Serie Berufe Die schnellen Jungs in Orange

Bietigheim-Bissingen / Frank Ruppert 27.08.2018

Wer Müllmann sein will, muss früh aufstehen. Bereits um 5.45 Uhr herrscht auf dem Betriebshof von Suez in Asperg große Betriebsamkeit. Etliche Männer in Orange bereiten ihre Müllautos vor, klären ihre Tagesroute mit dem Büro ab oder trinken zum Start in den Tag noch einen Kaffee zum wach werden. Bei meinem Tag oder besser gesagt Vormittag – als Müllmann bin ich um diese frühe Uhrzeit überraschend wach. Etwas fällt der Journalist im Foyer mit seiner neuen Hose und dem Schreibblock in der Hand dann doch auf. Die Männer nehmen mich aber alle freundlich auf und sind auch so früh schon zu Scherzen aufgelegt.

Ich werde Michael Kroll zugeteilt. Der erfahrene Lader – das ist derjenige im Team, der die Mülltonnen lädt – weist mich schnell noch in die wichtigsten Funktionen des Müllautos ein. Eine ausführliche Sicherheitseinweisung habe ich bereits einige Tage zuvor vom Niederlassungsleiter Michael Vincon erhalten. Noch im Dunkeln steige ich mit Michael – die Müllmänner sind alle per Du – ins Führerhaus zu Miroslav. Der schweigsame Jugoslawe ist der Fahrer und wird im Laufe der Stunden, die ich mit den beiden verbringe unter Beweis stellen, dass er sein Handwerk beherrscht. Egal wie klein die Altstadtgasse oder wie zugeparkt ein Wendeplatz im Wohngebiet ist, unser Fahrer bewahrt die Ruhe und manövriert schnell heraus.

Auf der Fahrt in das Gebiet der heutigen Tour nach Bietigheim verrät mir Michael, was auf uns zukommt: „Wir leeren heute Biomüll in Bietigheim“, sagt er und fügt an: „das sind in der Regel ungefähr 600 Mülltonnen.“ 600 Mülltonnen an einem Tag. Dabei wird etwa der Stadtteil Buch gar nicht angesteuert an diesem Tag. Seit 20 Jahren ist Michael dabei und hat spürbar Freude an seinem Job.  „Ich mag den Sommer am liebsten zum Arbeiten, natürlich nicht unbedingt, wenn es 35 Grad hat“, sagt Lader Michael. Der Winter gehe auch, wenn es trocken bleibe. Das Schlimmste sei jedoch als Lader im Regen zu arbeiten. Schon kurz nach Dienstbeginn sei alles nass und die Handschuhe durchtränkt.

Ein Chip hilft bei der Arbeit

Wir haben einen schönen Tag erwischt und fahren zum Sonnenaufgang in die Bietigheimer Altstadt ein, also heißt es für Michael und mich „raus aus dem bequemen Führerhaus und ran an die Mülltonnen“. Die Fahrt auf dem Trittbrett macht mir dabei am meisten Spaß. Michael zeigt mir nochmal, wie alles funktioniert, nur ist der „Kollege“ so schnell, dass ich gar nicht nachkomme. In der Folge versuche ich ihm nicht all zu sehr im Weg zu stehen. In Windeseile ist er runter von der kleinen Plattform am Ende des Müllwagens und steuert zielsicher die Mülltonnen am Wegesrand an. Ohne große Mühe schnappt er sich auch überquellende braune Tonnen, fährt sie an die Ladevorrichtung und nach dem Ausleeren wieder zurück an die Bordsteinkante. „In den Tonnen ist ein Chip, der wird erkannt und dann wird automatisch geleert“, erklärt Michael nebenbei.

Obwohl Miroslav und Michael sonst nicht zusammen fahren – in der Urlaubszeit werden die Teams gezwungener Maßen durcheinandergewürfelt – klappt die Verständigung und das Zusammenspiel reibungslos. Michael kennt jede Ecke und gibt vom Trittbrett am Ende des Autos mit Handzeichen Hinweise für den Fahrer, der seinen Lader wiederum durch eine Kamera und die Seitenspiegel immer im Blick hat. Von der Altstadt geht es in ein Wohngebiet: „Heute sind es mit Sicherheit weniger als 600 Mülltonnen. Man merkt eben doch, dass Sommerferien sind“, meint Michael, während wir an vielen Häusern ohne Biotonne vorbeifahren.

