüse auch.

Anschließend geht’s zum Ernten

„Der Tag im Sommer ist schon lang, und auch am Wochenende hat man immer zu tun“, sagt er. Bis 13 Uhr steht er – normalerweise alleine – auf dem Bietigheimer Wochenmarkt, anschließend geht’s zum Ernten. „Mindestens 300 Euro Umsatz muss ich an einem Markttag schon machen, sonst kann ich es lassen“, sagt er. Deswegen gibt es auch auf dem Löchgauer Donnerstagsmarkt kein Klink-Gemüse mehr. „Die Leute sind lieber zum Discounter und haben Holland-Tomaten gekauft“.

Um das Gemüse an den Mann oder die Frau zu bringen, muss Rainer Klink zum Marktschreier werden. „Heute können Sie im Unverstand Gurken essen“, preist er seine Nachtschattengewächse an. „Der Kunde ist immer noch König“, sagt der Gärtner, hat für jeden ein nettes Wort, versucht die ersten Pfifferlinge schmackhaft zu machen oder Weinbergpfirsiche zu verkaufen. Auch wenn das Gesicht im Winter einfriert, sagt er, ein Lächeln muss immer noch gehen.

An diesem Julitag ist es eher zu heiß, auch die Schutzplanen schützen nicht vor Hitze. Alle halbe Stunde muss das Gemüse begossen werden, damit es nicht welkt und gut aussieht. „Der Kunde kauft nur, was ihm gefällt und nichts, was welk ist oder braun.“ Um kurz nach 7 Uhr kommt der erste Kunde, wie immer am Mittwoch vor der Arbeit kauft er sich sein Gemüse. Viele der Kunden, die so früh kommen, sind Stammkunden bei Rainer Klink und kaufen auch die krummen, nicht so euronorm-geraden Gurken, weil sie wissen, sie sind frisch und regional gewachsen. Für eine Kundin hat der Gärtner sogar frischen Koriander aus dem heimischen Garten mitgebracht.

Bis 9 Uhr kann man die Kunden auf dem Marktplatz an zehn Fingern abzählen, aber dann kommen immer mehr an den Stand. Das Nachfüllen der Körbe nimmt Zeit und Kraft in Anspruch, schließlich müssen die beiden Klink’schen Regeln erfüllt werden. Das Gemüse sieht trotz 30 Grad und praller Sonne gut aus. Rainer Klink hat keine Ermüdungserscheinungen. Der Aushilfe für einen Tag jedoch tun die Füße und der Rücken vom Stehen weh, der Schweiß rinnt von der Stirn. Doch das zufriedene Gefühl nach getaner Arbeit macht alles wett.

Beginn einer neuen Sommerserie

Mit dieser Geschichte beginnt die BZ-Sommerserie. Jeden Montag wird ein Artikel veröffentlicht, in dem einer unserer Redakteure beschreibt, wie er oder sie einen Tag lang in einem ganz normalen Beruf hospitierte.

In dieser Ausgabe ist es die Marktfrau. Am 6. August geht es um einen Erntehelfer. Was macht ein Bademeister den ganzen Tag (13. August)? Wir begleiten einen Müllmann (27. August) und fahren mit einer Busfahrerin mit (3. September). sz

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