Vision oder Albtraum? Diese Frage stellt sich in der neuesten Ausstellung der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen bei jedem Werk. Der Künstler Franz Radziwill hat in seinen Gemälden dokumentiert, wie die Technik des 20. Jahrhunderts in die Landschaft eingreift und damit auch in das Leben der Menschen. Zuerst, in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, waren es nur ein paar Strommasten, die der norddeutsche Maler in die platte Landschaft stellt, wo sie von Weitem schon sichtbar sind. Radziwill wird zum Dokumentator der zunehmenden Technisierung und der Industrie im 20. Jahrhundert.

Zu Anfang ist Radziwill in seinem Werk noch eher wertungsneutral oder aber eher den Fortschritt bewundernd. Doch spätestens ab dem Ende des Zweiten Weltkriegs werden die Visionen immer düsterer, bis sie rein malerisch in schlimmen Albträumen, auf die Leinwand gebannt, münden.

Thematische Bereiche

In thematische Bereiche haben Galerieleiterin Dr. Isabell Schenk-Weininger und ihre Stellvertreterin Petra Lanfermann die Werke aufgeteilt. Die Ausstellung ist eine Kooperation mit der Kunsthalle Emden, die die größte Sammlung an Radziwill-Werken beherbergt. Doch für Bietigheim wurden noch einige Werke mehr in die Ausstellung aufgenommen und dafür ein paar der Gegenwartsarbeiten eingespart. „Uns ging es vor allem darum, Franz Radziwill im Süden bekannter zu machen und zu zeigen, wie aktuell seine Arbeiten sind“, sagt Petra Lanfermann. Die letzte Ausstellung von Franz Radziwill im Süden Deutschlands war vor 24 Jahren in Ulm. Ist der Künstler im Norden Deutschlands überaus bekannt, ist in Bietigheim eine biografische Ecke, so Lanfermann, notwendig. Trotzdem sind es noch 15 Gegenwartskünstler, die meisten Radziwill-Bewunderer, die sich thematisch auf den Vorfahren einlassen.

Die Bereiche sind Landschaft mit Strommasten, das Neue gegen das Alte, die konstruierte Landschaft, Landschaft der Technik, Schiffe, Mauern und Barrikaden, Industriedenkmäler, Hochhäuser, die Kriegsmaschinerie und der Einfluss der Medien.

In diesen Bereich fällt der Zeitungsleser, der in mehreren Radziwill-Gemälden vorkommt. Er ist so versunken in das Medium, dass er sich total von der Welt abschottet, nicht mitkriegt, wie sich die Landschaft und mit ihm der Mensch verändern. Schenk-Weininger wagt den Vergleich mit der Nutzung des Smartphones und der Manipulation durch Meldungen welcher Art auch immer. Und sie hat nicht unrecht, auch hier kann die Technik Fluch und Segen zugleich sein.

Aktuelles Werk

Franz Radziwill urteilt malerisch nicht in schwarz und weiß. Für ihn ist die Technik nicht per se böse, aber auch nicht nur gut. Er warnt vor ihrem zu großen Einfluss auf den Menschen, vor allem vor ihrem Einsatz in Kriegen und damit ist er so aktuell wie zu Entstehung seiner Werke.

Franz Radziwills Leben


Die Ausstellung „Franz Radziwill und die Gegenwart – Landschaft, Technik und Medien“ in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen geht bis zum 22. April.

Franz Radziwill wurde 1895 geboren. Er machte eine Lehre zum Maurer und studierte dann Architektur in Bremen. 1923 zieht Radziwill auf Empfehlung von Karl Schmidt-Rotluff nach Dangast am Jadebusen in ein Fischerhaus. 1933 tritt er in die NSDAP ein, 1935 wieder aus. Während dieser zwei Jahre ist er Professor an der Kunstakademie Düsseldorf, er bekommt den Platz von Paul Klee. 1937/38 bekommt Radziwill Einzelausstellungsverbot, ist sogar mit frühen Werken in der Ausstellung der Entarteten Kunst. Aber Militärinstiutionen der Nazis kaufen weiterhin Gemälde bei ihm und geben welche in Auftrag. 1972 muss er wegen eines Augenleidens sein künstlerisches Schaffen beenden. Er wohnt weiter in Dangast. 1983 stirbt er in Wilhelmshaven.

Gegenwartskünstler, die mit dem Werk Radziwills in der Ausstellung korrespondieren: Heiner Altmeppen, Bernd und Hilla Becher, Edward Burtynsky, Sven Drühl, Harun Farocki, Eduardo Kac, Lohner/Carlson, Sabine Moritz, Wolfgang Petrick, Ann-Sofi Siden, Martin Spengler, Stelarc, Wolf Vostell, Maik Wolf. sz