Novemberrevolution Die Spartakisten hatten keine Chance

Kreis Ludwigsburg / Uwe Mollenkopf 09.11.2018

Im November 1918 befand sich das Deutsche Reich im fünften Kriegsjahr. Der Erste Weltkrieg hatte Millionen Tote und Verwundete gefordert, und es war klar, dass er für Deutschland nicht mehr zu gewinnen war. Bereits am 4. Oktober hatte die neue Regierung unter Prinz Max von Baden auf Drängen der Obersten Heeresleitung ein Waffenstillstandsgesuch eingereicht. Durch die Oktoberreformen war das Land zur parlamentarischen Monarchie geworden. Doch Friedensschluss und Parlamentarisierung liefen nicht reibungslos ab: Der Aufstand der Kieler Matrosen, die nicht in eine letzte Schlacht geschickt werden wollten, Anfang November, war der Auslöser für eine Revolution, die das ganze Land erfasste. Sie führte am 9. November, vor genau 100 Jahren, zum Ende der Monarchie in Deutschland und auch in Württemberg.

Zuschuss für Kartoffelkauf

In Bietigheim und Bissingen deutete in den Tagen zuvor noch wenig auf einen Umsturz hin. Der Umgang mit der Mangelwirtschaft stand im Vordergrund. Der Bissinger Gemeinderat beschäftigte sich laut einem Bericht im Enz- und Metterboten am 7. November 1918 sogar noch mit der Zeichnung von Kriegsanleihen. Denn trotz des Waffenstillstandsgesuchs gingen die Kämpfe erst einmal weiter. Es gab neue Bestimmungen zur Erfassung von Frischmilch, die Gemeinde sollte eine Milchsammelstelle einrichten, an die die Kuhhalter die Milch abliefern sollten. Ein Direktverkauf war verboten, weil landwirtschaftliche Produkte knapp waren und rationiert werden mussten. Der Gemeinderat beschloss auch einen Zuschuss für Krieger-Familien und sonstige Bedürftige zur Beschaffung von Kartoffeln.

In Ludwigsburg war es schon etwas turbulenter. Hier kam es am Nachmittag des 8. November zu einer großen Menschenansammlung am Bahnhof. Revolutionäre aus Stuttgart gingen in der Garnisonstadt von Kaserne zu Kaserne und erklärten den Soldaten, sie seien freie Männer und könnten tun, was sie wollten, wie Albrecht Sting in seiner Geschichte der Stadt berichtet. Als Folge wurde ein Soldaten- und Arbeiterrat gebildet. Dessen erste Forderung in einem Anschlag am 9. November war indes der Aufruf zu „strengster Ordnung und Disziplin“.

An diesem 9. November überstürzten sich in Berlin und Stuttgart die Ereignisse. Kanzler Max von Baden trat zurück und verkündete den Thronverzicht Kaiser Wilhelms II. – eine Bedingung von US-Präsident Woodrow Wilson für Friedensverhandlungen. Der Sozialdemokrat Friedrich Ebert übernahm die Regierungsgeschäfte. Die SPD, die eine Parlamentarisierung und keine soziale Revolution wollte, versuchte, der Unruhen, die nun ausbrachen, Herr zu werden. Deshalb wurde in Berlin auch die Republik gleich zweimal ausgerufen. Durch Philipp Scheidemann (SPD) und Karl Liebknecht. Liebknecht gehörte zum Spartakusbund, einem Teil der abgespaltenen linken USPD, aus dem später die KPD hervorgehen sollte. Dessen Ziel waren revolutionäre Veränderungen. Auch in Stuttgart übernahmen
revolutionäre Kräfte die Macht, König Wilhelm II. verließ die Stadt.

Kundgebung vor Rathaus

Am 11. November gab es dann endlich den lang ersehnten Waffenstillstand. Sowohl in Ludwigsburg als auch in Bietigheim fanden an diesem Tag Kundgebungen statt. In Bietigheim wurde diese laut Enz- und Metterboten als „Willenskundgebung zur Verfassungsänderung und raschen Beendigung des Krieges“ betrachtet. Ein Soldatenrat der örtlichen Garnison sorgte für die Aufrechterhaltung der Ordnung. Nach einem Zug durch die Hauptstadt hielt ein Heilbronner Stadtrat eine Rede am Rathaus. Übergriffe blieben aus. „Die ganze Veranstaltung vollzog sich in ruhiger, geordneter Weise“, berichtet der Enz- und Metterbote.

Auch der Reichtagsabgeordnete Wilhelm Keil (SPD), der in Ludwigsburg sprach, rief am Arsenalplatz zu Ruhe und Ordnung auf und verwarf jede Diktatur, so Sting in seiner Stadtgeschichte. Dabei dürfte auch die Entwicklung in Russland, wo 1917 die Bolschewisten die Macht ergriffen hatten, abschreckend gewirkt haben.

In Bietigheim wurde am 17. Dezember noch ein Arbeiterrat gebildet, der aber mit Schultheiß, Gemeinderat und Bürgerausschuss zusammenarbeitete. Auch in Ludwigsburg kooperierten die Räte mit Stadtverwaltung und Garnison. „Die spartakistische Bewegung zur Errichtung einer Räte-Republik hatte in Ludwigsburg keine Chance“, stellt Sting fest. Gleiches galt für Bietigheim. Bei den Wahlen zur neuen Landes- und zur Nationalversammlung im Januar 1919 hatten SPD, DDP und Zentrum, die staatstragenden Parteien der Weimarer Republik, eine ganz klare Mehrheit, wie Michael Schirpf in der Stadtchronik „Bietigheim 789 – 1989“ bilanziert.

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