Drehmoment Teil I Die Mitarbeiter spielen Theater

Von Gabriele Szczegulski 04.08.2018

Pia Lanzinger weiß mittlerweile sehr viel über die Bissinger Firma Atlanta. Nicht nur über die Geschichte der Firma, die 1933 nach der gleichnamigen amerikanischen Großstadt benannt wurde, um der schwäbischen Familienfirma einen Hauch von Internationalität zu verleihen. Sie weiß auch, dass der Sohn des Gründers 1960 in die USA auswandern will, jedoch nicht kann, weil das Land einen Einreisestopp verfügt hat. Er bleibt und übernimmt die Firma. Seine Nachfahrin, Sabine Seidenspinner, ist bis heute geschäftsführende Gesellschafterin. Pia Lanzinger weiß aber noch viel mehr von dem Innenleben der Firma, denn sie führte Dutzende Gespräche mit den Mitarbeitern. Ganz frei durfte sie mit ihnen reden, die Mitarbeiter bekamen sogar jede Minute, die sie mit ihr verbrachten, bezahlt. Joachim Schneider, Geschäftsführer Produktion und Technik, weiß „von nichts, ich weiß nicht, was sie reden und ich weiß nicht, um was es geht, aber diese Freiheit muss sein und ich bin sehr gespannt auf das Ergebnis“, sagt er. Die Mitarbeiter selbst hatten hatten durch Befragung dem Projekt zugestimmt und beschlossen, es zu unterstützen und mitzumachen.

Schneider und Seidenspinner kennen aber natürlich das Konzept, das Lanzinger nach den ersten Gesprächen für ihr Drehmoment-Kunstwerk entworfen hat. Schnell fiel ihr auf, so sagt sie, dass man „heute bei Atlanta nur wenige Mitarbeiter findet, die seit Generationen in Schwaben angesiedelt sind. Und die, das sei ihr immer wieder ganz deutlich bewusst gemacht worden, „bei Atlanta eine Art Heimat gefunden haben“. Es spiele keine Rolle, woher man stamme, wer man sei, bei Atlanta fühle man sich als Familie, sei in Sicherheit. „Diese Worte hörte ich immer wieder, dass Atlanta eine Heimat sei“, sagt Lanzinger.

Da lag bei der Künstlerin, die die Art ihrer Kunst immer nach dem ausrichtet, was sie vorfindet, nahe, „etwas mit Sprache zu machen, etwas zu erzählen und kein Abbild zu schaffen“.  Am Beispiel einer typisch schwäbischen Firma, die jedoch auch selbst ein Global Player ist, soll in einer tieferen geschichtlichen Perspektive das Thema Migration beleuchtet werden. Die Geschichten werden in eine szenische Aufführung eingebettet, die im Kronenzentrum präsentiert wird.

Die Dynamik von Ein- und Auswanderungsbewegungen habe, so sagt Lanzinger und Schneider stimmt ihr zu, zwar unter den Bedingungen der Globalisierung zugenommen, sei aber historisch nicht neu. So sind beispielsweise auch die Vorfahren einiger Mitarbeiter vor Jahrhunderten aus dem Schwabenland in die Ferne ausgewandert, während diese selbst nun wieder zurückgekommen sind. Andere haben Vorfahren, die aus den verschiedensten Gründen und in verschieden weit zurückliegenden Generationen eingewandert sind.

Sie kam auf die Arche Noah als Symbol.  „Das biblische Bild der Arche, in der man auch den größten Sturm überlebt, soll in diesem Zusammenhang die Tatsache zur Geltung bringen, dass die diversen familiären Wurzeln kein Hindernis für eine zukunftsorientierte Gemeinschaft darstellen, sondern im Gegenteil eine fruchtbare Verbindung ermöglichen. Der Titel ‚Arche Atlanta’ bietet sich aber auch an in Verbindung mit dem Firmennamen und dessen Implikation einer weitsichtigen Perspektive.“

Aus einer Zahnstange und einem Zahnrad, die Ur-Produkte der Firma Atlanta, baute sie eine Arche, die auf der Bühne im Mittelpunkt stehen wird. Auch Joachim Schneider, der vor sechs Jahren nach Bietigheim-Bissingen kam, wurde schnell das Potenzial bewusst, das die Firma birgt, weil sie immer familiengeführt war und sich die Familie Seidenspinner immer auch für ihre Mitarbeiter verantwortlich fühlte. „Da gibt es die Geschichte, dass der Firmengründer seine Bank anrief, als ein Mitarbeiter keinen Kredit zum Hausbau bekam und sagte, er bürge für jeden seiner Angestellten“, erzählt Schneider.

„Ich kam her, um die Firma wirtschaftlich besser zu positionieren, denn die Firma war früher Weltmarktführer, ruhte sich darauf aus und Umstrukturierungen wurden notwendig, um die Firma wieder besser am Markt zu positionieren und zukunftsfähig zu machen“, erklärt Schneider. „Aus dem Dinosaurier sollte ein modernes Unternehmen werden.“ Es sei ihm um eine Prozessumstrukturierung gegangen, bei der die Menschen bei Atlanta im Mittelpunkt stünden. Er habe sich jeden Arbeitsplatz angeschaut, jeden Prozess analysiert und mit jedem Mitarbeiter gesprochen. „Das war auch möglich, weil sich jeder bei Atlanta der Firma zugehörig fühlt, wie ein 100-prozentiges Familienmitglied“, sagt er. Die Antworten auf Fragen wie „Was wollt ihr erreichen, was können wir ändern, damit es wieder aufwärts geht?“ hätten zu einem Veränderungsprozess auch in der Denkweise  und zu tiefgreifenden Veränderungen geführt. Dabei seien Arbeitsplätze umgewandelt und Mitarbeiter ihren Fähigkeiten nach anders eingesetzt worden. Jetzt, so sagt Schneider, mache man wieder mehr Gewinn, sei  auf dem Markt aus dem Mittelfeld wieder an die Spitze gerückt. Die Mitarbeiterzahl sei von 220 auf 350 angewachsen. Es sei mittlerweile üblich, dass Mitarbeiter ihre Ideen aufschrieben und der Geschäftsleitung mitteilten und somit unmittelbar am Erfolg der Firma mitarbeiteten.

Und als dieser Umstrukturierungsprozess, der Jahre dauerte, wirkte, war Atlanta wieder Marktführer mit neuen Geschäftsgebieten wie der Robotik und die Firma laut Joachim Schneider bereit für dieses Kunstprojekt. „Natürlich gab es auch Tränen, aber letztendlich glauben wir, dass nun jeder im Großen und Ganzen zufrieden ist“, sagt Schneider und ist er Meinung, dass durch die szenische Aufführung die Mitarbeiter diese Umstrukturierung unter ihrer Mitarbeit dokumentieren können. „Wir haben die Menschen bei ihren Stärken gepackt, wir müssen nicht mehr über Motivation reden“, so sagt er. Und auch nicht über Migration, denn Atlanta sei, und da sei er derselben Meinung wie die Künstlerin Pia Lanzinger, ein Ort der Integration. „Aber das machen die Mitarbeiter, das kann man nicht von oben befehlen. Man kann sie nur darin bestärken, dass sie in der Firma alle gleich sind, gleichberechtigt und viel Wert“. Das werde, so Joachim Schneider, auch in Pia Lanzingers Projekt zum Vorschein kommen.

Die Berliner Künstlerin ist voll des Lobes für die Zusammenarbeit mit und in der Firma. Neben der Tatsache, dass die Mitarbeiter die Zeit, die sie für Proben und Gesprächen verwenden, bezahlt bekommen, habe sie jede Unterstützung erhalten und könne die Proben im Firmengebäude abhalten. „Die Geschäftsleitung ist offen für alles, ich bin frei in der Gestaltung und sie sind gespannt auf das Ergebnis, ohne genau zu wissen, was denn da kommt am 9. Oktober.“ Und Joachim Schneider sagt: „Wir können doch zeigen, wer wir sind und was wir können.“

Projekt Drehmoment der Kulturregion Stuttgart

In einer kleinen, dreiteiligen Serie wird das Projekt Drehmoment, das die Kulturregion Stuttgart initiierte, in Bietigheim-Bissingen vorgestellt und zwar nicht nur aus künstlerischer Sicht sondern auch von Seiten der Firmen-Verantwortlichen. Es nehmen folgende Künstler und Firmen daran teil: Pia Lanzinger und die Bissinger Firma Atlanta, Joachim Fleischer und die Bissinger Firma Dürr AG, und Nandor Angstenberger und die Firma Konzelmann in Löchgau.

Die Region Stuttgart ist einer der führenden Industriestandorte Europas. Diese Stärke möchte die Kulturregion Stuttgart nutzen und Freiräume für die Kultur schaffen. Das Projekt Drehmoment öffnet der Kunst den Zugang zu industriellen Ressourcen. Rund 35 nationale und internationale Künstler arbeiten in Industrie- und Handwerksbetrieben und entwickeln dort mithilfe der ungewohnten Möglichkeiten – Maschinen, Fertigungsprozessen, Produkten oder der Belegschaft – Kunstwerke.

Bei einem Festival vom 4. bis zum 28. Oktober kann diese außergewöhnliche Produktionskunst entdeckt werden. In der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen gibt es derzeit schon eine Ausstellung mit Werken der drei Künstler, die bis zum 14. Oktober zu sehen ist. Am Dienstag, 9. Oktober, 19.30 Uhr, wird die „kollaborative Aufführung Arche Atlanta“ von Pia Lanzinger und Mitarbeitern der Firma Atlanta im Kronenzentrum öffentlich zu sehen sein. „Weiße Zeit– eine szenische Installation mit 3 Robotern und Licht“ von Joachim Fleischer ist am Donnerstag, 11. Oktober, 18.30 Uhr, im Foyer der Dürr AG, Carl-Benz-Str. 34, zu sehen. Ein Künstlergespräch mit Joachim Fleischer gibt es am Donnerstag, 18. Oktober, 19 Uhr, bei der Dürr AG.

Durch interdisziplinäre Zusammenarbeit schafft das Projekt Drehmoment Raum für gegenseitige Inspiration, Innovation und künstlerische Forschung, indem Künstler die Grenzen technischer Infrastruktur ausloten, Verfahrensmuster aufbrechen und neue Sichtweisen ermöglichen. Im Fokus der künstlerischen Arbeiten stehen die Veränderungen in der Lebens- und Arbeitswelt, die die Gesellschaft in den kommenden Jahren betreffen werden.

Joachim Schneider (53) kommt aus Rottweil, lernte Industriemechaniker, hat Maschinenbau und Betriebswirtschaft studiert und ist seit 2012 in der Firma Atlanta, zuerst als Betriebsleiter und Prokurist, seit 2018 ist er auch Geschäftsführer. sz

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