Der Gestank stört nicht lang

An einem Haus zeigt er mir den Inhalt der Biotonne, schon beim Anheben hat er gemerkt, dass sie wohl nur zu einem Viertel gefüllt ist: „Eigentlich lohnt sich das gar nicht, aber ich kann die Leute verstehen: Die Leerung kostet nicht viel und Biomüll stinkt eben, den möchte man weg haben“, erklärt Michael. Ich hatte mir den Gestank schlimmer vorgestellt und kann schon nach einer Stunde Michaels Hinweis „da gewöhnt man sich dran“ verstehen.

Es geht zurück in die Altstadt, die zu dieser frühen Morgenstunde zwei Joggerinnen und dem Lieferverkehr gehört. Miroslav muss selbst in engsten Gassen nicht lange überlegen, wie er aus einer Sackgasse wieder herauskommt. Die Abläufe wirken fast automatisiert. Und schon sind wir auf dem Weg nach Metterzimmern.

Auch abgelegene Häuser werden angefahren, manchmal nur, um dann wieder umzudrehen, weil doch keine Mülltonne zur Abholung bereitsteht. Michael berichtet mir von ungewöhnlich vollen Biomülleimern, bei denen er aus Erfahrung schon wisse, dass unten Glas und nur oben quasi zur Tarnung ein wenig Biomüll eingefüllt wurde. „Das merke ich schon wenn es in der Tonne scheppert“, sagt er.

Ein Abgeordneter als Gast

Größtes Ärgernis an diesem Vormittag ist eine Mülltonne, deren Chip nicht erkannt wird und die deshalb auch nicht geleert werden kann. Michael verschwindet im Führerhaus des Lasters und kommt mit einem Info-Zettel für die Anwohner zurück, der an der Tonne angebracht wird. Nach ein paar lehr- und leerreichen Stunden verabschiede ich mich von Michael und Miroslav. Michael, der Zeitungsleser, will noch schnell wissen, wann der Text erscheint. Er ist aber ohnehin Publicity gewohnt und ist auch schon mit einem Landtagsabgeordneten im Müllauto unterwegs gewesen. Ein letzter Gruß und als ich mich umsehe, sind die beiden schon wieder etliche Häuser weiter gezogen.

Plastikbeutel gehören nicht in die Biotonne

Biotonnen werden im Landkreis überwiegend mit Grünschnitt befüllt. 54 Prozent des Inhalts stammt laut der Abfallverwertungsgesellschaft des Landkreises Ludwigsburg (AVL) aus der Gartenarbeit. 19 Prozent sind Küchenabfälle und 10 Prozent sind weitere Nahrungsmittel. 10 Prozent machen zudem Tüten und Zeitungspapier aus.

Die Falschbefüllung von Mülltonnen ist  für Suez und die Abfallverwertungsgesellschaft des Landkreises Ludwigsburg (AVL) ein echtes Problem, weil es die Verwertung erschwert, wie Suez-Niederlassungsleiter Michael Vincon erklärt. Besonders beim Biomüll gebe es laut einer Analyse der AVL Handlungsbedarf, sagt deren Pressesprecher Markus Klohr. 97 Prozent der Stoffe in den Biotonnen im Landkreis waren Stoffe, die dort auch hingehören. Damit lag der Störstoffanteil bei drei Prozent. Der Anteil der Störstoffe hängt laut Markus Klohr eng mit der Wohnstruktur zusammen: Ein- und Zweifamilienhäuser hatten meist einen geringeren Anteil von Fremdstoffen in ihren Tonnen; in Wohnanlagen ist es meist mehr.

40 Prozent der Küchen- und Nahrungsmittel wurden laut Pressesprecher Markus Klohr in nicht abbaubaren Beuteln erfasst, etwa 30 Prozent der Küchen- und Nahrungsmittel wurden in biologisch-abbaubaren Beuteln erfasst und nur 10 Prozent in Papierbeuteln. fr

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel